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Coming-out im Fußball:Ermutigen ist besser als warnen

Bayern München - TSG 1899 Hoffenheim

Regenbogenfarben im Stadion: Der Fußball wehrt sich gegen Homophobie, hier ein Bild aus der Münchner Arena Ende Januar.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Ex-Nationalspieler Philipp Lahm sieht geringe Chancen, dass ein Bundesligaprofi ein Coming-out "halbwegs unbeschadet" überstehen würde. Mehr als 800 Fußballer und Fußballerinnen setzen ein besseres Zeichen.

Kommentar von Sebastian Fischer

Es ist bald vier Jahre her, dass Philipp Lahm ein Fußballspieler war, und seitdem ist in seiner Karriere einiges passiert. Der Weltmeister und frühere Kapitän der Nationalmannschaft hat seine Laufbahn als Unternehmer forciert, er saß als TV-Experte für die ARD während der WM 2018 auf einem Sofa am Tegernsee, inzwischen sitzt er als Funktionär im DFB-Präsidium und ist Turnierdirektor der EM 2024 in Deutschland. Dass er sich weiter mit der Welt des Fußballs beschäftigt, hat er nun in einem Buch dokumentiert, in dem es von Kapitel 1, "Aufwärmen", bis Kapitel 26, "Nachschuss", um alle möglichen seiner Gedanken über die Welt des Fußballs geht. Der Tag, an dem er es vorstellte, war allerdings ein guter Tag, um zu hoffen, dass sich die Welt des Fußballs ein wenig verändert hat, seit er nicht mehr mitspielt.

In dem Buch, aus dem vorab die Bild zitierte, rät Lahm homosexuellen Profis davon ab, sich zu outen. Es möge zwar Städte und Vereine geben, wo das möglich wäre - etwa in Berlin, Freiburg oder beim FC St. Pauli. "Aber gegenwärtig schienen mir die Chancen gering, so einen Versuch in der Bundesliga mit Erfolg zu wagen und nur halbwegs unbeschadet davonzukommen." Nicht bei allen Gegnern und nicht in allen Stadien würde ein homosexueller Spieler auf die nötige Toleranz stoßen, schreibt Lahm. Er wolle auf die Gefahren eines Coming-outs hinweisen, erklärte er. Und man könnte das nun so stehen lassen, als ernüchternde Bestandsaufnahme eines ehemaligen Spielers über den Fußball in Deutschland, wo sich bis heute wohl aus Angst vor Anfeindung und Ausgrenzung kein Profi während seiner Karriere zu outen getraut hat. Wäre nicht am gleichen Tag das Magazin 11Freunde zum selben Thema mit einer Titelgeschichte erschienen, die ermutigt, anstatt zu warnen.

Niemand solle zu einem Coming-out gedrängt werden, heißt es in einer Erklärung von mehr als 800 Fußballern und Fußballerinnen. "Aber wir wollen, dass sich jeder, der sich dafür entscheidet, unserer vollen Unterstützung und Solidarität sicher sein kann." Unterzeichner der Kampagne unter dem Motto "Ihr könnt auf uns zählen!" ist etwa Max Kruse von Union Berlin, der sagt: "Wenn sich einer meiner Kollegen outen würde, würde ich ihn vor den Idioten draußen schützen." Jonas Hector, Kapitän des 1. FC Köln, verweist auf die Charta seines Vereins: "Herzlich willkommen in der schönsten Stadt Deutschlands - egal, woher du kommst, was du glaubst, was du hast oder bist, wie du lebst und wen du liebst."

Dass sich große Sportarten wie der Fußball in der Sache bislang so schwer tun, dass sich bislang in Deutschland nur der frühere Nationalspieler Thomas Hitzlsperger nach seinem Karriereende outete, darüber haben vor ein paar Tagen auch die Bundesliga-Volleyballer Benjamin Patch und Facundo Imhoff gesprochen, in einem gemeinsamen SZ-Interview nach ihren Coming-outs. Patch sagte, nicht die Spieler selbst könnten den Wandel herbeiführen, sondern das Umfeld dafür müsse geschaffen werden: "Die Klubs müssen sagen: Wir wollen queere Leute hier haben."

Jene Fußballklubs, die sich an der Kampagne beteiligen, haben dafür nun auf eindrückliche Art und Weise etwas getan. Sie werben für Solidarität, ohne Druck auszuüben oder gar Ängste zu beschwören. Hitzlsperger schrieb auf Twitter: "Wieder ein Schritt in die richtige Richtung." Und das kann man nun wirklich so stehen lassen.

© SZ/bkl
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