DFB: Von Nerz bis Löw:Machtspiele und Schattentrainer

Der Posten des Bundestrainers war meist umkämpft: Nerz verliert unter Hitler, Beckenbauer putscht - jetzt soll Joachim Löw bis 2014 endlich wieder einen Titel gewinnen.

Fabian Heckenberger

10 Bilder

Joachim Löw

Quelle: dpa

1 / 10

Der Posten des deutschen Fußballnationalmannschaftstrainers war meist umkämpft: Nerz verliert unter Hitler, Beckenbauer putscht über die Bild und Löw streitet mit dem DFB. Ein Streifzug durch die deutsche Fußballhistorie: von Otto Nerz bis Joachim Löw.

Es sind freudige Zeiten für den amtierenden Bundestrainer Joachim Löw. Im deutschen Fußball wimmelt es wieder von jungen, talentierten Fußballern - und die Nationalelf agiert seit Jahren auf ansprechendem Niveau. Das ist auch ein Verdienst von Löw. Eigentlich hatte er seinen Vertrag nach der WM 2010 nur bis zur EM 2012 verlängert, danach sollte Schluss sein mit seiner Amtszeit. Doch jetzt wurde bekannt, dass er die Nationalmannschaft sogar zur WM 2014 in Brasilien führen möchte.

Der 51-Jährige einigte sich mit dem DFB überraschend schnell auf eine vorzeitige Vertragsverlängerung. "Wir sehen gute Perspektiven für die Nationalmannschaft mit unseren jungen Spielern, der DFB ist mit unserem Konzept einverstanden, von daher ist davon auszugehen, dass wir den Weg auch über die EM 2012 hinaus weitergehen. Denn die EM ist auch ein Zwischenschritt zur WM 2014 in Brasilien", sagte Löw der Sport Bild. Damit ist wohl auch ein zwischenzeitlich diskutierter Wechsel des Bundestrainers zum FC Bayern vom Tisch.

Einge seiner acht Vorgänger feierten ebenfalls große Erfolge - so mancher konnte sich jedoch nur schwer behaupten.

Texte: Fabian Heckenberger

Bundestrainer, Nerz, dpa

Quelle: SZ

2 / 10

Beinahe 20 Jahre lang sperrten sich der deutsche Spielausschuss und die Landesverbände gegen die Bündelung der nationalen Fußball-Kompetenz in einem Traineramt. Erst 1926 entschloss sich der DFB zu diesem Schritt und ernannte Otto Nerz (im Bild mit Mütze) zum Reichstrainer. Zehn Jahre lang hielt sich Nerz im Amt, ehe er von damals höchster Stelle gefeuert wurde: Als seine Elf bei den Olympischen Spielen 1936 mit 0:2 gegen Norwegen verlor, verließ Hitler vorzeitig das Stadion. Nerz war nicht mehr zu halten und musste Platz machen für seinen früheren Assistenten Sepp Herberger.

Foto: dpa

Bundestrainer, Herberger

Quelle: SZ

3 / 10

Der hatte seine sportlichen Vorstellungen anfangs ebenfalls dem NS-Machtapparat unterzuordnen. Für die WM 1938 bekam Herberger die Order, eine großdeutsche Elf aus Deutschen und Österreichern zusammenzustellen. Der Trainer hielt das für keine gute Idee, nannte das Vorhaben lakonisch "Wiener Melange mit preußischem Einschlag", setzte die Order aber letztendlich um. Nach dem Ende des Krieges wurde Herberger zum ersten offiziellen Bundestrainer ernannt, der sich wegen seines autoritären Auftretens den Spitznamen "Der Chef" verdiente und 1954 das Wunder von Bern vollbrachte. Der Linie des alleinigen Entscheiders blieb Herberger bis zu seinem Ende als Bundestrainer treu: Als in der DFB-Chefetage über Nachfolgekandidaten spekuliert wurde, erklärte er 1964 seinen Rücktritt.

