Schwimmerin Anna Elendt bei der WM:Power aus Texas

Lesezeit: 4 min

Schwimmerin Anna Elendt

Anna Elendt gewinnt Silber über 100 Meter Brust in Budapest.

(Foto: Quinn Rooney/Getty Images)

Anna Elendt gewinnt die erste deutsche Medaille über 100 Meter Brust seit 1991 - auch weil sie nicht mehr in der Heimat trainiert, sondern den Sprung in die USA gewagt hat.

Von Sebastian Winter, Budapest

Klar, die Geschichte mit dem Cut musste Anna Elendt dann doch erzählen. Es fiel ja auf, das Pflaster neben ihrem linken Auge, das sie schon im Halbfinale dieser Schwimm-Weltmeisterschaften über 100 Meter Brust in Budapests Duna Arena getragen hatte. Die 20-Jährige hat aber eine nicht unwichtige Gabe geschenkt bekommen: die Verve, auch bei Themen einfach draufloszureden, die anderen aus dem deutschen Team wohl die Sprache verschlagen hätten. Also:

"Ich habe mein Zimmer aufgeräumt zu Hause und wusste nicht, dass der Spiegel nicht in der Wand festgemacht war. Der stand halt auf einer Kommode drauf, ich habe die Kommode bewegt und dann ist mir der Spiegel ins Gesicht gefallen. Platzwunde am Montagmorgen." Und ziemlich doof, ein paar Tage vor der WM.

Die Stelle schmerzte auch am Montagabend noch, wie Elendt gestand, aber gleichzeitig baumelte ihr diese silberne Medaille um den Hals. Sie war mit Cut am Montagabend mal eben in 1:05,98 Minuten zu WM-Silber geraced, wie sie das selbst sagen würde, nur fünf Hundertstel hinter der Italienerin Benedetta Pilato, aber vor Größen ihres Sports wie den Weltmeisterinnen und Olympiasiegerinnen Ruta Meilutyte (Litauen, Bronze) und Lilly King (USA, Vierte). Ganz insgeheim wird sie sich sogar gedacht haben: Mensch, wenn ich noch ein paar Hundertstel an meinen deutschen Rekord aus dem Frühjahr (1:05,58) herangekommen wäre, dann hätte es locker für Gold gereicht. Jedenfalls hatte sie das noch ein paar Tage vor der WM betont: dass sie versuchen möchte, ihren Bestzeiten nahezukommen.

Anna Elendt wechselte die Schule, wohnte im Schwimminternat, machte Abitur

Elendt hat trotzdem nicht mit Silber gehadert, warum auch, es ist ihr erstes Edelmetall bei einer Weltmeisterschaft, außerdem das zweite für den DSV in Budapest nach Platz zwei für Lukas Märtens auf den 400 Metern Freistil vom Samstag - und die erste WM-Medaille auf dieser Strecke seit Jana Dörries' Silber 1991 in Perth. Dabei hatte es lange Zeit danach ausgesehen, als würde Anna Charlott Darcel Elendt - ihre zwei weiteren Vornamen rühren von den karibischen Wurzeln ihrer Familie mütterlicherseits - zwar eine gute Brustschwimmerin werden, aber Weltspitze?

Zwei Männer haben (neben ihrem Heimatverein TV 1862 Langen, dem dortigen Cheftrainer Steffen Anthes und ihrer Familie; die Eltern waren live in Budapest dabei) mit ihrem Aufstieg zu tun, noch bevor sie 2020 an die University of Texas wechselte, zur 25-köpfigen Schwimmgruppe der angesehenen Trainerin Carol Capitani: Alexander Kreisel vom Darmstädter Schwimm- und Wassersport-Club 1912 - und Marco Koch.

Auch wegen Koch, dem deutschen Brustschwimmer, der damals bereits unter Kreisel trainierte, wechselte Elendt 2015 nach Darmstadt. Im selben Jahr wurde Koch Weltmeister. "Er hat mit Anna Serien geschwommen, ihr viele Tipps gegeben, das hat ihr enorm geholfen", sagte Kreisel am Dienstag der SZ. Und Elendt sah, wie viele Umfänge Koch bereit war zu schwimmen. Sie hatte als Kind geturnt, war koordinativ stark. Im Becken kam sie zu Kreisel als Schwimmerin, die zwar über alle drei Bruststrecken in ihrem Jahrgang deutsche Spitze war, aber noch nicht in der offenen Klasse. "Wir haben dann versucht, die Umfänge zu steigern, ich wusste schon, was in ihr schlummert", sagt Kreisel: "Sie ist ein Wettkampftyp, der keine Ängste zeigt. Und ich habe noch nie jemanden so voller Power Brustschwimmen sehen." 2017 war Anna Elendt dann deutsche Kurzbahnmeisterin über 50 Meter Brust.

