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Europaweite Doping-Razzia:Autobahn-Kontrollen, Abhöraktionen - die Ermittler sind tief drin in der Szene

Wie dieses Geschäft funktioniert, darüber kann Kai Gräber einiges erzählen, er ermittelt mit seiner Münchner Staatsanwaltschaft seit Jahren im Milieu. Es beginne beim kleinen Dealer, der sich etwas Testosteron per Internetkurier aus China bestelle, dazu Öl, Alkohol, ein paar Ampullen und eine Anleitung aus dem Netz. "Bei Ausgaben von 500 bis 600 Euro zur Herstellung von 200 Ampullen in einem eigenen, kleinen Labor kann ich Gewinne erwarten von rund 6000 Euro", sagt Gräber. "Das ist schon enorm", für wenig Aufwand. Die größeren Dealer sitzen in Asien oder Osteuropa, sie liefern den Stoff schon mal direkt ans Fitnessstudio. Und dann gebe es die großen Händler, sagt Gräber, wie das Untergrundlabor, das sie mal in Berlin aushoben. Mit drei Zimmern, "die voll waren wie eine Apotheke", und Stoff im Einkaufswert von 500 000 Euro. Geschätzter Ertrag im Weitervertrieb: rund zwei Millionen.

Gräber kann deshalb so detailgetreu erzählen, weil seine Ermittler mittlerweile tief drin sind in der Szene - dank Autobahnkontrollen, Abhöraktionen oder Aussagen im Türsteher-Milieu, wenn sich jemand Strafminderung erhofft und dafür plaudert. So kann Gräber auch davon berichten, was der Stoff mit den Konsumenten anstelle: "Der Bodybuilder, der am Münchner Flughafen zusammengebrochen und gestorben ist, weil er bis zu 20 verschiedene Präparate im Blut hatte. Oder der Besitzer eines Fitnessstudios, der nach nur einem Jahr Dopingmittelmissbrauch während des Trainings in seinem Studio verstarb." Die Nebenwirkungen dieser Mittel - meist ohne hygienische Kontrolle im Untergrund gebraut - seien massiv: vergrößerte Herzen, tennisballgroße Tumore auf der Leber, Depressionen. Er habe schon zwei Suizide in der Untersuchungshaft erlebt, sagt Gräber, "weil die Häftlinge aus der Phase des physischen Hochs in ein tiefes Loch fallen".

Die Kooperation mit dem organisierten Sport sei nach wie vor "quasi nicht existent"

Die nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) kontrolliert seit kurzer Zeit auch deshalb verstärkt im halbprofessionellen und Breitensport, bei kleineren Rennen im Radsport etwa. Was sich dabei nun auch verstärkt zeige: die Skepsis und Anfeindungen von Teilnehmern und Organisatoren, sagt Nada-Vorstand Lars Mortsiefer.

Und der Spitzensport? Auch dort enttarnen staatliche Ermittler mittlerweile große Netzwerke, wie zuletzt bei der Operation Aderlass; sie profitieren in Deutschland auch von einem Anti-Doping-Gesetz. Eine Kronzeugenregelung fehlt darin aber - ein Insider, der auspacken will, kann sich vorab keine Erleichterung versprechen. Und die Kooperation mit dem organisierten Sport sei nach wie vor "quasi nicht existent", findet Gräber. Die Reaktion des Internationalen Olympischen Komitees vom Dienstag ("Es ist entscheidend, die Händler und Produzenten, die Doping im Sport möglich machen und die kriminelle Industrie am Laufen halten, ins Visier zu nehmen") liest sich da umso scheinheiliger. Es waren ja immer wieder hohe Sportfunktionäre, die sich dagegen wehrten, staatlichen Ermittlern im Anti-Doping-Kampf größere Befugnisse zu gestatten. Einer der prominentesten Widersacher gegen ein deutsches Anti-Doping-Gesetz war vor Jahren übrigens: der heutige IOC-Präsident Thomas Bach.

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