Schach:Bei den Spitzenspielern wird gespart

Schach: Die deutsche Nummer eins: Vincent Keymer.

Die deutsche Nummer eins: Vincent Keymer.

(Foto: Malte Ossowski/Sven Simon/Imago)

Wo sind nur 600 000 Euro hin? Die finanzielle Lage des deutschen Schachbundes ist schwierig. Das trifft nun auch die Top-Spieler - die finanzielle Unterstützung für sie soll sinken.

Von David Kulessa

Auf den ersten Blick erscheinen die sportlichen Perspektiven im deutschen Schach gerade so gut wie lange nicht. Erst vor zwei Wochen haben die deutschen Männer bei der EM gezeigt, wie stark die aktuelle Generation ist. Einzig den punktgleichen Serben mussten sie sich geschlagen geben - und das könnte nur der vorläufige Höhepunkt gewesen sein. Kein Spieler aus der Silber-Mannschaft ist älter als 26. Der deutsche Vorzeigespieler Vincent Keymer, 19, rangiert auch dank seines guten EM-Auftritts inzwischen auf Platz 14 der Weltrangliste. Und während vor drei Jahren noch zwölf Spieler mit einem Rücktritt aus dem Nationalteam drohten, mischen sich Meldungen über sportliche Erfolge jetzt mit Verweisen auf eine hervorragende Stimmung innerhalb des Kaders.

Das klingt nach Zutaten für eine ebenso ausgezeichnete Stimmung bei den Verantwortlichen des Deutschen Schachbundes (DSB). Tatsächlich jedoch sind die Sorgen groß. Dies wurde zuletzt sogar auf ungewöhnliche Weise öffentlich, als DSB-Leistungssportreferent Gerald Hertneck selbst per Diskussionsbeitrag in einem Schachportal fragte: "Läutet bald die Totenglocke für den Leistungssport im Schach?"

Der Hintergrund ist das Geldproblem des DSB. Von knapp 637 000 Euro im Jahr 2020 wird der Vermögensstand nach aktuellem Haushaltsplan bis 2024 auf etwa 40 000 Euro sinken. Allein das Minus für 2023 wird auf rund 300 000 Euro taxiert. "Wir müssen sparsam mit dem Geld umgehen", sagt Ingrid Lauterbach, seit Frühjahr neue Präsidentin des Verbandes, der SZ. Und das wirkt sich nun aller Voraussicht nach auch konkret auf die Förderung des Leistungssports aus, wie sich vor dem Bundeskongress des Verbandes an diesem Wochenende zeigt. Denn Spitzenspieler sollen nicht mehr so viele Zuschüsse erhalten wie bisher - und das dürfte gerade die breite ambitionierte Gruppe hinter Topspieler Keymer treffen.

Manchmal bekommen die Spielerinnen nicht mal ein Hotelzimmer gestellt

Diese sind besonders auf die finanzielle Unterstützung des DSB angewiesen, wie Nationalspielerin und Aktivensprecherin Josefine Heinemann erklärt: "Wenn ich zu einem Turnier fahre und erst mal Ausgaben von 1000 Euro einplanen muss, ist das sehr schwierig." Gerade die Frauen müssen oft unter teils haarsträubenden Bedingungen Wettkämpfe bestreiten; so mancher Veranstalter kümmert sich nicht mal um ein Hotelzimmer. Aktuell bietet der DSB für die Turniere Zuschüsse in Höhe von 3000, 1000 oder 500 Euro, je nach Kaderzugehörigkeit des Spielers.

Eine andere Form der Unterstützung sind Sonderförderungen, die der Verband seinen größten Talenten zahlt, darunter auch Vincent Keymer. Dem sicherte das frühere Präsidium eine jährliche Zahlung im fünfstelligen Bereich über drei Jahre zu. Der aktuelle sportliche Erfolg unterstreicht, wie sinnvoll dieses Geld angelegt ist.

