Copa América Coutinho macht Neymar vergessen

Philippe Coutinho bejubelt seinen zweiten Treffer.

(Foto: Getty Images)
  • Auch ohne den verletzten Neymar gelingt Brasilien ein guter Start in die Copa América.
  • Beim Auftaktspiel gegen Bolivien gewinnt die Gastgebernation mit 3:0.
  • Vor allem Philippe Coutinho sticht heraus und erzielt einen Doppelpack.
Von Javier Cáceres, São Paulo

Dem Fußball ist, wie man weiß, der Aberglaube nicht fremd. Manchmal könnte man sogar den Eindruck bekommen, er sei ihm wesensimmanent. Insofern war das, was am Freitagabend im Estadio Morumbi zu Sao Paulo stattfand, für Brasiliens Nationalelf mehr als nur ein Eröffnungsspiel zur Copa América, der Südamerika-Meisterschaft. Und es war auch mehr als ein alles in allem absehbarer 3:0-Sieg gegen Bolivien, bei dem Coutinho (50./53.) und Everton (86.) die Tore erzielten. Für Brasilien war der Sieg deshalb besonders, weil er auch ein Erfolg gegen die eigenen Geister war. Gegen Geister, die man böse nennt. Denn gegen Bolivien trugen die Brasilianer zum ersten Mal seit Beginn der 50er-Jahre wieder ein weißes Trikot: In jener Farbe, von der man glaubte, sie sei mit einem Fluch verbunden, der unvergänglich wäre.

Das weiße Trikot der Brasilianer war nach der Weltmeisterschaft 1950 in Verruf geraten. Brasilien brauchte im letzten Spiel des Turniers - es gab damals kein Endspiel - gegen Uruguay nur ein Unentschieden, um erstmals Weltmeister zu werden. Brasilien ging vor 200.000 Zuschauern im Maracana-Stadion in Führung. Doch Juan Alberto Schiaffino (66.) und Alcides Ghiggia (79.) drehten die Partie, zum stummen Entsetzen einer Menge, die voll auf Karneval gepolt war. "Nur drei Menschen haben das Maracana zum Schweigen gebracht: der Papst, Frank Sinatra und ich", pflegte der 2015 verstorbene Ghiggia zu sagen. Bei Weltmeisterschaften trug Brasilien danach nie wieder weiße Hemden.

1953 lobte die Zeitung Correio da Manha aus Rio de Janeiro einen Wettbewerb aus, den ein Schriftsteller und Zeichner namens Aldyr Schlee gewann - er schlug ein kanariengelbes Hemd mit grünen Bündchen, eine blaue Hose und weiße Strümpfe vor. Was er damals nicht ahnen konnte: Sein Entwurf wurde zu einer globalen Marke, die Schönheit und Erfolg verhieß: Brasilien wurde insgesamt fünf Mal Weltmeister. 2004 holte Brasilien das weiße Hemd wieder hervor, für ein Freundschaftsspiel gegen Frankreich aus Anlass des 100-jährigen Jubiläums des Weltverbandes Fifa. Nun wurde das weiße Hemd wieder offiziell installiert, aus Marketinggründen, die hinter einem nostalgischen Schleier verborgen wurden: Man wolle der Copa América des Jahres 1919 gedenken, dem ersten von insgesamt acht Südamerikaturnieren, die Brasilien gewann.

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Der Weg zum neunten Titel begann überaus rumpelig - und vor nicht einmal ausverkauftem Haus. Nur 47.000 Zuschauer fanden sich im Estádio Morumbi ein, das eigentlich 72.000 Zuschauer fasst. Es war, wie eigentlich immer bei Spielen der brasilianischen Nationalelf, ein Publikum, das nicht einmal ansatzweise die verschiedenen sozialen Schichten des Landes wiederspiegelte, sondern sich hauptsächlich aus den oberen sozialen - und das heißt: vornehmlich weißen - Milieus speist. Was sie sahen, war fußballerisch dürftige Kost. Brasilien dominierte zwar ein schwaches und überaus defensives bolivianisches Team, hatte erschlagend viel Ballbesitz, schlug Flanke um Flanke in den Strafraum des Gegners, kam zu Chancen und hatte gleichwohl die Pfiffe verdient, die noch in der Nachspielzeit von den Rängen zu hören waren. Gepaart mit "Tite raus!"-Rufen gegen den zunehmend umstrittenen Nationaltrainer. Tite hatte gegen die Bolivianer zwei defensive Mittelfeldspieler aufgeboten, was man angesichts eines Gegners, der zuvor in 16 Spielen nur einen Sieg errang, skurril nennen konnte.

Erst am Ende wird Kunst geboten

"Buhrufe gehören zum Fußball dazu", sagte Philippe Coutinho, der beim FC Barcelona angestellt ist und bei der Copa den verletzten und von Vergewaltigungsvorwürfen ausgesetzten Neymar Júnior als Leitfigur vertreten muss. Coutinho leitete den Sieg nach der Pause mit seinem Doppelschlag ein: Erst verwandelte er einen Handelfmeter, der per Videoschiedsrichter dekretiert wurde (47. Minute), dann traf er nach Vorarbeit von Roberto Firmino aus drei Metern per Kopf (52.). Erst danach wurde Kunst geboten: Durch den eingewechselten Stürmer Everton (86.), der noch bei Gremio Porto Alegre spielt, aber schon als Transferkandidat gilt. Er kurvte von der linken Seite nach innen, ließ zwei, drei Gegenspieler stehen und zirkelte den Ball aus 14 Metern mit einem Rechtsschuss neben den Pfosten. Der umstrittene, rechtsextreme Staatspräsident Jair Bolsonaro, der nicht einen hochrangigen Kollegen aus einem anderen Land begrüßen durfte, hatte sich da bereits wieder verabschiedet.

Im brasilianischen Team war nach der Partie so etwas wie Erleichterung über den Sieg zu spüren, ein Turnierstart ist oft reich an Tücken. "Wir haben Persönlichkeit gezeigt", sagte Dani Alves, der Neymar als Kapitän beerbt hat. Er ging mit den Anhängern in Sao Paulo hart ins Gericht. "Es ist immer schwierig, hier zu spielen, weil dies ein Klub-Publikum ist", sagte Alves, zeitweise habe man sogar auf den Rängen die Anweisungen von Trainer Tite hören können, vermutete er. Brasilien reist zum zweiten Gruppenspiel gegen Venezuela nach Salvador de Bahia, und dort hofft er auf einen anderen, pralleren Sound: "Der Axé klingt anders", sagte Alves in Anspielung auf eine populäre Musikrichtung, die in Bahia beheimatet ist.

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