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DFB-Team in der Einzelkritik:Kimmich brodelt als Pass-Vulkan

Der Münchner verteilt 163 Mal den Ball. Ilkay Gündogan schießt lässig und präzise und Kai Havertz macht es dem Bundestrainer noch schwerer. Das DFB-Team gegen Island in der Einzelkritik.

Von Martin Schneider

Manuel Neuer

Deutschland - Island
(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Spielte 2003 noch friedlich in der Jugend von Schalke 04, als Rudi Völler den ARD-Kommentatoren Netzer und Delling vorwarf, sie würden ein Unentschieden gegen Island einen "noch tieferen Tiefpunkt" nennen. Lang ist es her. Neuer erlebte in Duisburg in der ersten Halbzeit einen tiefen Tiefpunkt hinsichtlich seiner Beschäftigungsfrequenz oder weniger kompliziert ausgedrückt: Er hatte sehr wenig zu tun. Beim FC Bayern kassiert er ja in schöner Regelmäßigkeit mindestens ein frühes Gegentor, gegen Island erlebte er eine Chance von Sigurjonsson (Foto), die am Tor vorbeisegelte. Da hätte er nichts machen können. Weil der Gegner in der zweiten Halbzeit hoch presste, durfte er ein paar Bälle zum Mitspieler spielen.

Lukas Klostermann

Germany v Iceland - FIFA World Cup 2022 Qatar Qualifier
(Foto: Martin Rose/Getty Images)

Beging, wenn man so will, den einzigen echten deutschen "Abwehrfehler" der Partie, als sich in der 26. Minute Bödvarsson ein bisschen zu leicht an ihm vorbeischob. Spielte ansonsten nach vorne engagiert mit und eigentlich war sein Platz als Rechtsverteidiger in dieser Mannschaft auch sicher - aber vielleicht hat er mit einem mulmigen Gefühl den hervorragenden Auftritt von Ridle Baku bei der U21 gesehen. Baku ist auch Rechtsverteidiger.

Matthias Ginter

World Cup Qualifiers Europe - Group J - Germany v Iceland
(Foto: WOLFGANG RATTAY/REUTERS)

Spielt aktuell nur unter Trainern, die im Sommer aufhören, aber bei der Nationalmannschaft ist die Situation vielleicht doch ein bisschen anders als bei Mönchengladbach. War überrascht, als er in der zweiten Halbzeit tatsächlich noch was tun musste und die Isländer auch beim Stand von 3:0 mutig wurden. Das stand in keinem Matchplan.

Antonio Rüdiger

(Foto: INA FASSBENDER/AFP)

Erlebt allein in dieser Saison ein riesiges Auf und Ab. War erst in der Nationalmannschaft ein Sinnbild der Abwehrprobleme und spielte beim FC Chelsea gar nicht mehr. Wurde dann urplötzlich schon vor dem Trainerwechsel zu Thomas Tuchel wieder Stammspieler in London und steht nun auch bei Joachim Löw wieder im Abwehrzentrum. Ob das Auf und Ab bei ihm weitergeht? Weil das Spiel gegen Island begrenzten Erkenntnisgewinn brachte, ein eindeutiger Fall von "Vielleicht, vielleicht aber auch nicht".

Emre Can

Deutschland - Island
(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Ist tatsächlich letzter BVB-Spieler der Nationalmannschaft, aber dank seiner Flexibilität gern gesehener Gast. Half diesmal als Linksverteidiger aus - die Sorgenposition dieser Fußballnation, seitdem Philipp Lahm die Seiten wechselte. Sicher auch keine Dauerlösung, aber gegen Island war das total in Ordnung.

Joshua Kimmich

World Cup Qualifiers Europe - Group J - Germany v Iceland
(Foto: Tobias Schwarz/Reuters)

Einen Chipball auf Serge Gnabry! Den Spielzug kennt mittlerweile die halbe Bundesliga, aber gegen Island, dachte sich Kimmich, kann ich ihn vielleicht nochmal probieren: Spielte so das 1:0 durch Goretzka heraus. Wollte ansonsten auch jeden Pass des Spiels spielen (163 waren es am Ende, Bestwert, was eine Leistung ist, wenn Ilkay Gündogan auch auf dem Platz steht). War so präsent wie dieser isländische Vulkan (Fagradalsfjall) in den Medien. Unumstrittener Chef des angreifenden Mittelfelds, in dem sich ja praktischerweise die Münchner Spezis Goretzka, Sané und Gnabry tummelten. Da kennt er die Laufwege. Eigentlich muss Löw zwingend bei der EM so spielen, wären da nicht auch dieser Toni Kroos und der große Schatten von Thomas Müller.

