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Meisterschaft im Eishockey:Wolfsburg? Ernsthaft?

Eisbären Berlin - Grizzlys Wolfsburg

Im ersten Spiel gegen die Eisbären Berlin legten Gerrit Fauser (r.) und Anthony Rech von den Grizzlys Wolfsburg den Grundstein für eine mögliche Meisterschaft.

(Foto: dpa)

Die Grizzlys Wolfsburg werden ständig als Provinzklub belächelt, sind aber nur einen Sieg vom Meistertitel entfernt. Es wäre eine Marke auf dem nicht immer ganz geraden Weg zu einer Identität.

Von Johannes Schnitzler

Er erinnere sich an "viele wunderschöne Momente", sagte Michael Wolf vor etwas mehr als zwei Jahren, kurz vor seinem 750. Spiel in der Deutschen Eishockey Liga (DEL). Wolf, 40, heute Sportmanager beim EHC Red Bull München, ließ den Blick zurückwandern, vom Einzug ins Champions-League-Finale über drei Meisterschaften, die Jahre als Kapitän der Nationalmannschaft bis zu seinen ersten DEL-Spielen. Viele Bilder, actionpralles Kopfkino. Einen der "allergrößten Höhepunkte", ach was, den Höhepunkt schlechthin, habe er aber in Wolfsburg erlebt, erzählte Wolf, am 22. April 2016. Es war das vierte Finalspiel um die deutsche Meisterschaft, München gewann 5:3 und sicherte sich zum ersten Mal den Titel, auch für Wolf im vorgerückten Sportleralter von 35 Jahren eine Premiere. Klar, sein erstes Mal hätte auch ganz woanders stattfinden können: In Wolfs verzücktem Rückblick war es aber nun mal Wolfsburg, wo es geschah.

Fünf Jahre später schickt sich dieses Wolfsburg an, seinerseits zum ersten Mal den Titel zu gewinnen, den 100. in der Geschichte deutscher Eishockey-Meisterschaften. Finale Nummer eins in der Best-of-3-Serie haben die Grizzlys am Sonntag nach Verlängerung 3:2 gewonnen, in Berlin, beim DEL-Rekordmeister, bei den Eisbären, die vor lauter Sternen auf der Trikotbrust aussehen wie Generäle in Paradeuniform. Ein Sieg noch an diesem Mittwoch (19.30 Uhr, Sport1 und Magentasport) in eigener Halle oder zur Not am Freitag in Berlin, und Wolfsburg ist zum ersten Mal Meister und Champions-League-Teilnehmer.

Wolfsburg? Ernsthaft?

Karl-Heinz Fliegauf, Rufname "Charly", kennt alle Scherze über die fünftgrößte Stadt Niedersachsens, 125 000 Einwohner, Teil der Regiopolregion Wolfsburg-Braunschweig-Salzgitter. Flaches Land. VW-Land. Mehr "Käfer" als Königsklasse. Seit Jahren haben die Grizzlys den schlechtesten Zuschauerschnitt der DEL. Und die, die kommen, werden direkt am VW-Werkstor zwangsverpflichtet, so lautet eine beliebte Bosheit. "Aber es geht ja nicht nur uns so", sagt Fliegauf. Auch die Fußballer vom VfL müssen seit ihrem Aufstieg in die Bundesliga 1997 damit leben. Dabei waren die sogar schon einmal Meister und stehen ebenfalls kurz vor dem Einzug in die Champions League. Ständig als Provinzklub belächelt zu werden: Vielleicht liegt es an dieser Wahrnehmung, dass die Wolfsburger Teams sich in besonders kräftige Farben kleiden, die Kicker in krachendes Grün, die Eishockeyspieler in Textmarker-Orange. Die buntesten grauen Mäuse im deutschen Sport.

Provinzklub? Den Respekt der Konkurrenz hat sich Wolfsburg längst erarbeitet

Der Diminutiv ist aber auch oft eine Form, einen starken Gegner klein zu reden. Sportlich haben sich die Grizzlys längst den Respekt der Konkurrenz erarbeitet. "Wir waren immer eine Mannschaft, gegen die man nicht gern spielt, die anderen auf gut Deutsch auf den Sack geht", sagt Fliegauf. "Da passt das Bild vom Käfer ganz gut: läuft und läuft." Das war unter Pavel Gross so, der die Grizzlys in acht Jahren als Cheftrainer dreimal ins Finale führte (und jeweils verlor), das ist nun so unter Pat Cortina. Allerdings war das nicht immer so. Nicht nach Gross' Wechsel nach Mannheim 2018, als der Klub sportlich kurz aus der Spur geriet. Und auch nicht in dieser für alle schwierigen Pandemie-Saison.

