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Christian Eriksen:Der Regisseur

Fußball EM - Dänemark - Finnland

Christian Eriksen war der Herr aller Ecken bei den Dänen - jetzt ist er raus.

(Foto: Wolfgang Rattay/dpa)

Christian Eriksen nannte Dänemarks Team vor der EM "das beste, das ich je gesehen" habe. Der Grund dafür war hauptsächlich er selbst.

Von Javier Cáceres, Bukarest

Am Vorabend der Auftaktpartie der Dänen gegen Finnland hatte Christian Eriksen, 29, Vorfreude in rauen Mengen versprüht. Nicht viel davon unterschied sich von den üblichen Plattitüden, die vor Turnieren wie einer Fußball-EM Konjunktur haben. Aber seine Worte waren von aufrichtigem Optimismus getragen.

"Wir können das Überraschungsteam des Turniers werden; ich glaube, dies ist das beste dänische Team, in dem ich je gespielt habe", sagte Eriksen. Nur: Das "beste Team" in Eriksens zehnjähriger Nationalmannschaftskarriere war die diesjährige Auswahl Dänemarks vor allem seinetwegen, wegen Eriksen. Nach seinem dramatischen Kollaps im 109. Länderspiel seiner Karriere ist das Turnier für ihn vorbei.

Eriksen hatte einigen Grund, mit Zuversicht und Zutrauen auf die EM zu schauen. Mit seinem Verein, Inter Mailand, war er gerade erst italienischer Meister geworden, es war der erste Ligatitel für die Lombarden nach elf Jahren. Das lag auch daran, dass Eriksen im vergangenen Halbjahr endlich der Schlüsselspieler geworden war, den sie sich in Mailand erhofft hatten, als sie ihn im Januar 2020 beim englischen Premier-League-Klub Tottenham Hotspur abwarben, für 20 Millionen Euro Ablöse.

Lukaku half Eriksen bei der Eingewöhnung in Italien - auch als Übersetzer

In 17 der letzten 19 Saisonpartien stand Eriksen in der Startformation Inters, alle seine drei Saisontore erzielte er im Endspurt einer Spielzeit, in der er insgesamt auf nur 26 Einsätze kam. Eriksen habe "Anpassungsprobleme" gehabt, erklärte Inters bisheriger Trainer Antonio Conte im Frühjahr, "sich in einem so taktischen Fußball wie dem italienischen zurechtzufinden", sei "nicht so einfach". Wobei das Wort von den Anpassungsproblemen sogar noch untertrieben war.

Als in Norditalien im Zuge des Lockdowns auch die Hotels geschlossen wurden, hatte der frisch eingewanderte Däne noch keine Wohnung gefunden, er musste auf das Trainingsgelände Inters ausweichen. In jenen Tagen war ihm vor allem der belgische Inter-Stürmer Romelu Lukaku eine Stütze, er übersetzte für ihn aus dem Flämischen (das Eriksen aus seinen Jahren bei Ajax Amsterdam kennt) ins Italienische und umgekehrt. Trainer Conte wiederum hatte seine Schwierigkeiten, die richtige Position für den torgefährlichen Offensivgeist Eriksen zu finden. Eriksen ist ein "trequartista" vor dem Herrn, wie man in Italien sagt - sprich: der klassische Regisseur, der an der Schwelle zum letzten Viertel operiert.

In England hat Eriksen offenkundig die Blase der Fußballmillionäre verlassen

Eriksen wurde in Middelfart geboren, einer kleinen Gemeinde der Region Süddänemark - in Dänemarks triumphalen EM-Jahr 1992. In Middelfart begann er auch, als Bub Fußball zu spielen. Nach seinem Wechsel in die Jugend von Odense BK galt er rasch als Hochbegabter, der von vielen europäischen Spitzenklubs umschwärmt wurde.

Er ging 2008 in die Nachwuchsabteilung von Ajax. Dort versprach er sich eine bessere Ausbildung als etwa beim ebenfalls interessierten spanischen Rekordmeister Real Madrid. Und eine größere Durchlässigkeit: Schon 2010 debütierte er in der ersten niederländischen Liga. Drei Jahre (und drei Meistertitel) später hatte sich sein Marktwert verdreizehnfacht. Für 13 Millionen Euro wechselte er zu Tottenham Hotspur.

In England kam Eriksen nicht nur wegen seines feinen Spiels gut an. Sondern auch, weil er offenkundig die Blase der Fußballmillionäre verließ. Heutzutage gelten U-Bahn-Fahrten, wie sie Eriksen in Begleitung seiner Freundin Sabrina nachgewiesen wurden, ja bereits als Beleg für eine zumindest verblüffende, tendenziell heldenhafte Bodenständigkeit. Zuletzt hieß es, der zweifache Vater erwäge, nach der EM nach England zurückkehren - oder er folge womöglich den Lockrufen seines früheren Tottenham-Trainers Mauricio Pochettino, der nunmehr bei Paris Saint-Germain angestellt ist. Doch seit diesem Wochenende muss Eriksen wohl zunächst einmal die Frage klären, wie es ihm in nächster Zeit gesundheitlich geht.

© SZ/fhas/bek/cca/and
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