Fankultur:Braucht Fußballfanatismus Pyrotechnik und Zaunkletterer?

Karlsruher SC v RB Leipzig  - 2. Bundesliga

Auch in Karlsruhe gab es Proteste.

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Genauso unkritisch wie mit der Marke sollen viele Fans von RB Leipzig auch bei der eigenen Mitbestimmung sein. Sie können nach den Vereinsstatuten nur Fördermitglieder werden, haben aber bei Mitgliederversammlungen kein Stimmrecht. Ist man deshalb unmündig als RB-Fan? Ohne Chance auf Mitgestaltung? "Ich war vorher Fan vom VfB Leipzig", erzählt Krug, "da wurde ich nie so aktiv in die Mitgestaltung einbezogen wie bei RB." Die Sitzplatzbindung im Fanblock wurde auf Initiative der Fanclubs aufgehoben, ein neuer Caterer auf Wunsch engagiert. "Das sind die Themen, wo ich gehört werden möchte", sagt auch Nicole Hundt, Gründerin des Fanclubs "New Red Generation". Ein Stimmrecht in Mitgliederversammlungen fehle ihr da nicht.

Profifußballvereine in Deutschland sollen laut DFL-Statuten die Mitglieder mit Stimmrecht ausstatten - wie viel Mitbestimmung in der Praxis dabei herauskommt, ist allerdings umstritten. Zwar wird in Vereinen ohne ausgelagerte Kapitalgesellschaften noch immer per Handzeichen der Mitglieder ein Präsident gewählt, aber die Teilhabe der Ultras ist vielerorts arg begrenzt. Die großen Entscheidungen (Ticketpreise, Sicherheit) sind von Schalke bis Bayern immer noch Führungssache - der einzelne Fan in der Kurve kann bei weitem nicht überall mitreden.

Apropos Kurve: Echten Fußballfanatismus im Stadion spricht man Leipzig-Fans auch gerne ab. Fußballromantiker glorifizieren Pyrotechnik gerne als atmosphärisch, der besoffene Lautgröler gilt zwar nicht als beliebter Nachbar, aber wichtig für die Stimmung. In Leipzig geht es anders zu, aber gerade deshalb lieben viele Fans den Verein. "Man trifft nicht das klassische Klientel, Leute, die auf Zäune klettern, Fußballrechte, Hooligans", sagt Krug. "Was bei uns möglich ist, geht in anderen Stadien gar nicht", sagt auch Pollmann. Fasziniert ist er vor allem von der familiären Atmosphäre: "Wir sind ein bunter Haufen, bei uns sind Kinder im Fanblock", sagt er, "in Dresden ginge das nicht, glaube ich."

Tatsächlich stellt Leipzig ja ein Gegengewicht dar zu den Schlagzeilen, die sonst oft im Fußballosten entstehen: Immer wieder fallen Fans von Vereinen wie dem Halleschen FC, Dynamo Dresden oder Energie Cottbus als gewalttätig auf, teilweise mit rechtsradikalen Tendenzen. Wer ins Leipziger Stadion geht, findet eine friedlichere Stimmung. Mit mehr als 29 000 Zuschauern im Durchschnitt führen die Leipziger die Zuschauertabelle der zweiten Bundesliga an. Sie singen, malen Transparente, denken sich Choreografien aus. Ist das kein echtes Fantum? Braucht es dafür Pyrotechnik, Zaunkletterer, jahrzehntelange Tradition?

"Wir waren ausgehungert nach schönem Fußball"

Dass ein Projekt wie RB gerade in Leipzig funktioniert, hat gute Gründe. "Wir waren ausgehungert nach schönem Fußball", sagt Fanclub-Gründerin Hundt, und auch: "Ich war früher bei der BSG Chemie Leipzig. Da habe ich zweimal die Insolvenz miterlebt (sie meint damit den FC Sachsen Leipzig; Anm. d. Red.)." Dass dann Red Bull kam und professionell etwas aufbauen wollte, habe sie begeistert. "Es ist schön, dass man hier eine gewisse Sicherheit hat: Was ich lieb gewonnen habe, muss ich nicht gleich wieder hergeben." Für die Region sei RB ohnehin wie ein "Sechser im Lotto", sagt auch Dosenenthusiast Pollmann. Hochklassigen Fußball gab es in der Form nach der Wende nicht mehr. Im Sommer wurde in Leipzig ein millionenschweres Nachwuchszentrum von Red Bull eröffnet. "Das ist eine wunderbare Chance für junge Talente, hier eine ordentliche Sportausbildung zu bekommen", sagt Hundt. Ein Grund weniger, die Region zu verlassen.

Das Hauptmotiv vieler Leipzig-Fans ist eines, das gerade aus dem Fakt erwächst, eben keinem Traditionsverein zu folgen. "Man hat die einmalige Chance, etwas von Anfang an mitzuerleben", sagt Matthias Kämmerer. Für sein Buch hat er gleich 111 Gründe gefunden, RB Leipzig zu lieben, schwer gefallen ist dem 35-Jährigen das nicht. "Der Verein polarisiert, aber das ist sogar positiv für die Entwicklung des Ganzen", sagt er. Dass die Fanszene immer weiter zusammenrückt, je mehr Provokationen von außen kommen, fällt in den Gesprächen mit den Fans immer wieder.

An den Rest der Fußballnation ist das eine Botschaft: RB-Leipzig-Fans sind ein neuer Teil der Fußballkultur im Land. Ob das den anderen gefällt, oder nicht.

© SZ.de/jbe/dd
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