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Europa League:Das Platini-Patent

Die Uefa hat das Torrichter-Projekt in der Europa League bis zum Finale verlängert - nicht unbedingt zur Freude der Schiedsrichter.

So ein Videotext ist schon eine praktische Einrichtung. Wer kundig zappt, erfährt eine Menge, mitunter sogar über sich selbst. Auf diese Weise haben die Schiedsrichter Peter Sippel, Markus Schmidt, Peter Gagelmann und Babak Rafati kürzlich mitbekommen, dass sie auch in der Rückrunde donnerstagsabends Termine haben werden, in Istanbul, Tel Aviv oder Kasan. Die vier sind Hauptpersonen in jenem kuriosen Pilotprojekt, das der europäische Fußballverband (Uefa) seit September unterhält: Sie sind Torrichter in der Europa League.

Europa League: Torrichter

Einsamer Mann an der Torlinie: der Torrichter.

(Foto: Foto: Getty)

Sippel und Schmidt gehören zum Gespann des DFB-Schiedsrichters Knut Kircher, Gagelmann und Rafati bewachen im Team des Schiedsrichters Michael Weiner die Torlinien. In dieser Woche, da die Vorrunde des kleinen Europacups endet, sollte ursprünglich auch das Torrichter-Projekt sein verdientes Ende finden. Aber so still und leise, wie es eingeführt wurde, so still und leise haben die Uefa-Strategen das Projekt plötzlich bis zum Saisonende verlängert: Auch in der Finalrunde der Europa League - inklusive Endspiel - werden nun Torrichter hinter den Toren stehen und sich fragen, was genau sie da eigentlich machen sollen.

Außer dass es ihn gibt, ist wenig bekannt über den Torrichter, und nicht wenige Schiedsrichter finden, dass das auch gut so ist. Er soll über Tor oder Nicht-Tor mit entscheiden, er darf aber auch bei Elfmetersituationen petzen, und manchmal darf er ein paar Meter ins Spielfeld einrücken, wobei das der eine Torrichter eher macht und der andere eher nicht. Dem Torrichter hat man vom ersten Tag an den unausgegorenen Kompromiss angesehen, auch die Referees haben diese Erfindung von Anfang an skeptisch begleitet; denn längst plädiert auch die Schiedsrichtergilde in der Frage "Tor oder Nicht-Tor" für technische Hilfsmittel wie die Hintertorkamera oder den (längst funktionsfähigen) Chip im Ball.

Die Schiedsrichter wissen ja aus leidvoller Erfahrung, dass vier Augen nicht zwingend mehr sehen als zwei, eine Erkenntnis, die auch in der Europa League wieder bestätigt wurde. Einmal rief der Torrichter Markus Schmidt, der nur ein paar Meter vom Tatort entfernt war, "Elfmeter" in sein Headset; der Schiedsrichter Knut Kircher, der mindestens 30 Meter entfernt stand, entschied aus seiner Wahrnehmung auf Eckball - zu Recht.

Auf den ersten Blick mag es erstaunlich klingen, dass die Uefa für einen Torrichter kämpft, den nicht mal die Torrichter wirklich wollen. Das können sie aber nicht laut sagen, denn die Uefa hat ihren Unparteiischen beim Thema Torrichter eine nette, kleine Schweigepflicht (vulgo: Maulkorb) auferlegt. Viele Schiedsrichter ahnten schon, was kommen würde, als sie Mitte November in tausend Wiederholungen Thierry Henrys Handspiel im WM-Relegationsspiel gegen Irland sahen. In der Tat hat die Uefa die Missetat des französischen Stürmers umgehend als Plädoyer für den Torrichter interpretiert - kurz darauf wurde eine Pressemitteilung über die Verlängerung des Pilotprojekts verfasst, welche im weltweiten Videotext landete.

Die Motivlage der Uefa ist vielfältig und geht weit über die übliche Technikfeindlichkeit der Funktionäre hinaus, die technische Hilfen für Teufelszeug halten. "Zum Erfolg verdammt" sei dieses Projekt, sagt ein ehemaliger europäischer Spitzenschiedsrichter, der die Debatten im Verband kennt. Uefa-Chef Michel Platini hat den Torrichter offenbar zu seinem persönlichen Projekt erklärt: Zum einen handele es sich wohl um "eine Art Patent-Denken", sagt der Verbandskenner; Platini möchte einen Akzent setzen, der nur ihm allein gehört.

Noch nicht weltweit

Zum anderen passt der Torrichter ideal in Platinis politische Linie, die sich den kleineren Verbänden verpflichtet fühlt - Verbänden, die er als geeignete Stimmenbeschaffer erkannt und denen er bereits den Zugang zur Champions League erleichtert hat. Die Schiedsrichter aus den kleineren Verbänden gelten als Befürworter des Torrichters - wenn statt vier Schiedsrichtern pro Spiel künftig sechs zum Einsatz kommen, erhöht das für Referees aus Luxemburg oder Litauen die Chance, auf die prominente europäische Bühne zu klettern. Und der hohe finanzielle Aufwand, den es braucht, um pro Spiel einen Sechserpack Schiris quer durch Europa zu fliegen, der muss ja auch nur die Uefa kümmern - sie zahlt.

Ob es der Torrichter irgendwann auch zu Weltmeisterschaften und hinein in die großen Ligen schafft, ist offen. Weltweit einführen müsste ihn das International Board der Fifa, das einmal jährlich tagt. Im Jahr 2010 dürfte der Torrichter noch nicht auf der Agenda stehen, 2011 womöglich schon. Und dann könnte es darauf ankommen, ob der Fifa-Chef Sepp Blatter dem Uefa-Chef Platini ein eigenes Patent gönnt.

© SZ vom 16.12.2009/jüsc

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