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Chronik zum Fall Manfred Amerell:Vier Wochen Schlammschlacht

Vorwürfe, Rücktritte, mysteriöse Visiten: Die Amerell-Affäre hält den Fußball in Atem. Kurz vor dem Gerichtstermin spricht DFB-Chef Zwanziger sogar vom Aufhören. Die Chronik.

18. Oktober 2008: Nach Informationen des Spiegels soll sich der Vorwurf der sexuellen Belästigung, der im Februar 2010 öffentlich gegen den Augsburger Schiedsrichter-Funktionär Manfred Amerell, 63, erhoben wird, auf einen angeblichen Vorfall vom 18. Oktober 2008 beziehen, der sich in einem Hotel im Anschluss an das Bundesligaspiel Werder Bremen gegen Borussia Dortmund (3:3) ereignet haben soll.

17. Dezember 2009: Der angeblich sexuell belästigte Schiedsrichter Michael Kempter informiert Volker Roth, den Vorsitzenden des DFB-Schiedsrichterausschusses, über den angeblichen Vorfall.

15. Januar 2010: DFB-Chef Theo Zwanziger erfährt erstmals von den Vorfällen. Zwei Wochen später kommt es zu einem Gespräch zwischen Zwanziger und Kempter.

1. Februar 2010: In der Frankfurter DFB-Zentrale treffen sich Zwanziger, Generalsekretär Wolfgang Niersbach und Personalchef Stefan Hans mit Manfred Amerell. Drei Tage später kommt auf der DFB-Präsidiumssitzung, auf der es auch um den neuen Vertrag für Bundestrainer Joachim Löw und Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff geht, das Thema Amerell zur Sprache. Amerell bittet den DFB in einem Schreiben, ihn von seinen Aufgaben zu entbinden.

9. Februar 2010: Über den Ticker versenden die Agenturen eine Nachricht, die zunächst ziemlich harmlos klingt. "Aus gesundheitlichen Gründen" wolle der frühere Bundesliga-Schiedsrichter Manfred Amerell sein Amt als DFB-Schiedsrichtersprecher niederlegen.

10. Februar 2010: Die Frankfurter Rundschau berichtet, dass die gesundheitlichen Gründe wohl nur vorgeschoben waren. Vielmehr sei es in der Präsidiumssitzung des DFB darum gegangen, "ob und wenn ja, wie intensiv sich Amerell einem jungen Bundesliga-Schiedsrichter genähert hat".

Amerell bestreitet die Vorwürfe ("Da lach' ich mich kaputt") und nimmt sich einen rechtlichen Beistand, den Münchner Rechtsanwalt Jürgen Langer. Amerells Frau nimmt ihren Mann öffentlich in Schutz. "Vorwürfe? Gegen meinen Mann? Das ist alles an den Haaren herbeigezogen", sagt sie der Online-Ausgabe der Abendzeitung.

Bild online nennt den Namen des angeblichen belästigten Schiedsrichters: Michael Kempter, 27, sowohl der jüngste Bundesliga-Schiedsrichter aller Zeiten als auch der jüngste deutsche Referee, der je auf der Fifa-Liste stand.

In der "Affäre Amerell" kommt es zur ersten personellen Konsequenz. DFB-Vizepräsident Rainer Koch gibt seine Zuständigkeiten fürs Schiedsrichterwesen ab, weil er erst bei der DFB-Präsidiumssitzung am 3. Februar über "Manfred Amerell betreffende Vorgänge" in Kenntnis gesetzt worden sei, der Vorsitzende des Schiedsrichterausschusses aber bereits am 17. Dezember informiert wurde und diese Information nicht weitergab.

11. Februar 2010: Welt Online berichtet, dass sich außer Kempter noch andere Schiedsrichter beim DFB gemeldet hätten.

12. Februar 2010: Manfred Amerell räumt ein, dass es zwischen ihm und Michael Kempeter eine "intensive private Freundschaft" gegeben habe, die er im Nachhinein als Fehler ansehe. Dabei aber habe er den jungen Mann "zu keinem Zeitpunkt gegen seinen Willen zu dieser freundschaftlichen Beziehung gezwungen". Amerell veröffentlicht den Inhalt einer SMS, die er angeblich am 13. Januar von Michael Kempter bekam. Darin heißt es: "Wieso machen wir alles kaputt? Tut mir echt weh! Komm doch ohne Dich auch nicht klar!" Amerell tritt von seinen Ämtern zurück.

16. Februar 2010: Der DFB erklärt, mehrere Schiedsrichter, später ist die Rede von "mindestens vier", hätten in den Anhörungen zu Protokoll gegeben, von Manfred Amerell bedrängt und/oder belästigt worden zu sein. Der DFB erklärt die Ermittlungen nach Amerells Rücktritt für abgeschlossen.

17. Februar 2010: In einem Interview mit dem DSF spricht Amerell von "Gedanken, sich an die Bahnsteigkante zu stellen". Er prangert den DFB an, der ihn nie mit konkreten Vorwürfen konfrontiert habe.

20. Februar 2010: Es wird bekannt, dass es vor dem Landgericht München I zu einer mündlichen Anhörung kommen soll - als Reaktion auf die DFB-Erklärung einige Tage zuvor. "Im Wesentlichen", sagte Amerells Anwalt Langer, "wird es um die Prüfung der Frage gehen, ob Herr Amerell, wie vom DFB behauptet, in der Vergangenheit mehrere Personen bedrängt und/oder belästigt hat, und ob es zu den behaupteten Übergriffen gekommen ist."

23. Februar 2010: In einem Interview mit der Bild-Zeitung schildert Michael Kempter in intimen Details, wo und wie es zu der sexuellen Belästigung gekommen sein soll. "Ich bin nicht schwul", betont er.

26. Februar 2010: Beim DFB meldet sich ein Schiedsrichter, der sagt, Michael Kempter habe ihn sexuell belästigt.

In der Nacht von Freitag auf Samstag kommt es in Amerells Hotel in Augsburg zu einem mysteriösen Treffen. Der frühere Bundesliga-Schiedsrichter Franz-Xaver Wack trifft sich mit Amerells Ehefrau Margit Amerell, um die Situation zu "deeskalieren". Bis dahin hatte Wack in der Affäre keine Rolle gespielt.

27. Februar 2010: Michael Kempter bestreitet die gegen ihn erhobenen Vorwürfe.

28. Februar 2010: In einer kleinen Presserunde und unter Beisein des als "Vertrauensmann" vorgestellten Franz-Xaver Wack geben drei Schiedsrichter eidesstaatliche Versicherungen ab, sie seien von Amerell sexuell belästigt worden.

1. März 2010: Auf einer Pressekonferenz in München spricht Amerells Anwalt von einem "System Zwanziger" und wittert eine Verschwörung gegen seinen Mandanten. Amerells Ehefrau berichtet von Wacks nächtlichem Besuch und erklärt, unter Druck gesetzt worden zu sein. Der erklärt daraufhin, ihm sei eine Falle gestellt worden, weil bei dem Gespräch plötzlich Anwalt Langer aufgetaucht sei. Amerell wirft Wack "Rufmord" vor.

4. März 2010: DFB-Präsident Zwanziger spricht in einem kicker-Interview von Rücktritt, für den Fall, dass die Affäre Amerell mit einer Niederlage für den DFB enden sollte. "Wenn wir diesen Prozess verlieren, muss ich selbstverständlich sofort von meinem Amt als DFB-Präsident zurücktreten". Davon gehe er allerdings nicht aus. "Dieser Fall träte ein, wenn die Aussagen aller jungen Schiedsrichter, die wir zu schützen haben, und ihre eidesstattlichen Erklärungen falsch wären", sagt Zwanziger. "Denn dann wäre Herr Amerell das Opfer."

Der Fall kommt vors Landgericht München I.

Im Video: Der Fall Amerell wird immer mehr zur Schlammschlecht. Amerell kämpft um seinen Ruf, denn Vorwürfe der sexuellen Belästigung und des Amtsmissbrauchs stehen im Raum.

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