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Confed-Cup: Aus für den Weltmeister:"Italien - eine Schande!"

Das epochale 0:3 gegen Brasilien beim Confed-Cup lässt im Land des Fußballweltmeisters die Alarmglocken schrillen. Doch es ist nur eine Folge jahrelanger Fehlentwicklungen.

Fabio Cannavaro hatte im Lotus-Versfeld-Stadion von Pretoria (Tshwane) eigentlich Grund zum Feiern. Der 35-Jährige zog zum 126. Mal das Trikot der Squadra Azzurra über, wenngleich es diesmal eines in irritierendem baby-blau war. Der Neapolitaner zog damit mit Paolo Maldini als Rekord-Nationalspieler Italiens gleich. Doch aus dem Rekordspiel wurde eine handfeste Blamage.

Sprachlos: Torwart Gianluigi Buffon und Verteidiger Fabio Cannavaro beim 0:3 gegen Brasilien.

(Foto: Foto: AFP)

0:3 lag der amtierende Weltmeister im letzten Gruppenspiel des Confederations Cups gegen Brasilien schon zur Pause zurück. Binnen acht Minuten erzielten die Südamerikaner ihre Tore. Beim 0:1 verschlief Cannavaro die Abseitsfalle, als würde er sein drittes Länderspiel bestreiten, Brasiliens Stürmer Luís Fabiano schoss mühelos ein (37.). Dann rutschte Daniele De Rossi auf groteske Weise an einem Querpass vorbei (0:2, Luís Fabiano, 43.) und das dritte Gegentor schoss Italiens gleich selbst: Eigentor durch Linksverteidiger Andrea Dossena (45.+1). Seit 1957 hatte eine Fußballauswahl Italiens nicht mehr drei Tore in der ersten Halbzeit kassiert.

Weil die USA im Parallelspiel gegen Ägypten überraschend deutlich mit 3:0 siegten, fliegt Italien nach der Vorrunde nach Hause. Im Land des Weltmeisters stimmten die Zeitungen das erwartete Klagelied an: "Italien - eine Schande!", titelte Corriere dello Sport, die Gazzetta dello Sport schrieb in Anspielung auf die Pleite zuvor gegen Ägypten: "Italienische Finsternis. Wir waren Mumien, und wir bleiben Mumien."

Das Bild der Mumien spielt auf den pikantesten Punkt in den kargen Darbietungen an: Kritiker glauben, Italiens Auswahl sei zu alt und Trainer Marcello Lippi würde zu vielen seiner Weltmeister 2006 vertrauen. Im Spiel gegen Brasilien standen acht Helden vom Turnier in Deutschland auf dem Platz . "Alt und geschlagen: Die Helden sind k. o. - das traurige Ende des Märchens von Berlin. Ein Jahr vor der WM muss die Nationalelf erneuert werden", kommentierte die Zeitung La Repubblica.

Seit Tagen reagiert Lippi dünnhäutig und bisweilen hemdsärmlig auf die Fragen nach jungen Spielern. Auch während der Pressekonferenz nach dem Ausscheiden wurde er gefragt, warum er nicht den Generationswechsel vorantreibe. "Junge Spieler, junge Spieler!", blaffte er, "ich weiß nicht, wovon Sie reden. Giuseppe Rossi war bei allen drei Spielen dabei. Ich kann doch nicht alle ins kalte Wasser werfen."

Eigentlich war Lippi nach der Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz als Nationaltrainer zurückgeholt worden, um den sichtbaren Niedergang der Squadra aufzuhalten. Nach dem WM-Titel hatte er an Roberto Donadoni übergeben, doch nach dem Aus im Viertelfinale in Wien gegen Spanien holte ihn der italienische Verband zurück. Dessen Präsident Giancarlo Abete kritisierte nun: "Wir haben sehr langsam gespielt. Doch bei vielen WM-Siegern 2006 ist es keine Frage des Alters, sondern eine Frage der Fitness."

Abete spielt auf Cannavaro oder Gennaro Gattuso an, die verletzungsbedingt vor dem Confed-Cup einige Zeit nicht trainieren konnten. Doch vielen Italienern dämmert, dass ihre Mannschaft weit von der Klasse von 2006 entfernt ist. Zum Beispiel Luca Toni. "Toni ist nur noch ein Gespenst des einstigen Mittelstürmers", urteilte die Gazzetta dello Sport. Der Angreifer gab sich selbstkritisch: "Der Confed-Cup muss uns eine Lehre sein. Wir sind nicht mehr das Italien der Weltmeisterschaft. Wir müssen arbeiten, um wieder auf so ein Niveau zu gelangen."

Zudem klagt nicht nur Marcello Lippi, dass der italienische Fußball bis auf wenige Ausnahmen derzeit keine Talente hervorbringt. Zwar deuteten Guiseppe Rossi (22, FC Villarreal) und vor allem Rechtsverteidiger Simone Pepe (25, Udinese Calcio) gegen Brasilien ihre Klasse an, und der wohl hoffnungsvollste Jungprofi, Mario Balotelli (18, Inter Mailand) wurde für die U-21-EM in Schweden abgestellt. Doch sonst ist das Angebot eher klein.

Und Lippi klagt zudem über mangelnde Nachwuchsarbeit der großen Klubs: "Italienischer Fußball wird bei den Kleinen gespielt, nämlich bei Chievo, Cagliari und Catania. Die Großen haben zu viele Ausländer." Und Torwart Gianluigi Buffon legt nach: "Wir sind in einem schwierigen Moment und nicht konkurrenzfähig. Wie unsere Liga."

Doch einige Stimmen wollen das Ausscheiden beim Confed-Cup auch nicht überbewerten. "Wir sind jetzt enttäuscht, aber unser Weg geht weiter. Da draußen sollte man ruhig bleiben und die Jungen nicht bedrängen, denn sie brauchen Erfahrung und müssen sich an große Spiele gewöhnen", forderte Lippi. Und sein Kapitän Cannavaro sagte: "Dieser Confederations Cup darf nicht den Blick auf das Wichtige vernebeln, die Qualifikation für die WM im kommenden Jahr." Er selbst ist dann 36.

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