Leon Goretzka

(Foto: Ina Fassbender/AFP)

Hat in der Bundesliga gerade einen Lauf und lief auch in der Nationalmannschaft einfach weiter. Traf nach ein paar Sekunden per Spannstoß, weil Gnabry wusste, wo Goretzka stehen würde. War oft derjenige, der nach sehr feinen Ballstafetten auch mal draufschoss oder energisch drauflos dribbelte - ein ganz nettes Element im feinen deutschen Spiel. Muss in der aktuellen Verfassung eigentlich zwingend bei der EM spielen, wären da nicht ...

Ilkay Gündogan

Deutschland - Island
(Foto: Federico Gambarini/dpa)

Bekommt gerade von vielen Seiten das Etikett "formstärkster Mittelfeldspieler Europas" verpasst. Macht bei Manchester City gerade also nicht so viel falsch und kam deshalb auch in diesem harmonisierenden FC-Bayern-Quartett ganz gut klar. Traf wie zum Beweis per präzise-wuchtigem wie lässigem Vollspannschuss ins Eck. Muss in der aktuellen Verfassung eigentlich zwingend bei der EM spielen, wären da nicht ...

Kai Havertz

(Foto: Tobias Schwarz/AFP)

Muss in der aktuellen Verfassung eigentlich nicht zwingend bei der EM spielen, weil er beim FC Chelsea noch ein paar Startschwierigkeiten hat - aber was soll man sagen? Fußballspielen kann er halt auch. Rotierte in der vordersten Reihe geschmeidig mit Gnabry auf der Position des Neuners, ließ sich clever zurückfallen und erzielte so das 2:0 nach Sané-Vorlage. Erschwert dem Bundestrainer die eh schon knifflige Entscheidung.

Leroy Sané

Deutschland - Island
(Foto: Tobias Schwarz/dpa)

Flog 2018 vor der WM noch, man möchte fast sagen "hochkant", aus der Nationalmannschaft - das erscheint so weit weg wie ein Abend in einer vollbesetzten Kneipe. Überforderte die Isländer mit seinen Tempo-Dribblings, wie er gerade auch in der Bundesliga und in der Champions League die Abwehrreihen überfordert. Bereitete das 2:0 von Kai Havertz vor und wurde in der Halbzeit vom neuen RTL-Experten Uli Hoeneß umsorgt. Hoeneß sah leichte Probleme bei Sané und wünschte sich eine Auswechslung aus Schonungsgründen. Sané ging aber erst in der 77. Minute für Jamal Musiala - unklar, ob Hoeneß auch bei zum Beispiel Gündogan eine Pause verlangt hätte.

Serge Gnabry

(Foto: Ina Fassbender/AFP)

Spielt nach eigenen Angaben ganz gerne im Sturmzentrum, weil er dort in seinem Bewegungsdrang nicht von einer Außenlinie begrenzt wird. Nutzte die Freiheit der Mitte direkt, um das 1:0 vorzubereiten und später aus der Halbposition gegen den Pfosten zu schießen. Weil er natürlich nicht der klassische Kopfballspieler oder der klassische Alleskönner (Robert Lewandowski) ist, versucht er, durch Positionswechsel an der Spitze Verwirrung zu stiften, meist macht er das in der Nationalmannschaft mit Timo Werner, diesmal mit Kai Havertz. Klappte auch ganz gut.

Einwechselspieler

Florian Neuhaus bekam seine 19 Minuten Spielzeit für Leon Goretzka. Spielt eine sehr gute Saison in Mönchengladbach, eigentlich auch ein Spieler, der in die Champions League gehört. Aber der Platz im deutschen Mittelfeld ist ... Sie wissen schon. Dazu kamen Timo Werner und Jamal Musiala, der sein Debüt gab und sich nun für den DFB "festgespielt" hat. Das heißt, er kann nicht mehr für England auflaufen. Amin Younes feierte sein Comeback.

© SZ/ska
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