Verletzung im Ski alpin:Für Dreßen geht es ums Ganze

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Ski alpin: Weltmeisterschaft

Kein selbstverständlicher Anblick in den vergangenen Jahren: Thomas Dreßen bei der Pistenbesichtigung, hier im Frühjahr bei seiner spontanen Teilnahme an der WM-Abfahrt.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Die neue Alpinsaison hat noch nicht begonnen, da muss der beste deutsche Skirennfahrer eine komplizierte Diagnose moderieren: Thomas Dreßen steht vor der Aufgabe, überhaupt wieder in seinen Sport zurückzufinden.

Von Johannes Knuth, Schwäbisch Hall

Die sogenannte Einkleidung ist einer der ersten behördlichen Akte des neuen Sportwinters, die deutschen Athleten beschaffen sich dabei die neuen Kollektionen ihrer Sponsoren, von der Winterjacke bis zur Sonnenbrille. Und als es zuletzt wieder so weit war, auf einem zugigen Regionalflughafen in Schwäbisch Hall, wirkte der Skirennfahrer Thomas Dreßen wie ein ganz gewöhnliches Mitglied aus dem Tross der Alpinen. Er trug die neue Winterjacke, die diesmal in einem Himmelblau daherkommt, das kundigen Beobachtern bekannt vorkommen dürfte; auch in der Sportmode kommt ja alles irgendwann wieder.

Dreßen scherzte zunächst über seine Heirat im vergangenen Sommer ("Noch verstehen wir uns gut"), er schwelgte in Erinnerung an die Festivitäten ("Wir waren auch blau, von daher passt es zum neuen Gewand"). Erst als die Reporter die Fragen aufs Sportliche lenkten, passte sich der Ton eher den sparsamen Temperaturen im Flughafenhangar an. Spätestens da war klar, dass auch Dreßens kommender Winter wieder nicht dem handelsüblichen Skript folgen wird.

Der 27-Jährige vom SC Mittenwald ist einer der besten Abfahrer des Planeten, fünf Siege im Weltcup, der erste im Februar 2018 auf der knüppelharten Streif in Kitzbühel. Das verhalf ihm auch jenseits des Weißwurstäquators zu einiger Prominenz. Seit Dreßen vor drei Jahren in Beaver Creek schwer stürzte, war allerdings immer wieder ein wenig und auch mal sehr viel Luft zwischen seinen Einsätzen. Im vergangenen Winter bekam er sich nur für die WM-Abfahrt fit, er wurde 18., weit weg von seinen Ansprüchen.

Auch in der kommenden Saison, die am Wochenende in Sölden anbricht, wird Dreßen höchstens eine Teilzeitkraft sein, so viel steht schon jetzt fest. Die Frage ist nun aber nicht nur, ob er dann im Dezember wieder auf den Skiern stehen kann oder doch erst im Februar, für die Olympischen Spiele in Peking, wenn überhaupt. Die Frage ist gerade schon auch, in welcher Form es den Skirennfahrer Thomas Dreßen künftig eigentlich noch geben wird.

Dreßen setzte vor Kurzem in Schwäbisch Hall noch mal zu einer Schussfahrt durch die Zeit an, nachdem er in Beaver Creek einen Totalschaden im rechten Knie erlitten hatte. "Das Kreuzbandl", sagte er, sei noch das kleinste Übel gewesen, das hatte er schon oft betont. Die größeren Baustellen lagen woanders: im ramponierten Meniskus, auch im Knorpel. Schon damals kämpfte Dreßen darum, dass er seine Karriere fortsetzen konnte.

Er gewann im folgenden Winter zwar gleich beim Comeback, auf der Abfahrt in Lake Louise, aber rückblickend, weiß er heute, sei er damals in eine bekannte Falle getappt: "Ich habe es zu sehr gewollt, wieder zurückzukommen." Wenn das Knie schmerzte, habe er "trotzdem Dinge durchgezogen", weil diese nun mal im Zeitplan standen, den sie ausgetüftelt hatten. Mittlerweile weiß Dreßen: Manchmal kommt man schneller voran, wenn man erst mal zwei Schritte zurückweicht.

