Deutsche Ruderer vor Olympia Klage gegen den Vorstand

Die Olympia-Nominierung des Deutschen Ruderverbandes verärgert außerordentlich viele Athleten. Im Zentrum der Kritik steht vor allem Chefbundestrainer Hartmut Buschbacher. Nun will ein Verein Klage beim Verbandsrechtsausschuss einreichen. Das Ziel: die Absetzung Buschbachers.

Von Joachim Mölter

Wenn die Sportverbände ihre Olympia-Teilnehmer nominieren, gibt es immer Athleten, die sich ungerecht behandelt fühlen, weil sie nicht mitgenommen werden zu den Spielen. Der Ruderer Karsten Brodowski aus Berlin ist so einer. Aber bevor man ihn als einen weiteren frustrierten Jammerer abtut, sollte man sich seine Geschichte anhören.

Bei den Ergometertests des Deutschen Ruderverbandes (DRV) im Winter, bei denen die Sportler quasi auf dem Trockenen sitzen und an Seilen ziehen, brachte er die beste Leistung aller Olympia-Kandidaten des DRV. Als es im Frühjahr aufs Wasser ging, war der 27-Jährige im Einer der zweitschnellste Skuller; das sind die Athleten, die auf jeder Seite des Bootes ein Ruder bewegen (im Gegensatz zum Riemen, an dem nur einseitig gezogen wird).

Doch als dann anderntags die Ruderer in den Zweier gesetzt wurden für weitere Tests, um die Besetzung des Doppel-Zweiers und -Vierers zu bestimmen, saß er wieder auf dem Trockenen - als einziger der elf anwesenden Kader-Mitglieder. Karsten Brodowski war ausgebootet worden von Bundestrainer Hartmut Buschbacher und dem Disziplintrainer Marcus Schwarzrock. "Ich bin nicht zu einem Prozent für die Mannschaftsboote in Erwägung gezogen worden", sagt Brodowski.

Warum, weiß er bis heute nicht wirklich - obwohl er sogar mit Hilfe eines Anwalts bat, eine Erklärung zu bekommen. Bei einem anberaumten Gespräch Ende Juni ließen sich Trainer sowie DRV-Anwalt kurzfristig entschuldigen. Alles, was der sitzengelassene Brodowski bei dem Treffen vom DRV-Vizepräsident Dag Danzglock erfuhr, war, dass er "nicht passfähig" sei: So heißt es im Ruderjargon, wenn sich jemand nicht harmonisch in den Schlagrhythmus eines Bootes einfügt. Ein Argument, das Brodowski nicht gelten lässt: Er war 2004 Junioren-Weltmeister im Doppelvierer, 2007 und 2009 half er bei Weltmeisterschaften mit, in der Bootsklasse Bronze zu holen.

"Es gibt keinen Fall, der so extrem ist wie meiner", sagt Karsten Brodowski, "aber es gibt eine ganze Liste von Namen, die sich falsch behandelt fühlen." Wenn man sich in der Szene umhört, stößt man tatsächlich auf fast ein Dutzend Athleten, die Kommunikationsprobleme mit Bundestrainer Buschbacher beklagen. "Zu viele dafür, dass wir angeblich einen transparenten Nominierungsprozess haben", findet Brodowski und folgert: "Da muss etwas massiv schiefgelaufen sein."

Unter Sportlern und Vereinen regt sich Unmut, was Auswahlverfahren und Nominierungspraxis für Olympia in London angeht. Der RC Karlstadt hat am Freitag in einer Pressemitteilung angekündigt, Klage beim Verbandsrechtsausschuss einzureichen, das Ziel: den DRV-Vorstand um dessen Vorsitzenden Siegfried Kaidel (Schweinfurt) abzusetzen. Der Grund: Der Vorstand habe seine "Aufsichtspflicht im Zusammenhang mit Cheftrainer Buschbacher" verletzt.

Beim DRV sieht man dem gelassen entgegen. "Die Vorwürfe gegen Hartmut Buschbacher sind rechtlich und inhaltlich abwegig", lässt sich Kaidel zitieren; die Nominierung sei nach dem vom Deutschen Olympischen Sportbund vorgegebenen Verfahren abgeschlossen worden.

Im Übrigen "wollen wir uns 14 Tage vor Olympia auf die wichtige Vorbereitung der Mannschaft konzentrieren". Auch der seit Ende 2008 als Chefbundestrainer fungierende Hartmut Buschbacher sieht keinen Anlass zu reagieren: "Der Nominierungsprozess ist ordentlich abgeschlossen. Wenn ein, zwei Sportler eine andere Meinung haben, ist das keine große Sache."

Vielen Athleten geht es jedoch gar nicht einmal so sehr um ihre Nicht-Berücksichtigung an sich, es geht vielmehr um den Umgang mit ihnen. Nina Wengert, 27, zum Beispiel, die im vergangenen Jahr aus dem Achter aus- und in die Skullboote eingestiegen ist und in diesem Jahr den Olympia-Start verpasst hat, sagt: "Sportlich ist das okay, dass ich nicht mitfahre." Aber sie beklagt auch: "Mit uns wurde einfach nicht gesprochen, man hat nicht gewusst, was Sache ist, was man machen soll, um noch berücksichtigt zu werden."

Es gibt ungewöhnlich viele Athleten und Betreuer, die Hartmut Buschbacher Willkür bei der Nominierung vorwerfen, auch wenn der das Gegenteil behauptet. Nina Wengert formuliert es in einer ähnlichen Richtung: "Es gab keine klaren Nominierungskriterien. Es wurde individuell entschieden, was bei wem zählt."

Olympia-Absenzen

Lädiert, außer Form, ausgebootet