Der gebürtige Bayer Fliegauf, als Profi und später als Manager 16 Jahre lang für die Augsburger Panther aktiv, ist seit 2007 Geschäftsführer in Wolfsburg, seit dem Aufstieg der Grizzlys in die DEL. Für viele Experten ist der 60-Jährige einer der besten Eishockeymanager im Land, kompetent und schlau zu gleichen Teilen, und der wahre Grund für den Wolfsburger Aufstieg. "Es war eine ständige Entwicklung", sagt Fliegauf. Um diese zu erkennen, muss man gar nicht bis 2007 zurückdenken. Es reicht ein Blick auf die Finalserie 2016: Beim dritten Spiel, an einem Dienstag, ungünstig für VW-Schichtarbeiter, war der Gästeblock im 600 Kilometer entfernten Münchner Olympia-Eisstadion leer. Bis auf sieben Personen (in Zahlen: 7), die sich in Trikots in Leuchtstift-Orange als Wolfsburg-Fans zu erkennen gaben. Augenzeugen spotteten, es könnte sich um einen Betriebsausflug der Münchner Stadtreinigung handeln, aber dafür war das Grüppchen zu klein.

die Trikots der Spieler Ryan Button, Fabio Pfohl, Jan Nijenhuis hängen hinter der Box, re. Trainer Pat Cortina / / Eisho

Zusammenhalt: Hinter der Wolfsburger Bank hängen die Trikots der verletzten Spieler Ryan Button, Fabio Pfohl und Jan Nijenhuis.

(Foto: O. Behrendt/Contrast/Imago)

Eine kleine Halle kann in der Pandemie ein Vorteil sein

Vielleicht ist es kein Zufall, dass gerade die Wolfsburger Teams in dieser Pandemiesaison so erfolgreich spielen. "Ich hätte nie geglaubt, dass eine kleine Halle mit wenigen Zuschauern mal ein Vorteil werden könnte", sagt Fliegauf. Wo Klubs wie Köln oder Mannheim mit einem Schnitt von deutlich mehr als 10 000 Zuschauern erhebliche Einbußen hatten, kam Wolfsburg mit seinen knapp 3000 einigermaßen glimpflich davon. "Natürlich sind wir abhängig von VW", sagt Fliegauf. "Aber wir haben uns auch in der Sponsoren-Akquisition weiterentwickelt."

Auch für die Grizzlys sei es keine einfache Saison, nicht nur wegen der Corona-Einschränkungen. Noch an Ostern stand Cortina auf der Kippe, die Grizzlys hatten acht von zehn Spielen verloren, im Umfeld wurde der Rauswurf des ehemaligen Bundestrainers gefordert. Tiefpunkt war das 1:2 in Nürnberg beim Tabellenletzten der Süd-Gruppe. Danach habe man sich zusammengesetzt, Trainerstab, Manager, Mannschaftsrat. "Das war nicht einfach", sagt Fliegauf, es wurde offen gesprochen. Die Verhandlungen über Cortinas Zukunft sind seitdem vertagt bis auf die Zeit nach dem Saisonende. Cortina sagt: "Das ist ein normaler Vorgang. Wir mussten herausfinden, wo wir stehen und was unser Ziel ist. Und wir haben zum richtigen Zeitpunkt zusammengefunden." Fliegauf sagt: "Wir mussten uns ein bisschen neu erfinden, unsere Identität wieder finden." Anderen auf den Sack gehen. Seitdem läuft es. Mit sechs Siegen in den nächsten sieben Spielen qualifizierte sich Wolfsburg für die Playoffs, schaltete zuerst Bremerhaven aus und dann den großen Favoriten Mannheim unter dem Grizzlys-Idol Gross. Ob er Genugtuung verspüre? "Nicht wegen dem, was war", sagt Cortina. "Sondern darüber, wie die Mannschaft spielt."

Zum Erfolgsgeheimnis der Grizzlys zählt Fliegauf auch die sogenannten "weichen Faktoren". In Wolfsburg gibt es eines der besten Restaurants der Republik, das Kulturangebot ist vielfältig, "und wir haben einen guten Draht zu den Schulen und Kindertagesstätten", wichtig für die Familien der Spieler. Schlüsselspieler wie Kapitän Sebastian Furchner, seit 2008 im Team, Armin Wurm (2009) und Nationalspieler Gerrit Fauser (2013) wissen das ebenso zu schätzen wie die ausländischen Profis und solche, die anderswo als Problemfälle galten. "Es geht immer darum zu schauen, welchen Spieler man braucht und ihm klar zu sagen, was man von ihm erwartet", sagt Fliegauf. Und so blühen in Wolfsburg auch Spieler wie Spencer Machacek, Mathis Olimb oder Anthony Rech auf, Arbeiter wie Künstler gleichermaßen. Und übrigens: Wenn er Lust auf Großstadt habe, "dann setze ich mich in den Zug und bin in einer Stunde in Berlin", sagt Fliegauf. Nur am Freitag , da hätte er gerne schon was Besseres vor.

© SZ/bkl
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