Fankultur:Beef um die Brause

VfL Bochum - RB Leipzig

Bochumer Fans protestieren gegen RB Leipzig.

(Foto: dpa)

Anhängern von RB Leipzig wird oft ein echtes Fansein abgesprochen. Zu Recht?

Von Saskia Aleythe

Besonders geschmacklos wurde es im Februar 2015. Auswärtsspiel bei Erzgebirge Aue, die heimischen Fans entrollen drei Spruchbänder. Der Verein wird sich später bei RB Leipzig für die Botschaft entschuldigen, der DFB eine Geldstrafe von 35 000 Euro verhängen. Auf den Transparenten steht: "Ein Österreicher ruft und ihr folgt blind, wo das endet weiß jedes Kind, ihr wärt gute Nazis gewesen!"

Nazis also. Dafür, dass man einen Fußballverein unterstützt. Anfeindungen gegen andere Fußballfans sind so alt wie der Sport selbst, aber seit RasenBallsport Leipzig durch die Millionen von Red-Bull-Mäzen Dietrich Mateschitz in die Bundesliga drängt, scheinen sie neue Dimensionen anzunehmen. Allen gemein ist die Überzeugung: Wer den Fußball liebt, kann kein Fan von RB Leipzig sein, diesem vermeintlichen Konstrukt eines Brausekonzerns. Die Motive, so einen Verein zu lieben, gelten manchen als rätsel-, vielen als zweifelhaft. Doch sind sie das?

Auf SZ.de-Anfrage melden sich verschiedene Fanclub-Vertreter, um einen Einblick in ihr Fanleben zu geben.

Wer sich mit Vorurteilen über RB-Leipzig-Fans auseinandersetzt, muss nicht lange suchen: Sie gelten als Eventfans, die blind der Marke Red Bull folgen und unkritisch mit dem großen Geldgeber umgehen. Motive, einen Verein zu lieben, gibt es so viele wie es Fans gibt, für manche steht die Marke Red Bull mehr im Fokus als für andere.

Christian Krug ist Gründer des ersten Red-Bull-Fanclubs, dem Bulls Club, den es schon seit 2009 gibt. "Ich habe schon zu Schulzeiten oft Red Bull getrunken, seitdem verfolge ich den Werdegang der Marke", erzählt der 35-Jährige, "so bin ich auch zu RB Leipzig gekommen." Für ihn steht die Marke gefühlt nicht großartig im Mittelpunkt im Verein, "wenn man ins Stadion geht, ist Red Bull gar nicht so präsent."

"Ich kaufe schon mal extra eine Dose Red Bull"

Das ist Ansichtssache. Wer nach Leipzig zum Fußball fährt, kommt in die "Red Bull Arena", im Stadioninneren weist die Hälfte der Getränkekarte Red-Bull-Sorten aus. Die Mannschaft wird im Verein und von den meisten Fans als die "roten Bullen" bezeichnet, das Maskottchen ist, na klar, ein Bulle, sein Name: Bulli. Von den 22 offiziellen Fanclubs, die der Verein auflistet, taucht in 15 ein Bulle auf. Man kann das unkritisch sehen, eine Identifizierung mit dem Verein ohne Bullen ist halt so gut wie unmöglich. Aus Sicht von Mateschitz ist genau das aber vermutlich höchst erfreulich.

Eine Interessengemeinschaft, die sich gegen die "Verbullisierung" ihres Vereins richtet, nennt sich Rasenballisten. Jene Rasenballisten kritisieren die Überfrachtung der Marke - sie drücken ihrem Klub aber ebenso fest die Daumen. "Die Identität von RB Leipzig ist in erster Linie Red Bull. Wir versuchen, andere Identifikationsmerkmale zu schaffen", sagt Graham Kaufmann, "das wären der Fokus auf die Stadt und das gesellschaftliche Leben in ihr." Kaufmann agiert als Sprecher der Rasenballisten, ist aber eigentlich eine Kunstfigur. Seinen richtigen Namen will er nicht veröffentlicht sehen.

Ist es nun unfair, wenn sich ein Großinvestor in den deutschen Fußball einkauft? "Profisport ist unserer Ansicht nach in der heutigen Zeit nicht ohne potente Geldgeber möglich", heißt es bei den Rasenballisten. "Die einen haben Audi und die Allianz um sich, wir eben Red Bull", sagt Werner Pollmann. Der 64-Jährige ist Mitglied im christlichen Fanclub "Holy Bulls", war früher Anhänger von Borussia Mönchengladbach, seit 2009 unterstützt er RB Leipzig. Red Bull hatte er nie getrunken, das hat sich nun geändert. "Ich kaufe schon mal extra eine Dose Red Bull. Um den Leuten zu zeigen: Ich stehe voll dahinter."

Braucht Fußballfanatismus Pyrotechnik und Zaunkletterer?

Karlsruher SC v RB Leipzig  - 2. Bundesliga

Auch in Karlsruhe gab es Proteste.