Foto: AP

Bundestrainer, Schön

Quelle: SZ

4 / 10

Wie lange der Schatten eines Vorgängers sein kann, bekam Helmut Schön (links) von 1964 an zu spüren. Der Sohn eines Dresdner Kunsthändlers litt unter den Einmischungen von Herberger, der gleich in Schöns erstem Spiel als Bundestrainer zweimal von der Tribüne hinabstieg, um seinem ehemaligen Schüler Anweisungen zu erteilen. Fortan gab es zwei Bundestrainer, den offiziellen namens Schön und den Schattentrainer namens Herberger. Noch heute schwanken die Meinungen über Schöns weichen Führungsstil: Kritiker behaupten, seine Erfolge gehen vor allem auf seine emanzipierten Spieler zurück, die das Machtvakuum ausfüllten. Andere sehen in Schöns Fähigkeit des Sichzurücknehmens den Grundstein für die Siege bei der EM 1972 und der WM 1974.

Foto: dpa

Bundestrainer, Derwall

Quelle: SZ

5 / 10

Die Tradition der Ko-Trainer, die ihre einstigen Vorgesetzten beerben, setzte sich fort: Nach der WM 1978 übernahm Jupp Derwall (links) und festigte seinen Posten umgehend mit der bis dato längsten Serie einer deutschen Elf ohne Niederlage (23 Spiele). Ungeachtet dieses Einstands und des Triumphes bei der EM 1980, wurde Derwall der erste DFB-Trainer, der sich der Macht der öffentlichen Meinung beugen musste. Als ein Boulevard-Kolumnist namens Franz Beckenbauer nach dem EM-Aus im Jahr 1984 gegen Derwall wetterte, es seien "taktische Fehler" gemacht worden und "Leichtathleten statt Fußballer am Werk", konnten auch die DFB-Funktionäre ihre Hand nicht mehr schützend über den Trainer halten und Derwall trat zurück.

Foto: dpa

Bundestrainer, Beckenbauer

Quelle: SZ

6 / 10

Es übernahm der Kritiker Beckenbauer selbst, und er demonstrierte, wie sich eine einnehmende Persönlichkeit, sportlicher Erfolg und ein liebevoller Umgang mit dem Boulevard zu einer Machtbasis zementieren lassen, aus der ein Nimbus der Unangreifbarkeit erwächst. An Ausscherern wie dem Ersatztorwart Uli Stein statuierte die heutige "Lichtgestalt", vormals "Kaiser", vormals "General" ein Exempel und stilisierte sich durch gezielte Momente der Unnahbarkeit und Wütereien am Spielfeldrand zur nationalen Autorität, deren Nähe nach dem WM-Sieg 1990 selbst Bundeskanzler Helmut Kohl erst nach Beckenbauers einsamem Gang über den Rasen von Rom suchen durfte. Beckenbauer erhielt vom DFB eine Trainerlizenz ehrenhalber, trat aber aus freien Stücken zurück.

Foto: dpa

Bundestrainer, Vogts

Quelle: SZ

7 / 10

Seinem Nachfolger Berti Vogts gab der Kaiser eine tonnenschwere Hypothek mit auf den Weg. Die westdeutschen Weltmeister plus die Größen aus der DDR werden im wiedervereinigten DFB-Team auf Jahre hinaus unschlagbar sein, erklärte Beckenbauer - und fortan musste sich Vogts an den Erfolgen, am Charisma und der Beliebtheit seines Vorgängers messen lassen. Gegenüber Spielerpersönlichkeiten wie Lothar Matthäus oder Stefan Effenberg (rechts) fiel es Vogts schwer, sich zu behaupten. Nach dem Aus bei der WM 1994 und einem Disput um Spielerfrauen, eskalierte die Situation. Nur die Fürsprache des DFB-Präsidenten Egidius Braun und drei Anrufe von Bundeskanzler Helmut Kohl (Vogts: "Er hat gesagt: Halten Sie durch, Sie schaffen das.") hielten den Trainer vom Rücktritt ab. Deutschland gewann 1996 die EM, doch nach der enttäuschenden WM 1998 und einem von Mediengebrüll begleiteten Lehrgang auf Malta, trat Vogts zurück.

