Eishockey:Tölzer Taschenmesser

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Eishockey: Bewegung, Intensität und Mut: All die beim EHC geforderten Qualitäten bringt Stürmer Yasin Ehliz, 27, ins Münchner Spiel ein.

Bewegung, Intensität und Mut: All die beim EHC geforderten Qualitäten bringt Stürmer Yasin Ehliz, 27, ins Münchner Spiel ein.

(Foto: Heike Feiner/Eibner/Imago)

Yasin Ehliz ist der Wegbereiter des Münchner 6:0-Erfolgs gegen die Augsburger Panther. Er werde jedes Jahr besser, sagt sein Trainer Don Jackson - dessen Spielsystem wie gemacht zu sein scheint für den vielseitigen Angreifer.

Von Christian Bernhard

Die in der Nordkurve der Münchner Olympia-Eishalle versammelten Fans des EHC Red Bull München hatten nicht vergessen, wer da, wenige Meter vor ihnen, im gegnerischen Tor stand. Dennis Endras hatte ihnen in den vergangenen Jahren einige unangenehme Abende beschert. Als Torhüter der Adler Mannheim lief er in München mehrmals zu Höchstform auf und brachte die EHC-Spieler zur Verzweiflung.

Seit dieser Saison spielt Endras wieder für jenen Klub, in dem er einst, vor 18 Jahren, seine erfolgreiche Karriere in der Deutschen Eishockey Liga (DEL) begonnen hat: die Augsburger Panther. Endras konnte also am Donnerstagabend mit einem guten Gefühl ins Derby gehen, doch diesmal war auch der EHC-Schreck Endras machtlos. "Selbst mit Endras habt ihr keine Chance", skandierte die EHC-Kurve zufrieden nach noch nicht einmal 16 Spielminuten. Drei Gegentore hatte er da bereits kassiert, nach zwei Dritteln und insgesamt sechs kassierten Toren war Endras' Arbeitstag dann vorzeitig beendet. Augsburgs Trainer Peter Russell sprach nach der 0:6-Pleite von einer "Lektion" für sein Team und ihn.

Maßgeblichen Anteil daran, dass den Panthern eine solche erteilt wurde, hatte Yasin Ehliz. Der deutsche Nationalspieler markierte das wichtige 1:0 nach nur 91 Sekunden und legte zu Beginn des Mitteldrittels das 4:0 nach (22.), das den Panthern signalisierte: An diesem Abend gibt es nichts zu holen. Ehliz gefiel, dass sein Team "schnell" spiele und "nicht viel rumzipfelt", wie es der gebürtige Bad Tölzer in feinstem Bairisch ausdrückte. Er meinte damit: dass es schnörkellos agierte und zielstrebig.

Den Heimsieg gegen Mannheim empfand Trainer Jackson als eines der schlechtesten Spiele seit langem

Das passte zu dem, was Don Jackson von seiner Mannschaft gefordert hatte. "Good habits", gute Angewohnheiten will der EHC-Trainer erzeugen, denn zuletzt, speziell beim vorangegangenen 5:2-Heimsieg gegen die Adler Mannheim ("eines unserer schlechtesten Spiele seit langem"), hatte ihm die Konteranfälligkeit seiner Mannschaft überhaupt nicht gefallen. Gegen Augsburg agierten die Münchner offensiv und defensiv konzentriert.

Das schnelle, physische Spiel, das Ehliz wie kaum ein anderer im EHC-Team verkörpert und das der EHC im Derby ganzheitlich aufs Eis brachte, sei "extrem wichtig", sagte der Angreifer. "Wenn wir kompakt aus dem eigenen Drittel rauskommen, macht uns das stark, da wir viel Geschwindigkeit in der Mannschaft haben", erklärte er. Jackson weiß, was er am deutschen Nationalspieler hat. Ehliz ist für Jackson wie ein Schweizer Taschenmesser: so vielfältig, dass er ihn in jeder Situation einsetzen kann. Fünf gegen Fünf, Überzahl, Unterzahl - auf Ehliz ist Verlass. Ehliz sei immer schon ein guter Spieler gewesen, sagte Jackson nach dem Derby, doch besonders gefällt dem Trainer, dass er sich stetig steigert. "Er wird jedes Jahr besser", betonte Jackson.

Der Stürmer hat mehrere Gründe für seine anhaltend positive Entwicklung ausgemacht. Da wären zum einen die guten Reihenkollegen, die man in einer Spitzenmannschaft wie der Münchner habe. Und dann ist da "das System von Don, das mir in die Karten spielt". Jacksons Spielanlage basiert auf viel Bewegung, Intensität und Mut - allesamt Qualitäten, die Ehliz mitbringt. Jackson und Ehliz scheinen wie gemacht füreinander. Aufgrund des "super Trainerstabs lernt man hier in München sehr viel dazu", schwärmt der 29-Jährige.

Neben Ehliz' Körperlichkeit fällt seine gute Chemie mit Austin Ortega auf

Nur noch eine blasse Erinnerung ist das so kurze wie enttäuschende NHL-Gastspiel, das Ehliz vor knapp vier Jahren nach nur fünf Monaten abbrach, um nach München zu wechseln. Ehliz kam mit den NHL-Gepflogenheiten, speziell kommunikativer Natur ("Dort drüben redet niemand mit dir") nicht zurecht. Gelernt habe er aber auch aus diesem enttäuschenden Kapitel, sagt Ehliz heute.

Jackson frohlockt speziell über Ehliz' physische Gangart: Diese habe er anderen voraus, sie helfe der Mannschaft sehr und führe dazu, dass Ehliz ein "gutes Vorbild" für alle jungen Spieler sei. Gegen Augsburg war aber nicht nur Ehliz' Körperlichkeit auffällig, sondern auch seine gute Chemie mit Austin Ortega. Dieser bereitete beide Ehliz-Treffer vor und erzielte das 3:0 selbst. Ortega sei ein "richtig schlauer Spieler", der auch Geschwindigkeit habe und mit seiner guten Übersicht Pässe "überall durchstecken" könne, sagte Ehliz - so wie beim 1:0 in der zweiten Spielminute. Ehliz und Ortega harmonierten schon in den vergangenen Playoffs sehr gut, als Ehliz Münchens erfolgreichster Scorer war. Damals lenkte Ben Smith als Mittelstürmer diese Angriffsreihe, im Moment macht das Chris DeSousa, da Smith verletzt fehlt.

Angefangen mit dem Auswärtsspiel am Sonntag bei den Iserlohn Roosters (16.30 Uhr) möchte Ehliz seine positive Entwicklung weiter fortsetzen. Das Kraftpaket hat sich vorgenommen, "noch aggressiver" in die Zweikämpfe zu gehen, um noch mehr davon zu gewinnen und die Scheibe so öfter in der offensiven Zone halten zu können. Das Spiel ist seiner Ansicht nach eine Aufeinanderfolge von Zweikämpfen, und jene Mannschaft, die mehr davon für sich entscheidet, "hat bessere Chancen, das Spiel zu gewinnen". Und mit Yasin Ehliz auf dem Eis steigen diese Chancen signifikant an.

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