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Chiles Nationaltrainer Jorge Sampaoli:Mit Feldstecher aus 400 Metern Entfernung

Mit Akribie verfolgte Sampaoli jede Regung des Gurus. Er zeichnete Bielsa-Pressekonferenzen auf und legte den Mitschnitt in den Walkman ein, als Beschallung beim Joggen. Später, als Bielsa längst argentinischer Nationaltrainer war, reiste Sampaoli mitunter 350 Kilometer im Auto nach Buenos Aires, um die Trainingseinheiten des Meisters zu verfolgen: mit dem Feldstecher aus 400 Metern Entfernung. Sampaoli selbst trainierte da Amateurmannschaften der Provinz - unter anderem Almuni, den Klub seiner Heimatstadt. Er erzielte auch den einen oder anderen Erfolg, auf ihn aufmerksam wurde ein Funktionär von Newell's aber, weil er in der Zeitung über ein Foto gestolpert war. Sampaoli war des Feldes verwiesen worden, hatte das Spiel aber trotzdem weitergecoacht: hinterm Stadionzaun, das Spiel mit Sonnenbrille aus dem Geäst eines Baumes verfolgend. Newell's bot ihm an, die Reserve zu übernehmen. Sampaoli schlug ein.

In jener Zeit unternahm er auch eine unglaubliche Studienreise nach Spanien, Italien und die Niederlande, um sich auf Trainingsplätzen von Profimannschaften fortzubilden. Doch sein Geld hatte er zu knapp bemessen. "Das Schwierigste war, dass wir manchmal nichts zu essen und keinen Ort zum Schlafen hatten", sagte Sampaoli einmal. Manche Nacht brachte er auf öffentlichen Plätzen zu - inmitten der Clochards.

Der Lohn für derlei Aufopferung kam 2006, in Form eines Angebots, sich im bescheidenen peruanischen Profifußball zu verdingen. Bei Juan Aurich, einem Erstligisten, der 2500 Dollar für das gesamte Trainerteam bezahlte und eine kuriose Bleibe offerierte: die örtliche Feuerwache. In Peru machte er sich aber einen hinreichend guten Namen, um bei Sport Boys, Coronel Bolognesi und schließlich Sporting Cristal, einem der populärsten Klubs des Landes, jeweils besser dotierte Verträge zu unterzeichnen. 2007 wurde Sampaoli allerdings Opfer einer Intrige der Sporting-Cristal-Belegschaft. Den Spielern waren die physischen Übungen zu exzessiv. Und vor allem die taktischen Exerzitien.

Das machte immerhin den Weg frei nach Chile, wo Bielsa Nationaltrainer war. Sampaoli ging zu O'Higgins, dem Klub aus der 100 Kilometer südlich von Santiago gelegenen Provinzstadt Rancagua, sowie über den Umweg Emelec (Ecuador) zu Universidad de Chile. Dort wurde er erst als "Bielsa für Arme" verspottet, als ein Verrückter hoch Zwei. Doch den Kultklub führte er zum ersten internationalen Titel überhaupt, als er 2011 die Copa Sudamericana holte. Seinen atemraubendsten Sieg feierte er ausgerechnet in Brasilien: Universidad de Chile siegte bei Flamengo Rio de Janeiro 4:0 - im Maracanã-Stadion. Der Ort, an dem er nun Spanien aus dem Turnier beförderte.

Sampaolis Sieg kam der Zertifizierung des Endes einer Ära gleich. Bei der Ausstellung von Lebenszeugnissen hat Sampaoli Vorbildung. Als Friedensrichter von Casilda war er nicht nur zuständig für Trauungen. Sondern auch für Geburts- und Sterbeurkunden.

© SZ vom 18.06.2014
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