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Herzstillstand:Der rettende Stromstoß in der Brust

Röntgenaufnahme eines Defibrillators.

(Foto: Paul T/CC-by-sa-3.0)

Der Däne Christian Eriksen soll nach seinem Herzstillstand einen Defibrillator eingesetzt bekommen. Dass er damit in den Profisport zurückkehren kann, ist keineswegs sicher.

Von Werner Bartens

Der dänische Mittelfeldspieler Christian Eriksen soll künftig vor einem Herzstillstand geschützt sein. Nach seinem Kollaps auf dem Spielfeld wird dem 29-Jährigen ein Defibrillator eingesetzt. "Nach diversen Untersuchungen des Herzens von Christian wurde entschieden, dass ihm ein Defibrillator implantiert wird", teilte der dänische Verband (DBU) mit. Die Behandlung werde "nach einem Herzinfarkt aufgrund von Rhythmusstörungen benötigt." Experten hätten übereinstimmend vorgeschlagen, dem Nationalspieler einen sogenannten implantierbaren Kardioverter-Defibrillator (ICD) einzupflanzen. Eriksen sei damit einverstanden, hieß es in der Erklärung des dänischen Verbandes. Der 29-Jährige war am Samstag in der Partie gegen Finnland in der 43. Spielminute kollabiert, Notärzte und Sanitäter retteten mit sofort eingeleiteten Wiederbelebungsmaßnahmen sein Leben.

"Er hat einen plötzlichen Herztod überlebt, was auch immer die Ursache dafür war", sagt Martin Halle, Chef der Sportmedizin an der Technischen Universität (TU) München. In der Fachsprache wird ein solcher Herzstillstand als "sudden cardiac death" bezeichnet, auch wenn die Betroffenen überleben. "Er ist gut untersucht und durchgecheckt worden, aber bisher ist der Grund offenbar unklar." Bei jungen Menschen ist in etwa der Hälfte der Fälle eine Hypertrophe Kardiomyopathie der Grund für einen Herzstillstand. "Die lässt sich aber mit relativ einfacher Diagnostik erkennen, weil die verdickten Herzwände sich im Ultraschall und in typischen EKG-Veränderungen zeigen", sagt Halle. "Das müsste bei einem regelmäßig von Ärzten betreuten Spitzensportler aufgefallen sein." Bei der Hypertrophen Kardiomyopathie ist die Struktur des Herzmuskels so stark verändert, dass die Erregung nicht mehr richtig weitergeleitet wird.

Innerhalb von 15 bis 20 Minuten ist der Defibrillator eingepflanzt

Da Profisportler regelmäßig durchgecheckt werden, sei bei Eriksen als Ursache eine Myokarditis wahrscheinlicher. Der Herzstillstand wird hier meist durch Kammerflimmern ausgelöst, dabei kontrahiert sich der Herzmuskel unkoordiniert etwa 300 Mal pro Minute. Im Vergleich zum Herzschrittmacher, der das Herz kontinuierlich unterstützt und mit dem Leistungssport möglich ist, gibt der ICD bei Bedarf Elektroschocks ab. Das Gerät ist nur so groß wie eine Streichholzschachtel und kostet bis zu 30 000 Euro. Zumeist wird es direkt unter der Haut, unterhalb des Schlüsselbeins, eingepflanzt. Das Kabel wird über die Schlüsselbeinvene bis in die rechte Kammer vorgeschoben und dort in der Wand des Herzens verankert. Der Eingriff dauert 15 bis 20 Minuten, anschließend wird die Lage kontrolliert. In den nächsten Tagen folgen weitere Kontrollen, ob sich das Kabel nicht verschoben hat und ob die Elektronik funktioniert.

"Kommt es erneut zum Flimmern, erfolgt sofort der rettende Stromstoß", sagt Sportmediziner Halle, der auch Kardiologe ist. "Das funktioniert wie bei den äußeren Defis, die in U-Bahnen hängen, nur eben von innen." Die Geräte sind so ausgefeilt, dass sie sehr wohl unterscheiden können, ob jemand aufgeregt ist, sich gerade sehr anstrengt oder harmloses Herzstolpern hat; ein ICD wird nur beim lebensbedrohlichen Kammerflimmern aktiv.

Kann Eriksen in den Spitzensport zurückkehren?

Welche Belastungen anschließend möglich sind, ist umstritten. "Für den Leistungssport ist ,umstritten' aber ein beschönigender Ausdruck, die Karriere in einer Profiliga ist hinterher vorbei", erwartet auch der Sportkardiologe Halle: "Es gibt definitiv keine Freigabe für dieses Niveau." Zumindest beim italienischen Serie-A-Klub Inter Mailand, wo Eriksen unter Vertrag steht, dürfte er kaum bleiben können: In Italien sind die Regeln besonders streng.

Einerseits ist die Lage des ICD unter dem Schlüsselbein heikel, weil bei der mechanische Belastung durch Sport Kabelbrüche drohen. Zudem lösen ICD zwar mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit einen lebensrettenden Stromschlag aus, aber eine hundertprozentige Garantie dafür gibt es nicht. "Wenn es irgendeinen Grund gibt, dass Eriksen wieder Kammerflimmern bekommt, dann darf er keinen Leistungssport mehr betreiben, da gibt es keine Diskussion", sagt Halle. "Wenn das Leiden ausgeheilt wäre, dürfte er weiterspielen. Das macht man besonders bei Herzmuskelentzündungen, von denen jemand komplett genesen ist."

So sind auch die seltenen Fälle von Spielern zu erklären, die trotz ICD weiterhin aktiv sind. Dem holländischen Nationalspieler Daley Blind von Ajax Amsterdam beispielsweise wurde 2019 ein ICD eingebaut - nach einer ausgestandenen Herzmuskelentzündung. Halle geht davon aus, dass bei ihm alle Untersuchungen und Anzeichen dafür sprachen, dass keine Gefahr eines Kammerflimmerns mehr besteht. In Deutschland war Daniel Engelbrecht von den Stuttgarter Kickers der erste Fußballprofi, der nach einem dramatischen Zusammenbruch im Jahr 2013 mit ICD-Defibrillator spielte. Zum Fall Eriksen sagt Engelbrecht: "Er muss jetzt ruhig machen, der Fußball muss ganz weit hinten anstehen."

© SZ/cca/tbr
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