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Doping-Affäre:Die Ermittler belauschen "gleich am ersten Tag relevante Gespräche"

Die Beweislage nannte er: "grandios". Immerhin die ersten Kapitel liegen inzwischen offen da. Ende Januar hatte der österreichische Langläufer Johannes Dürr in einer ARD-Dokumentation geschildert, wie er einst ins Doping abrutschte, den Namen Schmidt nannte er im Fernsehen nicht - allerdings bald darauf, als Gräber ihn in Innsbruck befragte. Schon wenige Tage später zapften die Münchner Ermittler Schmidts Telefon an - und belauschten zu ihrer eigenen Überraschung "gleich am ersten Tag relevante Gespräche".

Da freuten sich Schmidt und ein Komplize, dass Dürr in der ARD nicht über Namen gesprochen hatte, und wähnten sich auf verwunderliche Weise in Sicherheit. Er habe "eh schon Sachen geschreddert", soll Schmidt in dem Telefonat gesagt haben, berichtete Gräber - allerdings waren das wohl bloß Unterlagen zu Dürr. Mit seinen anderen Kunden machte Schmidt munter weiter; insgesamt gehen die Ermittler von einer "dreistelligen Zahl von Fällen" aus, "in denen Blut entnommen oder zurückgeführt wurde". Schon auf eine einzelne dieser Taten stehen laut Gräber zwischen einem und zehn Jahren Haft. Die konfiszierten Blutbeutel werden bisher vom Landeskriminalamt nach Spuren untersucht, etwa nach Fingerabdrücken. Sie danach mit den Blutdatenbanken der Anti-Doping-Agenturen abzugleichen, um ihre Besitzer zu identifizieren, stößt zwar auf einige rechtliche Hürden. Allerdings gab Gräber sich am Mittwoch "sehr zuversichtlich", dass dies am Ende doch gelingen werde.

Zudem gab Gräber bekannt, dass am Montag eine fünfte Person aus dem Erfurter Netzwerk festgenommen worden sei und sich derzeit in Untersuchungshaft befinde. Auch sie soll in Schmidts Auftrag Blutbeutel transportiert und die "Entnahme und Rückführung selbst durchgeführt" haben, ohne medizinische Ausbildung. Da sei "das Stechen nach dem Prinzip learning by doing" praktiziert worden, sagte Gräber - wie auch von anderen Helfern des Arztes Schmidt.

In mindestens einem Fall sei zudem "ein Präparat angewendet" worden, "ohne dass klar war, was drin ist"; bloß, dass es sich um "ein Hämoglobinpulver" handele, habe man gewusst. Das habe man an einem Sportler "ausprobiert" - wegen Nebenwirkungen aber wieder abgesetzt. Ein anderes Mal habe ein Athlet nach der Eigenblut-Behandlung panisch "beide Arme in den Schnee gesteckt", so nahe sei er einem Kreislaufkollaps gewesen. Und sogar unmittelbar vor Langstreckenflügen nach Hawaii oder Korea habe Schmidt Klienten bis zu einen Liter zusätzliches Blut zugeführt - schon wegen der Thrombosegefahr sei das "lebensgefährlich", sagte Gräber. Man dürfe sich nicht davon täuschen lassen, dass es in Schmidts Doping-Garage "ordentlich ausgesehen" habe und "moderne Geräte zum Einsatz kamen".

Von diesen Geräten machte die Staatsanwaltschaft am Mittwoch auch Fotos öffentlich: die in einem selbstgebauten Garagen-Verschlag entdeckte Tiefkühltruhe für die Blutbeutel, heruntergekühlt auf -79 Grad. Dazu weitere Kühlschränke, Geräte, mit denen sich die roten Blutkörperchen vom Blutplasma trennen lassen, ein Auftaugerät, ein Gerät zum sterilen Verschweißen von Schläuchen, Fläschchen mit diversen Lösungen. Das Horror-Labor des Doping-Doktors. Seine Klienten dürften schon bald ein Gesicht bekommen.

Doping "Doping ist ein Systemproblem"

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