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DFB-Gegner Algerien:Fasten und Fußball

World Cup 2014 - Algeria training

Mächtig erbost: Algeriens bosnischer Coach Vahid Halilhodžić.

(Foto: dpa)

Zum ersten Mal seit 1986 fällt die Fußball-WM mit dem Ramadan zusammen. Wer den islamischen Fastenmonat befolgt und wer nicht, darüber ist beim deutschen Achtelfinalgegner Algerien eine emotionale Debatte entbrannt. Im Mittelpunkt: Trainer Vahid Halilhodžić.

Von Claudio Catuogno und Thomas Hummel, Porto Alegre

Vahid Halilhodžić und Teile der algerischen Medien tragen bei dieser Fußball-Weltmeisterschaft einen Kleinkrieg aus. Ob der oft schroffe und sehr selbstbewusste Nationaltrainer der richtige ist, darüber streiten sie in Algerien seit langem. Fast wäre er kurz der Weltmeisterschaft noch abgelöst worden, nur ein wasserdichter Vertrag rettete ihm den Job. Und während der Vorrunde wurde berichtet, dass ihm der Verbandspräsident die Aufstellung diktiere. Nun spitzt sich der Konflikt weiter zu.

Es geht um den Ramadan. Der hat in der islamischen Welt am Samstag begonnen, zum ersten Mal seit 1986 fällt der Fastenmonat in eine Fußball-WM. In vielen Mannschaften spielen Muslime, in der deutschen Elf etwa Mesut Özil, Sami Khedira und Shkodran Mustafi. Doch in Algerien ist das Thema größer als anderswo, da es dort einige Menschen für inakzeptabel halten, das Fasten zu brechen. Deshalb ist es offenbar ein gutes Thema, Vahid Halilhodžić anzugreifen.

Die Sportzeitung Le Buteur berichtete in großen Buchstaben, der Trainer würde den Spielern das Fasten verbieten. Andere Medien berichteten hingegen, Halilhodžić überlasse es den Spielern selbst, wie sie es mit dem Ramadan halten. Allein an diesem Montag, am Tag des Spiels gegen Deutschland, müssten sie während des Tages essen und trinken.

Dennoch ist die Aufregung enorm. Der algerische Fußballverband FAF sah sich gar gezwungen, in einer offiziellen Stellungnahme den Bericht zurückzuweisen. Der Verband widerspreche "entschieden diesen Behauptungen", hieß es auf seiner Internetseite.

Halilhodžić lassen die Berichte nicht kalt, er ging während der Pressekonferenz zum Deutschland-Spiel heftig zum Gegenangriff über. "Ich werde dort stigmatisiert, meine Ehre wird verletzt. Diese Zeitung hat zum Hass gegen mich aufgerufen", rief er. Es sei nicht das erste Mal, dass er eine Mannschaft mit Muslimen trainiere, er sei selbst Muslim. Der Ramadan sei eine Privatangelegenheit, daran rühre man nicht. "Ich hoffe, dass dieser Mist endlich aufhört. Es ist eine Schande für das Land, wie sie gegen mich agitieren." Er drohte, die Pressekonferenz zu beenden, sollte noch eine Frage zum Ramadan gestellt werden.

Dehydrierung als Problem

Dennoch stellt sich die Frage, ob das funktionieren kann: von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang nicht essen und trinken, aber in der Mittagshitze Fußball spielen. Es stellen sich Glaubens- und Gesundheitsfragen - und die Frage, ob und wie man darüber spricht.

Frankreichs Coach Didier Deschamps sagt: Er mache keine Vorgaben, "weil ich jedermanns Religion respektiere", er mache sich aber "auch keine Sorgen, jeder wird sich anpassen". Bundestrainer Joachim Löw ist ebenfalls gut vorbereitet: Es gebe im Islam Ausnahmen für Spitzensportler, Schwangere oder Kranke, weiß er zu berichten. Der DFB hat mit dem Zentralrat der Muslime vereinbart, dass die Regeln des Ramadan auch nachgeholt werden können. "Wir sind froh über dieses Entgegenkommen", sagt Präsident Wolfgang Niersbach.

Algeriens Kapitän Madjid Bougherra gab sich lange unschlüssig, wie er sich zum Ramadan verhalten werde. Die Dehydrierung sei ein Problem, aber Fasten gebe auch mentale Kraft, sagte er. "Ich entscheide nach meiner körperlichen Verfassung. Aber ich glaube, ich werde es machen." Ansonsten wollten die Algerier das Thema nicht öffentlich ausbreiten. "Wir haben beschlossen, dass wir darüber nicht sprechen", sagte Mittelfeldspieler Nabil Bentaleb, "ich treffe eine persönliche Entscheidung." Mesut Özil sagte zum Thema Ramadan: "Ich kann da dieses Mal leider nicht mitmachen, weil ich arbeite."

© Süddeutsche.de/fued/bavo

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