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Genauso unkritisch wie mit der Marke sollen viele Fans von RB Leipzig auch bei der eigenen Mitbestimmung sein. Sie können nach den Vereinsstatuten nur Fördermitglieder werden, haben aber bei Mitgliederversammlungen kein Stimmrecht. Ist man deshalb unmündig als RB-Fan? Ohne Chance auf Mitgestaltung? "Ich war vorher Fan vom VfB Leipzig", erzählt Krug, "da wurde ich nie so aktiv in die Mitgestaltung einbezogen wie bei RB." Die Sitzplatzbindung im Fanblock wurde auf Initiative der Fanclubs aufgehoben, ein neuer Caterer auf Wunsch engagiert. "Das sind die Themen, wo ich gehört werden möchte", sagt auch Nicole Hundt, Gründerin des Fanclubs "New Red Generation". Ein Stimmrecht in Mitgliederversammlungen fehle ihr da nicht.

Profifußballvereine in Deutschland sollen laut DFL-Statuten die Mitglieder mit Stimmrecht ausstatten - wie viel Mitbestimmung in der Praxis dabei herauskommt, ist allerdings umstritten. Zwar wird in Vereinen ohne ausgelagerte Kapitalgesellschaften noch immer per Handzeichen der Mitglieder ein Präsident gewählt, aber die Teilhabe der Ultras ist vielerorts arg begrenzt. Die großen Entscheidungen (Ticketpreise, Sicherheit) sind von Schalke bis Bayern immer noch Führungssache - der einzelne Fan in der Kurve kann bei weitem nicht überall mitreden.

Apropos Kurve: Echten Fußballfanatismus im Stadion spricht man Leipzig-Fans auch gerne ab. Fußballromantiker glorifizieren Pyrotechnik gerne als atmosphärisch, der besoffene Lautgröler gilt zwar nicht als beliebter Nachbar, aber wichtig für die Stimmung. In Leipzig geht es anders zu, aber gerade deshalb lieben viele Fans den Verein. "Man trifft nicht das klassische Klientel, Leute, die auf Zäune klettern, Fußballrechte, Hooligans", sagt Krug. "Was bei uns möglich ist, geht in anderen Stadien gar nicht", sagt auch Pollmann. Fasziniert ist er vor allem von der familiären Atmosphäre: "Wir sind ein bunter Haufen, bei uns sind Kinder im Fanblock", sagt er, "in Dresden ginge das nicht, glaube ich."

Tatsächlich stellt Leipzig ja ein Gegengewicht dar zu den Schlagzeilen, die sonst oft im Fußballosten entstehen: Immer wieder fallen Fans von Vereinen wie dem Halleschen FC, Dynamo Dresden oder Energie Cottbus als gewalttätig auf, teilweise mit rechtsradikalen Tendenzen. Wer ins Leipziger Stadion geht, findet eine friedlichere Stimmung. Mit mehr als 29 000 Zuschauern im Durchschnitt führen die Leipziger die Zuschauertabelle der zweiten Bundesliga an. Sie singen, malen Transparente, denken sich Choreografien aus. Ist das kein echtes Fantum? Braucht es dafür Pyrotechnik, Zaunkletterer, jahrzehntelange Tradition?

"Wir waren ausgehungert nach schönem Fußball"

Dass ein Projekt wie RB gerade in Leipzig funktioniert, hat gute Gründe. "Wir waren ausgehungert nach schönem Fußball", sagt Fanclub-Gründerin Hundt, und auch: "Ich war früher bei der BSG Chemie Leipzig. Da habe ich zweimal die Insolvenz miterlebt (sie meint damit den FC Sachsen Leipzig; Anm. d. Red.)." Dass dann Red Bull kam und professionell etwas aufbauen wollte, habe sie begeistert. "Es ist schön, dass man hier eine gewisse Sicherheit hat: Was ich lieb gewonnen habe, muss ich nicht gleich wieder hergeben." Für die Region sei RB ohnehin wie ein "Sechser im Lotto", sagt auch Dosenenthusiast Pollmann. Hochklassigen Fußball gab es in der Form nach der Wende nicht mehr. Im Sommer wurde in Leipzig ein millionenschweres Nachwuchszentrum von Red Bull eröffnet. "Das ist eine wunderbare Chance für junge Talente, hier eine ordentliche Sportausbildung zu bekommen", sagt Hundt. Ein Grund weniger, die Region zu verlassen.

Das Hauptmotiv vieler Leipzig-Fans ist eines, das gerade aus dem Fakt erwächst, eben keinem Traditionsverein zu folgen. "Man hat die einmalige Chance, etwas von Anfang an mitzuerleben", sagt Matthias Kämmerer. Für sein Buch hat er gleich 111 Gründe gefunden, RB Leipzig zu lieben, schwer gefallen ist dem 35-Jährigen das nicht. "Der Verein polarisiert, aber das ist sogar positiv für die Entwicklung des Ganzen", sagt er. Dass die Fanszene immer weiter zusammenrückt, je mehr Provokationen von außen kommen, fällt in den Gesprächen mit den Fans immer wieder.

An den Rest der Fußballnation ist das eine Botschaft: RB-Leipzig-Fans sind ein neuer Teil der Fußballkultur im Land. Ob das den anderen gefällt, oder nicht.

© SZ.de/jbe/dd
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