Trotzdem stand nach SZ-Informationen lange im Raum, die Mittel für den Leistungssport um bis zu 50 Prozent zu kürzen und Keymers Sonderförderung sogar gänzlich einzustellen. Das scheint sich nun erledigt zu haben. In dem Haushalt, den das Präsidium vorlegen will, stünden "die aktuellen Sonderförderungen nicht zur Disposition", sagt Lauterbach. Aber bei den Zuschüssen für die Turniere "werden wir heruntergehen müssen". Hier könnte dem Vernehmen nach eine Halbierung anstehen.

Warum fehlen 600 000 Euro? Ein Prüfbericht fällt ein verheerendes Urteil zur Amtszeit des Ex-Präsidenten

Das dürfte für Unmut sorgen, zumal die Nationalspieler den Verband schon länger auffordern, aktiver auf Sponsoren zuzugehen. Auch Lauterbach hatte das vor ihrer Wahl angekündigt. Passiert ist seitdem anscheinend wenig: "Ich habe bisher von keinen konkreten Diskussionen gehört", sagt Athletensprecherin Heinemann. Sie gehört nun zu den Mitgliedern des Nationalteams, für die Turnierteilnahmen künftig zunehmend eine Frage des Geldes sein dürften.

Dabei beschäftigt die zunehmend kritische Finanzlage des Verbandes das deutsche Schach schon länger. Im Mai wurde ein Prüfgremium eingesetzt, das die Frage klären sollte, warum ein gemeinnütziger Sportverband in vier Jahren fast 600 000 Euro mehr ausgegeben als eingenommen hat. Dessen Bericht liegt nun vor - und unterm Strich steht ein verheerendes Urteil zur Amtszeit des ehemaligen Präsidenten Ullrich Krause (2017 - 2023) und des unter ihm für vier Jahre tätigen Geschäftsführers Marcus Fenner.

Fenner soll sich in dieser Zeit dem Bericht zufolge "in eine Scheinwelt" begeben und leichtfertig mit Sponsoreneinnahmen kalkuliert haben, zu denen es nicht kam; zudem sei schlicht unvernünftig viel Geld ausgegeben worden. Ex-Präsident Krause wird vorgeworfen, er habe Fenner bis zu dessen Kündigung Ende 2022 gewähren lassen und jegliche Kontrollpflicht missachtet.

Zum Jahresende verlassen zwei Mitarbeiter die Geschäftsstelle

"Das Geld ist zwar für satzungsgemäße Zwecke ausgegeben worden", sagt Präsidentin Lauterbach der SZ, und es gebe keine Hinweise auf Veruntreuung: "Niemand hat Geld für Champagner-Partys und Hummer ausgegeben." Aber der letzte Schachgipfel etwa sei ohne Sponsoren durchgeführt worden und habe so ein sechsstelliges Minus eingebracht. "Es gibt einige solcher Beispiele", sagt Lauterbach. Weder Krause noch Fenner reagierten auf eine SZ-Anfrage zum Bericht; Fenner wies die Schuld für die Finanzmisere in der Vergangenheit bereits von sich.

Die neue Präsidentin betont, unter ihrer Führung seien zusätzliche Kontrollen eingeführt worden, aktuell genehmige das Präsidium jede einzelne Ausgabe. In Gesprächen mit der SZ berichten indes mehrere Personen, die mit dem Betrieb auf der DSB-Geschäftsstelle vertraut sind, dass Mitarbeiter äußerst unzufrieden mit dem neuen Betriebsklima seien. Zwei Mitarbeiter haben zum Jahresende gekündigt, weitere könnten folgen. Einen direkten Zusammenhang mit ihrem Führungsstil sieht Lauterbach darin aber nicht: "Ich glaube, es herrscht ein großer Druck auf der Geschäftsstelle, und die vielen Kontrollen sind sicherlich eine Umstellung, aber die Zusammenarbeit ist gut."

Es bleiben also unruhige Tage im deutschen Schach - allen sportlichen Erfolgen zum Trotz.

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