Dänemark bei der EM 2021:Die Dänen fühlen sich von einer Kraft mitgerissen

Czech Republic v Denmark - UEFA Euro 2020: Quarter-final

Diese Dänen...so gut wie bei dieser EM waren sie zuletzt vor 29 Jahren.

(Foto: Naomi Baker/Getty Images)

Trainer Hjulmand predigt über fundamentale Dinge des Lebens, der frühere Bayern-Profi Höjbjerg weint hemmungslos. Dänemark ist jetzt schon Emotions-Europameister - der Halbfinal-Einzug trägt historische Züge.

Von Ulrich Hartmann

Pressekonferenzen mit Kasper Hjulmand gleichen eher Predigten als Spielanalysen. Damit wären sie fürs Bibelfernsehen ebenso geeignet wie für Sportkanäle. Der dänische Nationaltrainer referiert in den digitalen Fragestunden kaum über Ballbesitzquoten, Chancenverwertung und Matchpläne. Er predigt über "die fundamentalen Werte des Lebens und des Fußballs".

Seit der Nationalspieler Christian Eriksen in der 43. Minute der dänischen Auftaktpartie gegen Finnland vor drei Wochen einen Herzstillstand erlitten hatte und Dänemark die EM nur deshalb fortsetzte, weil Eriksen sich alsbald erholte, geht es für diese Mannschaft um viel mehr als statistische Daten. "Es geht darum, warum wir überhaupt Fußball spielen", sagte Hjulmand nach dem 2:1-Sieg im Viertelfinale gegen Tschechien. In diesem Satz begegneten sich Sentimentalität und Romantik.

Dänemark steht erstmals seit seinem sensationellen Titelgewinn 1992 wieder in einem EM-Halbfinale. Damals hatte sich das Nationalteam eigentlich gar nicht für die kontinentale Endrunde qualifiziert, durfte wegen des Ausschlusses des vom Krieg geplagten Jugoslawien aber kurzerhand trotzdem mitspielen. Die Spieler wurden zu nationalen Helden. "Meine Generation ist mit diesen Legenden aufgewachsen", sagt der heutige Nationalspieler Thomas Delaney.

Er war damals gerade erst geboren, aber die Namen der Legenden - Schmeichel, Larsen, Olsen, Christofte, Vilfort, Povlsen, Laudrup und die anderen - waren allgegenwärtig, als Delaney mit dem Fußballspielen begann. Jetzt könnte er selbst eine dänische Legende werden. Zwei Siege fehlen noch dazu. Am Samstagabend hat der für Borussia Dortmund aktive Mittelfeldmann den 1:0-Führungstreffer zum Viertelfinal-Triumph über Tschechien erzielt.

Der Siegeszug dieser dänischen Mannschaft, die vor der EM eigentlich niemand auf dem Zettel hatte, ist auf höchstem fußballerischen Niveau eine Cinderella-Story, wie sie auch bei einem Straßenfußball- oder einem Jugend-Turnier passieren kann, wenn eine keineswegs favorisierte Mannschaft Spiel um Spiel gewinnt und immer stärker den Geist der kollektiven Kraft spürt. "Wir sind zu einem Symbol für die fundamentalen Werte des Lebens und des Fußballs geworden", predigt Hjulmand. Er löst den Erfolg seiner Mannschaft damit aus dem von Kommerz geprägten EM-Fußball heraus und stilisiert ihn zu etwas Ursprünglichem.

Für den Fußball, die EM und ihren Veranstalter Uefa kann es bei diesem Turnier schon jetzt kaum mehr eine emotionalere Geschichte geben als die der Dänen. Das dient zwar auch kommerziellen Zwecken, bündelt aber weltweite Sympathien.

"Wir tragen Christian in unseren Herzen mit nach Wembley", sagt Hjulmand. Solch eine gemeinsame Erfahrung kann eine Mannschaft mehr mitreißen als ein guter Matchplan. "Das Spiel gegen Tschechien lief eigentlich überhaupt nicht so, wie wir es geplant hatten", gestand Delaney nach dem Schlusspfiff. "Aber das könnte mir jetzt gar nicht egaler sein." Die Dänen fühlen sich wie von einer Kraft mitgerissen. Diese Kraft führt sie von Sieg zu Sieg, diese Kraft saugt sie aber auch ganz schön aus.