Sie wechselte die Schule, wohnte im Schwimminternat, machte Abitur - und ging dann einen Weg, der vom deutschen Verband wegführt und von dem der Bundestrainer Bernd Berkhahn vor WM-Beginn nicht gerade in vollstem Überschwang sagte: "Wir verfolgen ihn mit Begeisterung, er gehört aber nicht zum System des DSV. Es sollte nicht so laufen, dass der DSV mit seinen Landesverbänden Schwimmer ausbildet, die dann in die USA gehen, zurückkommen und bei einer WM erfolgreich schwimmen."

"Der Weg zur Schwimmhalle zu Fuß dauert vier Minuten, zu den Vorlesungen maximal zehn Minuten."

So war das aber bei Elendt: Unter Capitani brach sie in diesem Frühjahr gleich drei deutsche Rekorde, über 50, 100 und sogar über die von ihr nicht sehr geschätzte, weil zu lange Strecke 200 Meter Brust. Und Elendt erzählt von Bedingungen drüben in Austin, die paradiesisch klingen: "Der Weg zur Schwimmhalle zu Fuß dauert vier Minuten, zu den Vorlesungen maximal zehn Minuten, die Physio ist auch direkt dort, das Essen gesund, es gibt viel Gemüse am Buffet." Und in der riesigen Trainingsgruppe sei es auch einfacher, sich zu motivieren und um 5.30 Uhr aufzustehen fürs Frühtraining. Gerade ist die Sportmanagement- und Business-Studentin auf dem Campus mit einer Mitbewohnerin in eine eigene Wohnung gezogen, ihre Eltern haben ihr beim Umzug geholfen - und beim Autokauf. "Ich bin freier jetzt", sagt Elendt. Und sie trainiert härter und öfter als je zuvor, auch an den Wenden, die sie als ihren größten sportlichen Makel sieht.

Bundestrainer Berkhan sagt, die Ausbildung in Deutschland sei schon auch gut, "aber es mangelt ein bisschen daran, die Sportler in die absolute Spitze führen zu können". Ihr einstiger Trainer Kreisel entgegnet, man müsse die Athleten individuell fördern. "Und bei Anna war dieser Schritt, auch wegen ihrer Mentalität, genau der richtige." Sie strahlt ja, egal ob bei der Siegerehrung und vor den Interviews, eine enorme Fröhlichkeit aus, sie zeigt ein natürliches Selbstbewusstsein, wie es eigentlich eher für US-Athletinnen und -Athleten typisch ist, sie achtet darauf, das der Nagellack farblich perfekt zum Badeanzug passt. Sie nimmt sich aber selbst nicht zu wichtig: Als sie nach ihrem 100-Meter-Vorlauf gefragt wurde, ob sie von der siegreichen Chinesin mal etwas gehört habe, sagte sie: "Nein, aber ich kenne mich in der Schwimmwelt nicht wirklich gut aus."

Ihr Finale ist sie dann sehr verhalten angegangen, der Kontakt zur Spitze ging fast verloren, doch sie hatte zuvor schon gesagt, lieber Jägerin als Gejagte zu sein. So holte sie Zehntel um Zehntel auf, überholte King und Meilutyte, und wenn es ein Rennen über 110 Meter Brust gewesen wäre - sie hätte es gewonnen.

Nach einem Abendessen mit ihren Eltern war sie am Dienstag mit der 4×100-Meter-Lagen-Mixed-Staffel schon wieder im Wasser - und wurde mit ihr Achte. Anna Elendt hat später nicht verraten, ob sie zwischendurch mal in den Spiegel geschaut hat im Hotelzimmer auf der Margareteninsel, weitere Scherben gab es dem Vernehmen nach nicht. Sie sagte nur: "Ich habe noch einiges vor."

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