Foto: dpa

Bundestrainer, Ribbeck

Quelle: SZ

8 / 10

Das Kapitel Erich Ribbeck wird von vielen als sportlich dunkelstes in der Geschichte der Bundestrainer empfunden. Nachdem der DFB-Wunschkandidat Jupp Heynckes abgesagt hatte, haftete "Sir Erich" von Beginn an der Makel einer Notlösung an. Dass ihm in einer Doppelspitze Uli Stielike an die Seite gestellt wurde, um für mehr fußballerische Kompetenz zu sorgen, machte es ihm nicht gerade leichter. Einer zum Quatschen, einer zum Malochen, so lautete damals die Meinung. Nach einem 1:1 gegen Rumänien, einem 0:1 gegen England und einem 0:3 gegen Portugal bei der EM 2000 musste der DFB das Experiment für gescheitert erklären.

Foto: Reuters

Bundestrainer, Klinsmann

Quelle: SZ

9 / 10

Mit Jürgen Klinsmann holte sich der DFB einen Reformer ins Haus, der schon vor seiner Unterschrift ankündigte, man müsse "den ganzen Laden auseinandernehmen". Das Vorhaben setzte Klinsmann in die Tat um, was ihm Ärger mit der Liga (Stichworte Fitnesstrainer aus den USA, Gummitwist) mit Oliver Kahn (Entmachtung) und Sepp Maier (Entlassung), kurz: mit halb Fußballdeutschland, einbrachte. Nicht nur die Rückendeckung der DFB-Oberen, die gequält nickend der Neusortierung ihres "Ladens" zuschauten, sondern auch sein guter Kontakt zu Bundeskanzler Gerhard Schröder und dessen Nachfolgerin Angela Merkel, ließen Klinsmann die Querschüsse der Opposition überstehen. Nach dem Sommermärchen 2006 wollte DFB-Präsident Theo Zwanziger Klinsmann unbedingt halten, doch der Umworbene lehnte ab.

Foto: ddp

Bundestrainer, Löw

Quelle: SZ

10 / 10

Fast geräuschlos rückte Joachim Löw, bei der WM 2006 Fußballfachmann an der Seite von Klinsmann, nach. Löw setzte den Reformkurs von Klinsmann fort, und festigte ruhig, aber bestimmt seine Postion auf dem Trainerstuhl: Er führte Deutschland ins Finale der EM 2008 und überstand Auseinandersetzungen, wie etwa den Streit mit Kapitän Michael Ballack im Fall Frings oder das Kompetenzgerangel mit Sportdirektor Matthias Sammer. Der große Knall kam im Februar 2010, als die sichergeglaubte Vertragsverlängerung platzte. Es standen sich gegenüber: Löw, das Trainerteam und Manager Oliver Bierhoff auf der einen, DFB-Präsident Theo Zwanziger, Matthias Sammer und die Bild-Zeitung auf der anderen Seite - eine Einigung kam nicht zustande, weil der Verband die Forderungen der sportlichen Leitung nicht erfüllen wollte. Letztlich hielt das fragile Stillhalteabkommen aber bis nach der WM 2010. Dort hatte es Löws junges deutsches Team mit teilweise begeisternden Auftritten bis ins Halbfinale geschafft. Nach dem Turnier in Südafrika verlängerten Löw und Bierhoff schließlich doch noch bis 2012. Im März 2011 folgte eine weitere vorzeitige Vertragsverlängerung bis 2014.

Foto: AP

© sueddeutsche.de/jbe
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema