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Chicago-Bulls-Serie "The Last Dance":An Jordan prallte alles ab

Hehir erstellt ein Netzwerk aus Beziehungen, jede einzelne spannend genug für eine eigene Folge. Warum der aus armen Verhältnissen stammende Pippen zu Beginn seiner Karriere einen langfristigen Vertrag will und sich nach seinem Aufstieg zum Superstar stets erniedrigt fühlt. Wie er deshalb seinen designierten Nachfolger Toni Kukoc bei Olympia 1992 demütigen will, und wie Kukoc nach dem Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien bei den Bulls dann doch zum Partner von Pippen wird. Wie der einstige Hippie Jackson zunächst als Assistent das Offensivsystem Triangle verfeinert und als Cheftrainer seine Leute mit Praktiken aus dem Zen-Buddhismus führt. Wie aus dem Drei-Punkte-Schützen Steve Kerr sehr viel später und bis heute der genial anmutende Trainer der Golden State Warriors wird.

Und, und, und. Der Knoten in der Mitte des Netzes ist Jordan. Er ist der strahlende Held einer Sportart, die durch die Teilnahme des Dream Teams bei Olympia 1992 in Barcelona weltweit an Bedeutung gewinnt. Seine Künste als Basketballspieler (Rivale Larry Bird sagt einmal: "Das ist Gott, verkleidet als Michael Jordan") sind der Katalysator für eine Popularität, die in dieser Wucht nicht einmal Muhammad Ali genossen hat. Er ist der erste Sportler mit eigenem Schuhwerk (Air Jordan), was zur Sneaker-Subkultur führt. Er ist Filmstar ("Space Jam"), spielt im Musikvideo zum Lied "Jam" von Michael Jackson mit und ist omnipräsent in Werbefilmen für die großen Firmen. Die Reklame für einen Getränkehersteller zeigt, wie damals alle sein wollen: "Be like Mike" - sei wie Mike.

Es gab weltweit nicht viele, bei denen der Vorname genügte, um sie zu identifizieren: Denzel, Serena, Barack - bei Jordan ist das umso beeindruckender, weil der Vorname nun wirklich nicht außergewöhnlich ist. Seine Popularität allerdings hatte zur Folge, dass er oft daherkam wie mit Teflon überzogen: Alles prallte an ihm ab, niemand konnte ihn greifen. All dies gipfelte darin, dass er gesagt haben soll, dass er sich nicht in politische oder gesellschaftliche Dinge einmischen wolle, weil "Republikaner auch Sneakers kaufen" würden.

Ob Jordan das wirklich gesagt hat, wird ebenfalls verraten in dieser grandiosen Dokuserie, die wegen der Coronavirus-Pandemie ein paar Wochen früher als geplant gezeigt wird. Die Auflösung gibt es in Folge vier und soll daher nicht verraten werden.

Jordan ist der überragende Einzelkönner, der Titel in Nordamerikas Profiliga NBA aber bleibt ihm zunächst verwehrt. Die Bulls scheitern regelmäßig an den Detroit Pistons, Jordan wird dabei nicht gefoult, sondern kaltgestellt, eine nicht unerhebliche Rolle spielt dabei: Dennis Rodman. Der wird wegen seiner Spielweise - als Folge eines absichtlichen Fouls an Pippen trägt er eine Narbe am Kinn - zur meistgehassten Figur in Chicago. Zum Erwachsenwerden von Jordan gehört jedoch, und darum geht es letztlich in dieser Serie, dass er nicht nur die Pistons besiegt und Anfang der Neunzigerjahre drei Mal Meister wird, sondern dass er 1996 Rodmans Umzug zu den Bulls zustimmt.

"Jeder durfte sein, wie er ist"

Jordan mag ein Tyrann gewesen sein, der Mitspieler beschimpfte und beleidigte. Er tat das aber nicht, und das unterscheidet ihn von anderen, um den eigenen Status zu untermauern. Er wusste, dass er nur erfolgreich sein wird, wenn auch die Kollegen Höchstleistungen liefern. Er war knallhart sich selbst gegenüber, er ordnete alles dem Erfolg unter, auch persönliche Statistiken - und er nahm diesen tätowierten und gepiercten Freak mit den gefärbten Haaren nicht nur auf, sondern gab ihm, was der brauchte: Respekt.

Ein funktionierendes Team besteht nicht aus Freunden, sondern aus Leuten, die einander respektieren, und deshalb erzählt Jordan noch eine Anekdote: Nach einer Niederlage, die Rodman mit einem flüchtigen Wurf ins Aus verschuldet hatte, kam der später zu Jordan ins Hotelzimmer. "Er hat sich nicht entschuldigt", sagt Jordan: "Er wollte eine Zigarre mit mir rauchen. Das haben wir getan, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Das war's, von diesem Moment an war er scharf wie ein Messer." Als Rodman diese Szene in der Doku zu sehen bekommt, hat er Tränen in den Augen.

"Es gibt nun mal Leute, die brauchen eine längere Leine", sagte Steve Kerr vor wenigen Tagen am Telefon. Und ein bisschen war es bei diesem Termin wohl wie vor mehr als 20 Jahren: Pippen, so die PR-Frau von ESPN, lasse sich entschuldigen, er habe einen anderen Termin. Rodman sei ein wenig verspätet, komme aber noch - nur Kerr sei pünktlich und würde nun die Fragen der Handvoll Journalisten beantworten. Rodman wird auch eine Stunde später nicht da sein, also redet Kerr darüber, wie er diesen Zirkus damals als Einwechselspieler erlebt hat.

"Es war eine Gruppe aus Leuten, wie es sie davor oder danach nicht mehr gegeben hat", sagt er: "Jeder durfte sein, wie er ist. Jeder hat den anderen sein lassen, wie er gewesen ist - und Trainer Phil Jackson hat über all die Jahre dafür gesorgt, dass jeder Individualist bleiben durfte und gleichzeitig gewusst hat, dass Erfolg nur als Gruppe möglich sein würde."

Als er das sagt, wird dem Zuhörer klar, warum die Golden State Warriors in den vergangenen Jahren so erfolgreich waren. Und wie es Steve Kerr, 54, glückte, Einzelkönner wie Stephen Curry, Klay Thompson, Draymond Green und später Kevin Durant zu einer Einheit zu formen. Den Warriors gelang es 2016 sogar, den Bulls-Rekord der Spielzeit 1996/97 für die beste Bilanz der Hauptrunde (73:9 Siege) zu brechen. Insgesamt hat die Kerr-Truppe jetzt in fünf Finalspielen in Serie drei Titel gewonnen. Aber was soll so einen Trainer, der unter dem Stoiker Phil Jackson gelernt hat, schon nervös machen? Einer, der selbst einer der sichersten Distanzschützen der Historie ist, der sich unter einem Tyrannen behauptet und Dennis Rodman respektvoll ertragen hat. Und der sich schon als Spieler vom Wahnsinn der Bulls nicht aus der Ruhe bringen ließ.

© SZ vom 18.04.2020
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