Mikrofrakturierung heißt das Verfahren, das Dreßens Knorpel stabilisieren soll

So nahm sich in der Folge halt sein Körper die Auszeiten, mal zickte die Hüfte, mal das linke Knie. Nach der WM im vergangenen Februar ließ er sich am rechten Knie operieren, ein "großer Eingriff", sagte Dreßen nun: Die Ärzte bohrten den Knochen an, der unter dem ramponierten Knorpel liegt, aus dem Knochengewebe trat Blut aus, das in den Knorpel floss und gerann. Die Stammzellen, die in diesem Blut schwammen, wandelten sich in Knorpelzellen um, das gab dem lädierten Knorpel neuen Halt. Mikrofrakturierung heißt dieses Verfahren. Bisher, sagte Dreßen, verhalte sich das Knie "grundsätzlich ruhig", die Ärzte seien auch sehr zufrieden. Allerdings greifen sie auf eine empirisch dünne Stichprobe zurück: Dreßen konnte sich bis zuletzt nur ins Konditionstraining vertiefen.

Und noch ein klitzekleines Problem: Es gibt kaum Sportler, die nach einem solchen Eingriff in den Hochleistungssport zurückkehrten. "Der Tom", sagte Alpindirektor Wolfgang Maier in Schwäbisch Hall, "wäre einer der ersten Athleten, die davon zurückkommen." Das liegt auch daran, dass die neue Knorpelmasse nicht so belastbar ist wie das Original.

Einer, der es nach der Prozedur schaffte, war der einstige Fußballnationalspieler Piotr Trochowski, wenn auch nur kurz. Und Dreßen rauscht im Abfahreralltag mit weit über 100 Stundenkilometern über Autobahnen aus Eis; die Abfahrer haben dabei nur ihre körpereigenen Stoßdämpfer, und das sind nun mal die Knorpel. Es wäre in jedem Fall ein Balanceakt, sollte Dreßen zurückkommen: alle paar Wochen mit höchster Geschwindigkeit über Pisten, auf denen ein Fehler alles zerbröseln lässt - mit einem Knie, das kaum noch Fehler verzeiht.

"Ich habe schon noch vor, dass ich acht bis zehn Jahre fahre, im besten Fall"

Eines könne er immerhin ausschließen, sagte Dreßen jetzt: dass er noch einmal etwas überhaste. "Mich interessiert gerade kein Zeitplan, mich interessiert nur, was fürs Knie sinnvoll ist. Da geht es nicht darum, ob ich ein Rennen früher oder später zurückkomme, sondern darum, dass das Knie überhaupt wieder wird." Und zwar so, dass es nicht bloß für ein Jahr reiche, sondern für viele Winter hintereinander. Ende November haben sie die nächsten Belastungstests angesetzt, frühestens Anfang Dezember könne er wieder auf Skiern trainieren.

Die Rennen in Nordamerika und wohl auch in Gröden wird er verpassen, danach werde er erst zurückkommen, wenn er seine Ansprüche erfüllen könne. Sprich: um Siege mitzufahren. Er glaube aber fest, beteuerte Dreßen, "dass wir alle noch recht viele Jahre viel Spaß miteinander haben". Wenn er sich denn an das behutsame Protokoll halte. "Ich habe schon noch vor, dass ich acht bis zehn Jahre fahre, im besten Fall", sagte er in Schwäbisch Hall, "da gehen sich die nächsten Spiele und vielleicht ja sogar noch die nächsten aus."

Und weil er ohnehin über langfristige Ziele sprach, fügte der frisch Vermählte noch ein weiteres hinzu: "Ich hab' auch kein Bock, dass ich mit 40 schon ein künstliches Knie kriege." Er wisse nicht, wann er einmal Kinder haben werde - "aber auf alle Fälle will ich mit denen auch noch Ski fahren gehen".

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