"Wir haben schon mit dem Sieg gegen Tschechien Geschichte geschrieben", sagt Flügelspieler Jens Stryger

Pierre-Emile Höjbjerg, Dänemarks Spielgestalter und mit drei Assists bester Vorlagengeber, erlitt nach dem Schlusspfiff in Baku einen emotionalen Zusammenbruch. Er weinte hemmungslos und vergrub sein Gesicht dabei im Trikot des tröstenden Kollegen Delaney. "Alle Gefühle sind aus ihm herausgebrochen", erklärte Delaney später im Tonfall eines Therapeuten. Delaney wusste aber intuitiv, wie er Höjbjerg in diesem Moment am besten helfen konnte: "Ich hatte das Gefühl, dass er eine Umarmung gebrauchen kann."

Beim 4:1-Sieg im finalen Gruppenspiel gegen Russland und beim 4:0 im Achtelfinale gegen Wales hatten sich die Dänen in einen Rausch gespielt. Das wirkte wie die Befreiung vom Eriksen-Schock. Der 2:1-Sieg gegen Tschechien war kein solcher Rausch mehr, aber der aufgebaute Teamspirit wirkt noch nach. Delaney als bereits siebter dänischer Torschütze bei dieser EM (5.) und Kasper Dolberg mit seinem dritten Turniertreffer (43.) brachten den Erfolg auf den Weg. Dass die Ecke vor Delaneys Kopfballtreffer eigentlich gar keine war, machte die Tschechen zurecht traurig, passte aber ins Bild jener Dänen, für die das Schicksal sich momentan sehr ins Zeug zu legen scheint.

Um eine Geschichte zu schreiben, an die sich der Fußball für immer erinnern wird, ist das EM-Halbfinale am Mittwoch nun bestens geeignet. Entweder ziehen die Engländer vor heimischen Fans ihr Ding diesmal wirklich durch - oder die unglaublichen Dänen machen den vorletzten Schritt zu einer der emotionalsten Geschichten in der EM-Historie. "Wir haben schon mit dem Sieg gegen Tschechien Geschichte geschrieben, weil es so lange her ist, dass Dänemark im Halbfinale war", sagt der Flügelspieler Jens Stryger. Aber der Traum vom eigentlich Unträumbaren ist immer größer geworden.

Und so steckt am Mittwoch auch viel Hoffnung in einem eigentlich profanen Pullover. Es ist der Glückspullover vom Trainer Hjulmand, mit dem zuvor zwei Spiele gewonnen worden waren und den er sich in der zweiten Halbzeit gegen Tschechien trotz drückender Schwüle plötzlich übergezogen hat. Ganz Dänemark dachte vor dem Fernseher, dies tue der abergläubische Trainer gewiss aufopferungsvoll zum Wohle des Erfolgs.

Dabei hatte es einen gänzlich unpathetischen Grund. Die in Weiß spielenden Dänen nahmen ihren nahe am Feld stehenden Trainer in seinem weißen Polohemd aus den Augenwinkeln nämlich als Mitspieler wahr. Er musste sich mit seinem dunklen Pullover also bloß optisch abgrenzen.

Der Glückspulli hat seinen Zweck trotzdem wieder erfüllt und soll auch am Mittwoch in Wembley zum Einsatz kommen. Eines Tages wird er gewiss in einem Museum zu sehen ein. Welcher Erfolg dann mit diesem Herren-Oberteil verbunden werden wird, wissen die Dänen bis jetzt noch nicht. Am Mittwoch werden sie ein Stück schlauer sein. Und unabhängig vom Ausgang des Spiels werden sie an jenem Abend bestimmt einmal mehr von ihren Gefühlen übermannt werden.

© SZ/bek/sjo
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