Sportpolitik:Im DFB tobt der Kampf um den Neuanfang

DFB Interimspräsident Dr. Rainer Koch - Stuttgart 05.09.2021: Deutschland vs. Armenien, Mercedes-Benz Arena Stuttgart **; Koch

Rainer Koch führt den DFB aktuell zum bereits dritten Mal als Interimspräsident.

(Foto: Marc Schueler via www.imago-images.de; imago/imago images/Schüler)

Die DFB-Fraktionen ringen um die künftige Führungscrew. Ein ehemaliger Staatssekretär gilt als Kandidat, die Frauen-Initiative könnte eine Doppelspitze ins Rennen schicken. Der ewige Funktionär Rainer Koch mischt dabei weiter mit.

Von Thomas Kistner

Zwei ruhige Monate ohne öffentlichen Schlagabtausch hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hinter sich, auch ist niemand gefeuert worden. Eine Zeitenwende? Nein, die Sommerzeit hat den Betrieb runtergedimmt, intern rattern die Mühlen hochtourig. Am Laufen gehalten von manchen, die sich um die Hauptfigur der DFB-Dauerkrise scharen: Rainer Koch, Interimspräsident nach dem Abgang von Fritz Keller. Der hatte den bayerischen Strippenzieher als mysteriöse Kraft hinter seinem Sturz identifiziert. Und nicht nur er.

Beim DFB ringen sie gerade verbissen um die Führungscrew von morgen. Der Wahl-Bundestag musste ja auf März 2022 vorgezogen werden, dank der filmreifen Affäre um Koch, Keller sowie den abgetretenen Generalsekretär Friedrich Curtius und Schatzmeister Stephan Osnabrügge. Zugleich sind zahlreiche wichtige Themen von mysteriösen Dienstleistungen eines Kommunikationsberaters bis hin zu Finanzfragen und Steuerverfahren weiter ungeklärt. Aus all den Gründen fordern nicht nur gesellschaftspolitische Beobachter: Die nächste DFB-Wahl muss anders sein als jede zuvor - diesmal braucht es einen echten Neuanfang.

Keller und Curtius sind weg, Osnabrügge versprach, im März zu gehen. Nur die mächtigste Figur im alten Intrigantenstadl, die aus nächster Nähe vier Präsidenten stolpern sah, will weitermachen und den fürstlich dotierten Job als deutscher Vorstand in der europäischen Fußball-Union Uefa behalten: Rainer Koch. Das macht die Sache spannend. Dass ein echter Neuanfang nur ohne ihn in einem Spitzenamt machbar ist, stellt sogar verbandsintern eine wachsende Gruppe nicht infrage. Die Profis in der Deutschen Fußball Liga (DFL), auch viele Amateurvertreter im Norden, Osten und sogar im Westen. Das Problem ist nur: Wer kann schon einen Funktionärs-Tausendsassa kontrollieren, der gefühlt an vier Orten gleichzeitig ist und parallel mit acht Leuten telefoniert?

Machtpolitiker Koch, als erster DFB-Vize auch Chef aller Amateure, weiß um seine fragile Position. Er könnte sich hinter dem Mann einreihen, den das Amateurlager gerade als Präsidenten aufbaut: Bernd Neuendorf, 60, ein neues Gesicht. Erst seit zwei Jahren ist er Präsident des Mittelrhein-Verbandes. Früher war er Staatssekretär im nordrhein-westfälischen Sport- und Familienministerium. Neuendorf ist einer, der sich vorzeigen lässt, und der zugleich zu unerfahren ist, um zu wissen, wo intern die Tretminen liegen. Einer, dem der gewiefte Koch die Unterstützung seiner Amateurmacht im süddeutschen Raum anbieten kann und zudem Erfahrung im ewigen Kampf gegen die DFL, mit der ja bald ein lukrativerer Grundlagenvertrag auszuhandeln ist. Deal?

Auch eine Doppelspitze ist eine Möglichkeit

Abwarten. In den Ring sollen demnächst auch Kandidaten der Fraueninitiative "Fußball ist mehr" steigen. Die auf Reformen drängende Gruppe ist in Gesprächen mit Vertretern der Landesverbände. Nach SZ-Informationen könnten sogar Anwärter für eine Doppelspitze präsentiert werden. Wobei der Zeitpunkt nach der Bundestagswahl nahelegt, dass jemand aus der Politik dabei sein könnte. Ein starkes Duo aus der Mitte der Gesellschaft als Seiteneinsteiger im Chaos-Verband, der 7,1 Millionen Fußballer vertreten will - das könnte auf breite Akzeptanz stoßen.

Das wiederum behagt nicht jedem im alten Fußball-Kameradenverbund. Jedenfalls wurde den Frauen aus dem Kreis der Neuendorf-Unterstützer sogar schon der Blick aufs Schatzmeisteramt empfohlen. Und welchen Stellenwert bei hohen DFB-Funktionären renommierte Gesellschaftsgrößen wie Nikolaus Schneider genießen, der langjährige Vorsitzende der evangelischen Kirchen in Deutschland, hat sich erst im Juni erwiesen: gar keinen.

Schneider hatte für den Vorsitz der DFB-Ethikkommission kandidiert. Das Amt war ausgeschrieben worden, nachdem die Kommission auf Anzeige der Fraueninitiative ein Verfahren gegen Koch eröffnet hatte: Wegen dessen Umgang mit der Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus-Webb. Im Handstreich wurde das unabhängige Ethikgremium stillgelegt. Koch und Osnabrügge schufen vor der Abstimmung im Präsidium eine irreführende Nachrichtenlage zu den Bewerbern um den Vorsitz, so rutschte die Personalberaterin Irina Kummert an die Ethik-Spitze. Sofort traten die übrigen Kommissionsmitglieder - Schneider, der Jurist und vormalige kommissarische Vorsitzende Bernd Knobloch sowie die Kriminalforensikerin Birgit Galley - unter öffentlichem Protest zurück.

Seither erweist sich die Kummert-Kommission als Quell für Wunderlichkeiten. Immerzu, Zufall oder nicht, scheint sie hart an Kochs Interessen zu operieren. Das trug ihr jetzt eine peinliche Schlappe ein - eine, die im großen DFB-Apparat bisher fast niemand mitbekam, und die zeigt, in welch angespannter Lage sich Koch weiter befindet.

Kaum war Kummert installiert, stellte Koch ihre hastig zusammengeschusterte Kommission vor eine spannende Aufgabe. Er machte eine Eingabe gegen die Fraueninitiative, die ihn Anfang Juni vor die Ethikkammer gebracht hatte. Koch soll unangemessenen Druck auf das Initiativmitglied Steinhaus-Webb ausgeübt und die Rolle der Schiedsrichterin für die Frauengruppe infrage gestellt haben. Konkreter Aufhänger war ein Telefonat, in dem Koch die DFB-Untergebene, ohne deren Zustimmung eingeholt zu haben, mit einem Journalisten zusammengeschaltet hatte und sie zu Dementis drängen wollte. Der alte Ethiker-Stab bewertete Kochs Dreier-Telefonrunde "als unangemessen und ethisch nicht vertretbar" gegenüber der Schiedsrichterin.

Bernd Neuendorf Staatssekretaer im Ministerium für Familie Kinder Jugend Kultur und Sport in NRW

Bernd Neuendorf, früher Staatssekretär im Sport- und Familienministerium von Nordrhein-Westfalen, gilt als ein Kandidat.

(Foto: Ute Grabowsky/Imago/Photothek)

Dieses Verdikt steht im Raum - auch, nachdem Steinhaus-Webb und die Fraueninitiative der Kummert-Kommission mitgeteilt hatten, dass sie den Fall wegen fehlenden Vertrauens in die umgestrickte Ethik-Combo nicht weiterbetreiben wollen.

Koch ging also beim neuen Gremium gegen die Frauengruppe vor. Parallel nahmen Kummert und Co. ein einzelnes Mitglied der Gruppe ins Visier: Die TV-Moderatorin Gaby Papenburg hatte im Juni in einer Talkrunde bei Markus Lanz Äußerungen zu Koch getan, welche die Ethiker als falsch, rufschädigend und mithin sanktionsbedürftig ansahen. Papenburg habe Aussagen von Steinhaus-Webb zu Kochs damaliger Telefonaktion vorgetragen, ohne klarzustellen, dass ihre Darlegungen nicht auf eigenem Wissen, sondern auf Hörensagen von der Schiedsrichterin beruhten.

Eine Causa gegen die Frauengruppe als ganze wurde flott eingestellt. Aber der Fall Papenburg, der sollte offenbar zum Durchbruch führen: Ein Urteil gegen die aufmüpfigen Damen.

Im August trugen die neuen Ethiker die Sache der zuständigen Kammer beim DFB-Sportgericht vor. Beantragt wurde ein Verweis gegen Papenburg, verbunden mit einer Gegendarstellung, die ein zur "Lanz"-Sendung vergleichbares Millionenpublikum erreichen sollte. Ihre Zuständigkeit begründeten die Ethiker damit, dass Papenburg ja Mitglied im Berliner Fußballverein "Polar Pinguin" sei.

Die Frauen hielten beim Sportgericht dagegen: Sind die Ethiker überhaupt zuständig für einfache Klubmitglieder wie Papenburg? Die Antwort liefert Paragraf 46a der DFB-Satzung: Nein! Dort ist klar geregelt: "Bei Verstößen von Spielern, Trainern und Funktionsträgern von Vereinen (...) sowie von ehrenamtlichen Funktionsträgern des DFB stellt die Ethik-Kommission Anträge zur Entscheidung beim Sportgericht." Papenburg spielt und trainiert nicht, eine Funktion stellt die schlichte Klubmitgliedschaft auch nicht dar. Sie ist also gar nicht sanktionsfähig. Und so bügelte jetzt das Sportgericht unter Hans Lorenz den Vorstoß ab: Keine Zuständigkeit erkennbar, Fall erledigt.

Das Sportgericht, heißt es nun in eingeweihten Kreisen, habe sich nicht instrumentalisieren lassen wollen. Der Verdacht erscheint nicht ganz abwegig. Denn geradezu delikat wirkt der Ethiker-Vorstoß gegen ein einfaches Klubmitglied im Lichte eines ähnlichen Vorgangs kurz zuvor. Im Juni, als die Causa Fritz Keller vorlag, der Koch immerhin mit dem Nazi-Richter Roland Freisler verglichen hatte, besaß der damalige wie heutige Ethik-Geschäftsführer Ulrich Schulte-Bunert offenbar eine ganz andere Sicht auf die Dinge: Nach dem Ausscheiden aus dem Präsidentenamt gebe es nun keine Sanktionsmöglichkeiten mehr gegen Keller, er schlug deshalb die Einstellung des Verfahrens vor. Aber Keller war und ist auch nach seinem Rücktritt weiter ein einfaches Mitglied im SC Freiburg - einfach nur Mitglied wie Gaby Papenburg bei den Berliner Polar-Pinguinen.

Am 8. Oktober steht eine entscheidende Konferenz an

All das zeigt, dass der DFB weiter im alten Sud köchelt. Allerdings könnte die Abfuhr beim Sportgericht nicht der einzige Flurschaden bleiben für die neue Ethik-Combo und ihren hartnäckigen Fall. Da ist ja auch noch die alte Anzeige der Frauen gegen Koch, auf deren Grundlage ihm die frühere unabhängige Kommission "unethisches Verhalten" attestiert hatte. Kummert und Co. wollten diese Sache einstellen, auch das wurde beim Sportgericht beantragt. Aber hier erklärte sich der Vorsitzende Lorenz für befangen, ebenso sein Stellvertreter; tatsächlich ist Multifunktionär Koch ja seit vielen Jahren auch Vizepräsident Recht und ein häufiger Gesprächspartner. Nun liegt die Causa bei anderen Sportjuristen, bis Donnerstag war sie nicht entschieden.

So hängt vieles in der Schwebe beim DFB, wo für jeden neuen Hoffnungsträger, sei es eine Doppelspitze der Frauen oder sei es Bernd Neuendorf, erst einmal die Satzung geändert werden müsste. Denn zur Berufung von Fritz Keller im Herbst 2019 hatten Koch und Co. die Präsidentenrolle auf die eines Frühstücksdirektors runtergepegelt: Grüß-August ohne Richtlinienkompetenz, aber mit persönlicher Haftung. So ein Amt würde Neuendorf nicht akzeptieren, das hat er klargemacht.

Koch könnte mit dieser Wahl wohl leben, nicht nur unter zwei alten SPD-Genossen. Denn kommt der neue Präsident aus dem Westen, verbliebe das erste Vizepräsidentenamt bei den mächtigen Südverbänden, und Koch könnte seinen badischen Intimus Ronny Zimmermann auf den Posten hieven lassen, wie es viele munkeln. Die Neuendorf-Lösung böte überdies eine weitere attraktive Volte für die alte Garde: Wird das Amt des Mittelrhein-Präsidenten frei, könnte es dem im März weichenden DFB-Schatzmeister Osnabrügge zufallen.

Am 8. Oktober, bei der Konferenz der Landes- und Regionalverbände in Hamburg, ist Showtime für den Amateur-Kandidaten und seine Hintersassen. Und klar ist, dass Millionen Mitgliedern nur dann ein echter Neuanfang vermittelbar ist, wenn zuvor alle Wurzeln ins trübe Intrigantenstadl gekappt werden.

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