DFB-Niederlage Problemzone Strafraum

Mario Götze: Gegenteil des klassischen Stürmers

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Der DFB-Elf fehlt kein klassischer Mittelstürmer, aber ihr fehlen dessen Reflexe. Der deutsche Fußball muss seinen Neunern wieder beibringen, dass der Strafraum brennen muss.

Kommentar von Christof Kneer

Im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft haben die Argentinier kein einziges Tor geschossen, obwohl sie Lionel Messi, Gonzalo Higuain, Sergio Agüero, Ezequiel Lavezzi und Rodrigo Palacio im Kader hatten. Im selben Finale hat die deutsche Nationalmannschaft immerhin ein Tor geschossen, obwohl sie nur Miroslav Klose im Kader hatte.

Fünf Stürmer schießen weniger Tore als ein Stürmer: Ist das nicht der endgültige Beweis dafür, dass der Stürmer hinter Glas ins Museum gehört? Dass er nur noch eine historische Figur ist, an der nur noch die Nostalgiker hängen?

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Das ist Ironie der Geschichte: dass Deutschland dieses Finale auf eine Art gewonnen hat, die in Deutschland immer noch nicht offiziell anerkannt war. Mario Götze, Schütze dieses Tores, ist ja das Gegenteil des geliebten klassischen Mittelstürmers, der furchterregend präsent ist und dahin geht, wo's weh tut.

Es fehlen Reflexe

Mario Götze ist selten präsent. Er kann sich aber furchterregend aus dem Nichts materialisieren und dahin gehen, wo's dem Gegner weh tut.

Das WM-Finale hat dazu beigetragen, dass die Stürmerrepublik Deutschland allmählich ein Gespür für diese neuartigen Wesen entwickelt, die inzwischen in den Strafräumen gelandet sind. Die Neuner-Nation ist dabei zu akzeptieren, dass Neuner nicht mehr aussehen müssen wie Horst Hrubesch oder Jürgen Klinsmann und auch nicht wie Stefan Kießling oder Pierre-Michel Lasogga.

Spätestens nach dem EM-Qualifikationsspiel in Polen ist es aber an der Zeit, die Debatte auf andere Art weiterzuführen: Es geht nicht mehr um die Wesen, die sich im Strafraum herumtreiben. Es geht jetzt um den Strafraum selbst.

Das Thema "Chancenverwertung" zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte dieser Elf, deren Protagonisten einer Generation entstammen, die vor dem Tor lieber zwei Loopings mehr einbaut als einen zu wenig. "Zocker" nennt Jogi Löw seine Offensivwesen mal liebe-, mal sorgenvoll. In Polen war aber anschaulich wie selten zu erkennen, dass nicht nur jene Torchancen ein Problem darstellen, die vergeben werden. Sondern auch jene, die gar nicht erst entstehen - weil der klassische Mittelstürmerraum im Rochadenwirbel aus Versehen wieder mal unbesetzt geblieben ist.

Der DFB-Elf fehlt kein klassischer Mittelstürmer, aber ihr fehlen manchmal die Reflexe eines klassischen Mittelstürmers. Abstauben, abfälschen, an den kurzen Pfosten laufen - wenn Thomas Müller mal keinen herrlich schrulligen Tag, sondern nur einen schrulligen Tag erwischt, erledigt das kein anderer.

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Müller gerät aus dem Takt

Für den neuen DFB-Sportdirektor Hansi Flick wird das gleich eine schöne, schwere Aufgabe sein: Es darf künftig zwar auf keinen Fall darum gehen, wieder altgermanische Mittelstürmer zu züchten; aber es wird darum gehen, den Sinn der neuen Offensivwesen für ihren natürlichen Lebensraum zu schärfen. Der deutsche Fußball muss seinen neuen Neunern wieder beibringen, dass der Strafraum brennen muss.