Athletenvertreterin Amélie Ebert "Doping ist ein Systemproblem"

Urinproben in einem Doping-Kontroll-Labor in Kanada.

(Foto: Christinne Muschi/Reuters)

Was muss sich im Sport ändern, um das Betrugsproblem besser in den Griff zu bekommen? Synchronschwimmerin Amélie Ebert, die sich als Athletenvertreterin engagiert, macht Vorschläge.

Interview von Johannes Knuth

Amélie Ebert war bis vor eineinhalb Jahren Synchronschwimmerin in der deutschen Nationalmannschaft. Sie weiß, wie das ist: Wenn man als Leistungssportler seine Privatsphäre aufgibt, um fast rund um die Uhr für Dopingkontrollen zur Verfügung zu stehen. Und obwohl viele Athleten scheinbar gläsern sind, bleiben viele Betrüger unentdeckt. Oder sie werden erst bei Razzien von Polizisten enttarnt, wie vor knapp zwei Wochen in Erfurt und Seefeld. Wie kommt es zu dieser Unwucht, was müsste sich ändern im organisierten Sport, um das Betrugsproblem besser in den Griff zu bekommen? Ebert, 24, sitzt mittlerweile im Verein Athleten Deutschland, einer vom Sport unabhängigen Athletenvertretung, außerdem im Aufsichtsrat der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada). Sie hat zu der Causa eine eindeutige Meinung.

SZ: Frau Ebert, die Affäre um ein aus Erfurt gesteuertes Doping-Netzwerk weitet sich mit jedem Tag aus. Neun Athleten sind mittlerweile als mutmaßliche Blutdoping-Kunden identifiziert, die Hintermänner sollen laut den Ermittlern teilweise wie ein Mafia-Clan operiert haben.

Amélie Ebert: Das hat mich natürlich schockiert. Aber ich glaube, dass die Ermittlungen in ganz guten Händen sind. Dank des Anti-Doping-Gesetzes, das wir seit drei Jahren in Deutschland haben, wird der Fall mit viel mehr Nachdruck verfolgt. Der Sport braucht diese Hilfe von einer unabhängigen Kontrollinstanz, anders geht es nicht. Ich hoffe jedenfalls, dass jetzt alles, was hinter dieser Affäre steckt, auch rauskommen wird. Und viel wichtiger ist, dann auch wirklich aktiv zu werden und die richtigen Konsequenzen daraus zu ziehen.

Interview am Morgen

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Viele Sportfunktionäre glauben, dass es vor allem mit drakonischen Strafen für die involvierten Sportler und Hintermänner getan ist. Wie sehen Sie das?

Drakonische Strafen sind nicht die alleinige Lösung. Es ist viel wichtiger, das Risiko, erwischt zu werden, unerträglich hoch zu machen - für Sportler und für Hintermänner. Jede Kontaktaufnahme mit einem sauberen Sportler sollte schon zur Anzeige führen. Es bringt auch niemanden weiter, die Schuld hin und her zu schieben ...

... wie etwa Herr Gandler, im Österreichischen Skiverband (noch) Rennsportdirektor für Langlauf und Biathlon, der zuletzt auch Journalisten kritisierte, die Missstände aufklären ...

... zum Beispiel. Man hat auch den Eindruck, dass die Hauptschuld da auf die Athleten abgewälzt werden soll. Natürlich haben Sportler wie Johannes Dürr große Fehler gemacht (Dürr legte das Netzwerk als Kronzeuge offen und dopte bis zuletzt heimlich weiter; Anm. d. Red.) und müssen dafür bestraft werden. Dabei ist das Umfeld viel schlimmer, das den Betrug weiter ermöglicht hat: die Ärzte, die sich daran bereichern, oder auch mögliche Mitwisser, die vielleicht lieber nichts gesagt haben. Doping ist ein Systemproblem, von daher muss man das ganze System ändern.

Was fordern Sie konkret?

Wir brauchen eine Kultur der Aufklärung. Jedem kleinsten Hinweis, jedem verdächtigen Leistungssprung muss nachgegangen werden. Funktionäre und Betreuer unterschreiben bislang zwar den Anti-Doping-Code, sie müssten aber stärker eingebunden und kontrolliert werden, vielleicht sogar mit Zimmerkontrollen. Tests und Blutpässe, mit denen man Blutdoping nachweisen kann, sollten verbessert werden, da ist die Nada bereits dran. Aber noch effektivere Kontrollen können am Ende auch nur ein Teil der Lösung sein.

Wie meinen Sie das?

Als Sportler opfert man enorm viel, um seine Sauberkeit nachzuweisen. Man muss jeden Tag den Übernachtungsort angeben, so dass man ab sechs Uhr getestet werden kann, mit einer Urin- oder Blutkontrolle. Eine Blutabnahme ist im Grunde eine Körperverletzung, die man freiwillig über sich ergehen lässt, das wäre in anderen Arbeitsverhältnissen undenkbar. Für eine Urinkontrolle pinkelt man nicht nur einfach in einen Becher, sondern muss eine fremde Person zu sich hereinlassen. Diese sieht ganz genau zu, während die Hose bis zu den Knien heruntergelassen ist, dass der Urin auch wirklich aus der Harnröhre kommt. Das sind enorme Eingriffe in die Privatsphäre. Von daher finden wir es immer so schockierend, dass nach Dopingaffären oft reflexartig noch strengere Tests gefordert werden, die derzeit doch nicht viel mehr finden. Da wäre an anderer Stelle viel mehr zu tun.

