Deutsche Handballer vor den WM-Playoffs:15 Gegentore in 20 Minuten

Lesezeit: 3 min

Deutschland - Norwegen

Reichlich unzufrieden: Bundestrainer Martin Heuberger (links) und Michael Kraus.

(Foto: dpa)

So wird das nichts mit der WM-Teilnahme der deutschen Handballer: Am Samstag muss die DHB-Auswahl im Playoff-Hinspiel gegen Polen bestehen, der letzte Test gegen Norwegen geht daneben. Sorgen bereitet die einst so starke Abwehr.

Von Carsten Eberts

Am Ende waren die Gesichter lang. Johannes Bitter stand grimmig im Tor, Martin Heuberger stakste an seiner Linie entlang. Sogar Michael Kraus, genannt Mimi, der sonst immer grinst, verbarg seine Grübchen.

Am Samstag muss die deutsche Handball-Nationalmannschaft zum wichtigen Playoff-Hinspiel in Polen antreten. Es geht um die WM, um die nähere Zukunft des deutschen Handballs - vielleicht sogar um ein wenig mehr. Da wäre ein Sieg im letzten Test gegen Norwegen schon wichtig gewesen. Doch daraus wurde nichts.

Mit sechs Toren führte das Team von Bundestrainer Heuberger Mitte der zweiten Halbzeit, kurz vor Schluss glichen die Norweger aus, sie gewannen das Spiel in Wetzlar sogar 32:30 (14:16). "Kein gutes Gefühl" sei es, mit diesem Erlebnis nach Polen zu reisen, sagte Heuberger. "Vor allem", so der Bundestrainer, "weil es so unnötig war."

Damit hatte er zweifellos recht. Die Norweger waren als finaler Testspielgegner sinnig gewählt. Ein Team aus der erweiterten, jedoch nicht absoluten Weltspitze. Gespickt mit schnellen Spielern, robust in der Abwehr, wurfgewaltig im Rückraum. Etwa so, wie die Polen Handball zu spielen pflegen.

Phasenweise zeigte Heubergers Mannschaft auch den Handball, der am Samstag in Danzig und eine Woche darauf in Magdeburg zum Erfolg führen könnte - und Deutschland im Nachrückverfahren einen Startplatz bei der WM 2015 in Katar bescheren würde. Als die Abwehr um den jungen Mittelblock Wiencek/Pekeler aggressiv zupackte, Mittelmann Tim Kneule die Bälle ruhig, aber trotzdem druckvoll verteilte, die Außen Uwe Gensheimer und Patrick Groetzki sicher abräumten.

"Wir hatten Norwegen eigentlich im Griff", konstatierte Heuberger, "es gab genug positive Dinge, aus denen wir Selbstbewusstsein gewinnen können." Doch es gab auch diese negativen Dinge, diesen schwer erklärlichen Bruch zum Schluss. In den letzten 20 Minuten leistete sich das DHB-Team eine Phase, die gegen die Polen schon das Ende der WM-Ambitionen bedeuten könnte.

Das hatte auch mit Heuberger zu tun: Er wechselte kräftig durch, setzte alle 20 Spieler ein, darunter auch die drei Torhüter. Bis zum Polen-Spiel muss er seinen Kader auf 16 Mann reduzieren, er wird dann auch deutlich länger auf seine besten acht bis zwölf Spieler setzen müssen, von denen sich gegen Norwegen vor allem der frisch gekürte Champions-League-Sieger Holger Glandorf von der SG Flensburg-Handewitt hervortat.

"Das war mangelnde Präsenz in der Abwehr"

Doch 15 Gegentore in den letzten 20 Minuten sind "eindeutig zu viel", befand auch Heuberger. Er hatte zwischenzeitlich auf eine 5-1-Abwehr umgestellt, mit Kraus als offensiver Spitze, wechselte dann jedoch schnell wieder zur 6-0-Formation zurück. Trotzdem gelang es nicht, die starke rechte Seite der Norweger zu kontrollieren. Insbesondere Eivind Tangen, der siebenmal traf, konnte werfen, wie er wollte. "Das darf uns natürlich nicht passieren, egal in welcher Aufstellung", echauffierte sich Kraus bei Sport1.

Das deutsche Team ist nicht gerade auf dem Höhepunkt seiner kreativen Schaffenskraft, also muss es sich über eine gute Organisation in der Abwehr und der nötigen Aggressivität in die Spiele hineinfighten. Das war zuletzt stets der Schlüssel für die besseren deutschen Auftritte, etwa im vergangenen November beim Handball-Supercup in Hamburg, als das DHB-Team die Polen besiegen konnte.

Mit einer Einstellung wie gegen Norwegen wird es diesmal schwer. "Das war mangelnde Präsenz in der Abwehr", sagte der Bundestrainer. Gegen einen starken Gegner habe sein Team "zurecht verloren". Auch Kraus, der selbst zweimal traf und mit Kneule um die Position des Mittelmanns in der Start-Sieben ringt, sagte: "Wir sind gut beraten, wenn gegen die Polen die Abstimmung besser passt."

Am Samstag im Playoff-Hinspiel kommt eine weitere Unwägbarkeit hinzu, auf die sich das Team kaum vorbereiten kann. Die deutsche Mannschaft hat seit sehr langer Zeit kein so genanntes "Stressspiel" mehr absolviert. Wenn es um alles geht, auf Nuancen ankommt, auch in hektischen Momenten Ruhe nötig ist - und der gewinnt, der am Ende klügere Entscheidungen trifft.

Die Polen hatten solche Spiele, zuletzt im Januar bei der EM in Dänemark, als das Team Russland (in der Vorrunde) und Weißrussland (in der Hauptrunde) knapp besiegte. Dort war Deutschland bekanntlich gar nicht erst qualifiziert.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB