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Amerell vs. DFB vor Gericht:Aktenzeichen "25 O 3245/10" ungelöst

Zwar haben sich der DFB und Amerell außergerichtlich geeinigt. Die juristischen Auseinandersetzungen sind aber noch lange nicht vorbei.

Der Sitzungssaal 270 ist der größte Raum des Landgerichtes München I, doch für den Publikumsandrang an diesem Tag ist selbst er zu klein. 140 Plätze gibt es dort, dennoch müssen etliche Interessierte stehen, als um kurz vor 15 Uhr Richter Peter Lemmers und die Parteien den Saal betreten. Erstmals geht es vor Gericht um die Affäre, die seit Wochen Fußball-Deutschland in Atem hält: die Belästigungsvorwürfe gegen den früheren Schiedsrichtersprecher Manfred Amerell und die daraus resultierende öffentliche Schlammschlacht.

Formal sollte das Gericht unter dem Aktenzeichen "25 O 3245/10" entscheiden, ob der DFB, wie in einer Presseerklärung Mitte Februar geschehen, behaupten darf, dass Amerell in der Vergangenheit mehrere Personen bedrängt und/oder belästigt hat. Amerell wollte eine einstweilige Verfügung gegen den DFB erwirken - und weil der gerichtlich geschlossene Vergleich, den Richter Lemmers in wenigen Minuten verliest, beinhaltet, dass Amerell seine Klage zurückzieht und der DFB diese umstrittene Textpassage weiter behaupten darf, kann sich der weltweit mitgliederstärkste Sportbund zunächst als Sieger fühlen.

Amerell bekommt Akteneinsicht

Doch dieser Eindruck täuscht. Denn Bestandteil des Vergleichs ist es auch, dass die DFB-Seite den Klägern die eidesstattlichen Versicherungen der jungen Schiedsrichter übergeben muss, die Manfred Amerell der sexuellen Belästigung bezichtigen - und der DFB hatte bisher stets betont, alles zu tun, damit deren Namen auf jeden Fall anonym bleiben würden.

Bisher war sowohl der Öffentlichkeit als auch der Kläger-Seite nur bekannt gewesen, dass Michael Kempter die Anschuldigungen gegen Amerell vorbringt. Nun erfahren zumindest Amerell und sein Anwalt, wer den 63-jährigen Ex-Funktionär noch beschuldigt - bisher hatte ihnen der DFB die Akteneinsicht verweigert. Über den Umweg der einstweiligen Verfügung an die Namen zu kommen, das war die Strategie der Amerell-Seite gewesen.

Zudem ist es ihr gestattet, die Namen "gegenüber Gerichten und Behörden" zu nennen. Die Öffentlichkeit soll sie hingegen nicht erfahren. Es ist Bestandteil des Vergleichs, dass nach außen hin über die Namen Stillschweigen herrschen soll.

Der Weg zu diesem Vergleich war ziemlich zäh. Für 13 Uhr war der Gerichtstermin angesetzt gewesen, vor die öffentliche Verhandlung hatte der Richter ein Gespräch zwischen den Parteien terminiert, das um 11:30 Uhr begann - und sich in die Länge zog. Die entscheidende Schlacht fand also nicht im großen Sitzungssaal 270 statt, sondern in einem kleinen Raum ein paar Türen weiter. Dort wollte der DFB die Anonymität seiner Zeugen verteidigen, dort wollte Amerells Anwalt Langer die Namen.

Kritik an PR des DFB

Für den DFB nimmt der Fall damit zum wiederholten Mal eine, vorsichtig ausgedrückt, ungünstige Wendung. Zunächst hatte er sich in Gestalt seines Vorsitzenden Theo Zwanziger nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe weit aus dem Fenster gelehnt und öffentlich eindeutig Stellung pro Kempter und die jungen Schiedsrichter und gegen Amerell bezogen. Dann wurde die Kritik am Kommunikationsmanagement immer lauter.

Zuletzt gab es Aufregung um den früheren Schiedsrichter Franz-Xaver Wack, der bis zum vergangenen Wochenende nichts mit der Affäre zu tun hatte, aber plötzlich als Vertrauensmann der jungen Schiedsrichter eingeführt wurde - und Amerells Ehefrau Margit einen mysteriösen Besuch abstattete.

Als kurz vor dem Gerichtstermin bekannt wurde, dass der Seite Amerell womöglich mehr intime E-Mails vorliegen, die auf einen intensiven freundschaftlichen Kontakt zwischen Amerell und Kempter hindeuten, erklärte Zwanziger in einem Interview mit dem Kicker: "Wenn wir diesen Prozess verlieren, muss ich selbstverständlich sofort von meinem Amt als DFB-Präsident zurücktreten. Dieser Fall träte ein, wenn die Aussagen aller jungen Schiedsrichter, die wir zu schützen haben, und ihre eidesstattlichen Erklärungen falsch wären. Dann wäre ja Herr Amerell das Opfer."

Nach der außergerichtlichen Einigung sagte Zwanziger: "Wir haben den Fall transparent, aber mit der nötigen Vertraulichkeit gelöst. Das Ganze schadet uns nur, wenn wir Dinge unter den Teppich kehren würden. Das ist nicht der Fall. Es gibt klare Ergebnisse, die Transparenz ist da. Der DFB ist kein Verband, in dem versteckt und gemauschelt wird."

"Sie werden vom Staatsanwalt hören"

Die juristischen Auseinandersetzungen in dem Schiedsrichter-Skandal jedenfalls sind wohl noch nicht vorüber. Nun besitzt die Amerell-Seite ja die Namen derjenigen, die die eidesstattlichen Verischerungen abgegeben haben - sowie die richterliche Erlaubnis, diese Namen auch "gegenüber Gerichten und Behörden" zu nennen.

Das Nachspiel könnte schon bald folgen: Am Donnerstagabend kündigte Amerell in der TV-Sendung Kerner juristische Schritte gegen Michael Kempter, aber auch die anderen drei, bisher noch anonymen Schiedsrichter an. "Wir haben die Namen und die Namen werden dieser Tage zum Staatsananwalt gehen", sagte Amerell in der Talk-Sendung, die vorab aufgezeichnet wurde und am Abend ausgestrahlt wird. "Alle vier werden demnächst vom Staatsanwalt hören."

Aktenzeichen "25 O 3245/10" dürfte nicht der Endpunkt der Schiedsrichter-Schlammschlacht sein.

© sueddeutsche.de/dpa/jbe/aho
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