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Ärger im DFB-Pokal:"Dafür, dass die da schlafen in der Kabine?"

Zweiter Blick: Als Dennis Grote auf den Kieler Finn Porath stürzte, glaubten auch die meisten Essener an ein elfmeterreifes Foul. Der Ärger kam erst bei den TV-Wiederholungen.

(Foto: Martin Meissner/AP)

Die mitreißende Pokal-Kampagne von Rot-Weiss Essen endet mit einem umstrittenen Elfmeter - und der Frage, warum der Viertligist die teure Videotechnik überhaupt installiert hat.

Von Philipp Selldorf, Essen

Ein paar Minuten nach dem Schlusspfiff kamen beide Parteien noch einmal auf dem Spielfeld zusammen. Ergänzt um Trainer, Betreuer, Funktionäre bildeten die Teams von Rot-Weiß Essen und Holstein Kiel jeweils für sich einen großen Kreis, und das sah dann nicht nach einer angestrengten pädagogischen Maßnahme aus, sondern in seiner Gleichzeitigkeit wie eine Vorführung von Gemeinschaft und Geschlossenheit. Der Kieler Kreis öffnete sich schließlich unter kollektivem Triumphgebrüll, während das Essener Bündnis unter geringfügigem Applaus auseinanderfiel. Dazu meldete sich der Stadionsprecher mit einem passenden Kommentar: "Schade, schade, das war's dann".

Die spektakulär mitreißende Pokal-Kampagne, die RWE nach vielen Jahren in der Versenkung wieder in den Mittelpunkt der Fußball-Nation befördert hatte, beendete der Gegner am Mittwochabend auf norddeutsch-nüchterne Art. Holstein gewann die Partie 3:0 und ließ keinerlei dramatische Effekte aufkommen. Schon zur Pause waren die Essener Träume weitgehend ausgeträumt, weil die professionell eingestellten Kieler keine Außenseitereuphorie zuließen. Dennoch herrschte vor den Toren des Stadions an der Hafenstraße enormer Auflauf und großes Gedränge.

Allerdings waren nicht die für ihren Enthusiasmus berühmten RWE-Anhänger aufmarschiert, sondern Polizisten und Vertreter des Ordnungsamtes. Ihre hohe Anzahl deutete darauf hin, dass die Behörden eine Art Volksaufstand erwartet hatten, entweder in enthemmter Freude oder im Zorn über die Niederlage. Aber niemand kam, und die Uniformierten langweilten sich in ihren Fahrzeugen, und man konnte sich fragen, was dieser Einsatz zu bedeuten hatte und wer das alles bezahlen soll. Der Profifußball würde sich in diesem Fall mit Recht gegen die Übernahme der Kosten wehren.

Viertligist und Zweitligist hatten sich ein offenes Duell geliefert - bis zum Elfmeter

Vermisst wurde die Polizei allerdings in der Nacht vor dem Spiel, als das Mannschaftshotel der Kieler Schauplatz eines zwar farbenprächtigen, aber unerwünschten Feuerwerks war. Das erste gab es gegen zwei, das zweite gegen vier Uhr, sorgfältig so bemessen, dass es den Fußballern möglichst viel Schlaf rauben möge.

Offenbar hatten die Feuerwerker Reste ihres Pyro-Arsenals überbehalten, die sie just dann aus einem Industriegebiet unweit des Stadions zündeten, als Holstein durch Jani Serra 2:0 in Führung gegangen war (29.). Feierabend, signalisierte das Feuerwerk. Das Tor nahm dem Spiel die Spannung und die Emotionen, richtig leidenschaftlich ging es danach eigentlich nur noch auf der Tribüne zu. Dort hatten die RWE-Freunde den Elfmeter, der zum 0:1 geführt hatte (26.), anhand der Fernsehbilder als Justizirrtum entlarvt. Nicht grundlos fragten sie sich, warum sie erkannt hatten, was den Fachleuten im Kölner Keller entgangen war. "Das ist der klarste Nicht-Elfmeter aller Zeiten", schimpfte Vorstandschef Marcus Uhlig über den Moment, in dem Kiels Finn Porath schon zu Boden gegangen war, bevor Essens Dennis Grote ihn berührte.

Schiedsrichter Markus Schmidt hatte nach einmaliger Ansicht sofort auf Elfmeter entschieden und dem Täter die gelbe Karte gezeigt. Kein Essener beschwerte sich darüber, auch Dennis Grote nicht, der schuldbewusst vom Tatort schlich. Unter der Lupe betrachtet, erwies sich der Entscheid aber tatsächlich als Irrtum, und die Essener sahen sich im Nachhinein um ihre reale Chance aufs Halbfinale gebracht. Bis dahin hatte das Spiel keine Tendenz erkennen lassen, Viertligist und Zweitligist hatten sich ein offenes Duell geliefert.

Uhlig, ein bekanntermaßen streitbarer Mann, erregte sich auch über das Verhalten der Verbandsvertreter: "Wir kriegen hier wochenlang Belehrungen vom DFB, es kostet 20 000 Euro und mehr, die Technik nur für dieses Spiel aufzubauen - und wofür? Dafür, dass die da schlafen in der Kabine?" Man habe ihn zur Pause, als er das klärende Gespräch suchte, "von oben herab abgekanzelt", sagte er, "sie behandeln dich wie einen Schuljungen".

Mitten hinein platzt Schiedsrichterchef Lutz Fröhlich

Uhligs Eintreten war nur der nächste verzweifelte Einwand gegen die Willkür des Videogerichts. Die Klagen häufen sich überall. Bernhard Trares, Trainer des Zweitligisten Würzburger Kickers, kündigte neulich an, zum Tischtennis zu wechseln, weil ihm Fußball mit dem Fernseh-Schiedsrichter keinen Spaß mehr mache. Beim niederländischen Spitzenklub PSV Eindhoven rief derweil der deutsche Trainer Roger Schmidt zur Revolution auf: "Cancel the VAR!", forderte er immer wieder in einem beeindruckenden Vortrag. Schon bei der letzten Runde des DFB-Pokals hatte es Proteste und Grundsatzbeschwerden gegeben, Paderborns Trainer Steffen Baumgart führte wortgewaltig die Bewegung an, während der Kölner Manager Horst Heldt bekannte, er verstehe den Sport nicht mehr, den er seit Kindertagen betreibt.

Mitten hinein in diese Stimmung platzte nun der Schiedsrichterchef Lutz Fröhlich mit einer Mitteilung im Kicker: "Statistisch werden 98 Prozent der klaren Fehlentscheidungen verhindert. Das VAR-System hilft also enorm." Irgendwas passt da offensichtlich nicht zusammen; insbesondere die deutsche Umsetzung scheint mal wieder besonders kompliziert zu sein.

In Essen muss man sich mit dem Problem vorerst nicht mehr beschäftigen. In der Regionalliga West gibt es keinen VAR. "Am Sonntag ist Liga-Alltag", teilte der Stadionsprecher an der Hafenstraße zum Abschied mit, "aber nicht irgendein Alltag: Fortuna Köln kommt zu Besuch."

© SZ/cca
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