Eishockey:Ein unbekanntes Gefühl

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Eishockey: Gegentor in der Overtime: Münchens Ben Street bezwingt den Augsburger Torwart Markus Keller.

Gegentor in der Overtime: Münchens Ben Street bezwingt den Augsburger Torwart Markus Keller.

(Foto: Ulrich Gamel/kolbert-press/imago)

Viel probiert und investiert und dennoch wieder verloren: Die Augsburger Panther unterliegen München nach Verlängerung. Nun muss der Abstiegskampf in die Köpfe - es ist eine kommunikative Gratwanderung.

Von Christian Bernhard

Colin Campbell stand dort, wo er zu stehen hatte: direkt vor dem gegnerischen Tor, um dem Torhüter die Sicht zu nehmen und bereit zu sein, die Scheibe im letzten Moment abzufälschen. Zum Abfälschen kam es aber nicht, da der Stürmer der Augsburger Panther von einem satten Schuss seines Teamkollegen Matt Puempel voll getroffen wurde und schmerzerfüllt kurzzeitig zu Boden sank.

Die Augsburger Panther haben am Dienstag im Derby beim EHC Red Bull München viel richtig gemacht. Sie haben konzentriert verteidigt, konnten sich auf einen starken Markus Keller im Tor verlassen, überzeugten kämpferisch und machten gehörig Druck auf Münchens Torhüter Henrik Haukeland, was spätestens dann deutlich wurde, als EHC-Trainer Don Jackson auf der Pressekonferenz betonte, Haukeland habe ein "unglaubliches" Spiel gemacht. Doch die Augsburger verloren erneut, 1:2 nach Verlängerung. Und so stand die Szene mit Campbell und Puempel aus Minute 18 sinnbildlich für die Panther: viel probiert und investiert - und dennoch wieder verloren.

Irgendwann kommt der Frust: "An diesem Punkt sind wir jetzt", sagt Henry Haase

Augsburgs Trainer Mark Pederson hatte vor dem Derby mehr Emotionen von seinen Spielern gefordert - und bekam sie. Er sprach von "a heck of a game", einem verdammt guten Spiel. Für Panther-Sportmanager Duanne Moeser gab seine Mannschaft die "richtige Antwort" auf die emotionslosen, teilweise blutleeren Auftritte in den vorangegangenen drei Spielen. Ein zentrales Problem, mit dem sich die Panther nun schon seit Wochen plagen, konnte aber auch in München nicht gelöst werden: das Toreschießen. Wie schon zuvor dreimal im neuen Jahr gelang den Schwaben auch in München nur ein Tor, Verteidiger Scott Valentine erzielte es nach einem schön herausgespielten Konter (41.). "Oft halten wir die Scheibe zu lange, dann kann sich der gegnerische Torhüter darauf einstellen", sagte Henry Haase. "Wir überraschen im Moment nicht."

Nicht überraschend ist es für Moeser, warum sich seine Spieler so schwer mit dem Toreschießen tun. "Ganz einfach", sagte er. "Wenn man nicht zum Tor kommt, wird man keine Tore schießen." Wer wirklich Tore schießen will, müsse hart zum Tor gehen und die Zweikämpfe dort gewinnen, betonte er und gab damit zu verstehen, dass das zuletzt zu oft nicht geschehen war. Mehr Tore würden die Chance auf Siege deutlich erhöhen - und Siege brauchen die tief im Tabellenkeller der Deutschen Eishockey Liga (DEL) steckenden Augsburger dringend. Es höre sich ja immer blöd an, wenn man sagt, dass Verlieren keinen Spaß macht, erklärte der frisch geduschte Haase vor der Münchner Olympia-Eishalle. "Wenn man viel verliert, hat man wirklich irgendwann keinen Bock mehr auf diese schlechte Stimmung."

Die Augsburger haben zuletzt viel verloren, um genau zu sein viermal in den vergangenen fünf Partien. Am Anfang einer schlechten Serie sei man noch positiv und optimistisch, sagte Haase, aber irgendwann komme der Frust, wenn man merkt, dass man "macht und tut" und nichts dabei herauskomme: "An diesem Punkt sind wir jetzt."

Abwehrspieler Haase ist seit elf Jahren in der DEL. Einen drohenden Abstieg hat aber auch er noch nicht erlebt

Sich im Tabellenkeller zu befinden, ist nie schön. In dieser Saison bekommt diese Situation aber durch den drohenden Abstieg (sofern er aufgrund der Pandemie nicht doch noch ausgesetzt werden sollte) nochmal eine ganz andere Dimension. "Auf jeden Fall" erhöhe sich dadurch der Druck, sagte Haase, "ich würde jetzt lügen, wenn ich sagen würde, dass das gar kein Thema ist. Wir sind ja alle nicht dämlich, wir können alle lesen." Abwehrspieler Haase ist seit elf Jahren in der DEL, er bringt reichlich Erfahrung mit. Einen drohenden Abstieg hat aber auch er noch nicht erlebt.

Moeser erklärte, dass das "für viele unbekannte Gefühl" für die nordamerikanischen Spieler noch einmal ungewohnter sei, weil sie Abstiege überhaupt nicht kennen würden. Und dass er vor einer heiklen Aufgabe steht: Wie bekommt er das drohende Szenario so sachte wie möglich in die Köpfe seiner Spieler, ohne dass der daraus resultierende Druck sie hemmt? Er wolle zum jetzigen Zeitpunkt eigentlich nicht über das Thema Abstieg reden, sagte er, aber die Spieler müssten auch verstehen, "was es bedeutet und dass es auch eine Gefahr für ihre Karriere, nicht nur für den Klub ist". Es sei ein Thema, "das du nicht offen und aggressiv ansprechen willst, aber es ist ein Thema". Und damit für Moeser eine kommunikative Gratwanderung.

Dabei helfen, diese zu bewältigen, sollen Spiele. Fünfmal treten die Schwaben in elf Tagen nun an, den Anfang macht das Heimspiel am Donnerstag gegen die Düsseldorfer EG (19.30 Uhr). "Wir müssen auf diese Leistung jetzt aufbauen", sagte Haase nach dem Derby. "Das haben wir in der Vergangenheit schon öfter gesagt, aber jetzt müssen wir wirklich drauf aufbauen und mit Selbstvertrauen spielen." So wie in München.

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