Nämlich?

Wir haben ja erlebt, dass Kontrolleure, Trainer oder Funktionäre die Tests korrumpieren, oder dass Labore plötzlich nicht mehr weiter ermitteln. Da müsste man viel mehr ansetzen - nicht bei Sportlern, die man jetzt ab fünf Uhr aus dem Bett holt. Und wenn die jüngsten Vorfälle wieder eines gezeigt haben, dann dass man Informanten von innen braucht. Wir brauchen ein System, in dem Whistleblower wissen, dass sie geschützt werden und ihren Hinweisen konsequent nachgegangen wird.

Günter Younger, der Chefermittler der Welt-Anti-Doping-Agentur, hat in einem Interview zuletzt von mehr als 400 Hinweisen berichtet, die er seit 2016 aus dem Sport erhalten habe. Vieles musste er an staatliche Behörden weiterleiten, weil seine Abteilung chronisch unterfinanziert ist.

Das ist extrem frustrierend, das muss auf jeden Fall verbessert werden.

Fühlt man sich da vom organisierten Sport nicht alleingelassen?

Es ist ja schon so, dass wir im Sport nicht wirklich eine Gewaltenteilung haben. Viele Mitglieder der Wada sitzen auch im Internationalen Olympischen Komitee, da gibt es so viele Verbindungen, dass man gar nicht hinterherkommt. Das widerspricht komplett dem rechtsstaatlichen Prinzip. Die Kontrolleure - wie die Wada - müssten doch unabhängig von dem Bereich sein, den sie kontrollieren. Ich glaube, dass da in Deutschland schon gut gearbeitet wird, aber auch hier gibt es Diskussionen, weil die Nada finanziell von Sportverbänden abhängig ist. Das darf eigentlich nicht sein.

Amélie Ebert sitzt im Verein Athleten Deutschland, einer vom Sport unabhängigen Athletenvertretung, außerdem im Aufsichtsrat der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada).

(Foto: imago/Norbert Schmidt)

Trotzdem klagen viele Funktionäre, dass jetzt pauschal alle Sportler unter Generalverdacht geraten - dabei sind es ja ihre Verbände, die den Anti-Doping-Kampf lange nicht vorangebracht haben.

Und das ist so schlimm für alle sauberen Sportler. Ich finde auch, dass man da nicht einfach nur auf die Charakterschwäche von gedopten Sportlern verweisen kann. Das ist natürlich viel bequemer, als das ganze System infrage zu stellen. Aber es fängt ja niemand mit Spitzensport an, weil er sich später immer wieder Kanülen in den Arm stechen will. Das ist auch ein Ausdruck dessen, was dieses System mit den Sportlern macht. Allein die Forderungen im deutschen Sport, dass wir mehr Medaillen und Finalplätze wollen - auch das könnte dazu beitragen, dass später jemand vielleicht den Weg in den Betrug wählt.

Haben Sie diesen Druck selbst erlebt?

Ich war seit dem 14. Lebensjahr in der Nationalmannschaft Synchronschwimmen, das ist eher eine Randsportart. Das letzte Jahr wurde ich nicht mehr von der Sporthilfe gefördert, weil nach der Leistungssportreform auch das Förderkonzept der Sporthilfe angepasst wurde. Wir sind in unserem Sport leider weit weg von Medaillenrängen. In Russland werden die Sportler schon im Kindesalter nach ihrem körperlichem Talent selektiert und trainieren vor ihrem Schulabschluss schon zehn Stunden am Tag. In Deutschland ist klar, dass man von diesem Sport nicht leben kann und auch während der Karriere fast nichts verdient. Deshalb habe ich gleich nach der Schule mein Medizinstudium angefangen, um später abgesichert zu sein, aber das macht es natürlich nicht gerade leichter, in der Weltspitze mitzuhalten. Meine Familie hat finanziell viel aufgefangen, das war ein enormer Druck.

Klingt nicht nach allzu rosigen Zeiten für deutsche Nachwuchssportler ...

Ich denke, wir müssen schon früher an noch mehr Schrauben drehen. Es ist zum Beispiel wichtig, einem jungen Athleten, der schon mit zwölf Jahren in ein Sportinternat zieht, auch neben den größtmöglichen Erfolgen im Sport andere Perspektiven aufzuzeigen. Nach dem Motto: Wenn du dich verletzt oder es nicht für ganz oben reicht, dann ist dein Leben nicht vorbei. Und zentrale Werte wie Charakterstärke und Good Governance müssen natürlich auch von den Verantwortlichen im Leistungsport vorgelebt werden. Das ist derzeit ja längst nicht immer der Fall.

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