Champions League Zwei Bayern-Tore sind zu wenig

FC Bayern: Erschöpfung und Erschütterung in Madrid

(Foto: AP)
  • Der FC Bayern zeigt im Halbfinal-Rückspiel gegen Real Madrid einen großen Kampf - hat am Ende aber doch einen Treffer zu wenig.
  • Wieder vergeben die Münchner etliche Torchancen, noch dazu unterläuft Torwart Sven Ulreich ein schwerer Patzer.
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Von Claudio Catuogno, Madrid

Fünf Minuten Nachspielzeit. Jupp Heynckes stand mit heißem Herzen am Spielfeldrand im Estadio Santiago Bernabéu, das Pfeifkonzert der Real-Fans war nun ohrenbetäubend, abpfeifen, hieß das, abpfeifen! Eine Stimmung, wie es sie nur am Ende der großen Spiele gibt, jener Spiele, die bis zur letzten Sekunde auf der Kippe stehen. Und schon das war ja ein Erfolg für den scheidenden Bayern-Trainer: dass seine Elf dieses Halbfinal-Rückspiel in Madrid derart offen gestaltet hatte nach der 1:2-Niederlage vor einer Woche.

Ein letzter weiter Pass in den Strafraum. Ein einziges Tor nur brauchten die Bayern, dann würden sie doch noch in dieses ersehnte Champions-League-Finale in Kiew einziehen. Thomas Müller fliegt am Ball vorbei. Und dann ist es aus: Es bleibt beim 2:2 (1:1). Die Champions-League-Reise des Trainers Heynckes, 72, sie ist vorbei, 20 Jahre, nachdem er den Henkelpokal 1998 erstmals gewonnen hatte, mit Real.

Es war aber auch ein ziemlich kompliziertes Unterfangen gewesen: nach dem verpatzten Hinspiel noch Real Madrid in die Knie zu zwingen, den Titelverteidiger.

Kimmich trifft sehr früh in Madrid

Die Elf, die dieses Unterfangen bewerkstelligen sollte, stellte sich mehr oder weniger selber auf: Jérôme Boateng ("strukturelle Muskelverletzung" im Oberschenkel) war im Hinspiel ebenso zusammengeklappt wie Arjen Robben (Adduktorenverletzung), Kingsley Coman (Syndesmoseriss) und Arturo Vidal (Knie-OP) sind schon länger vom Dienst befreit. Auf einer Position allerdings tat Heynckes etwas Unerwartetes: Javi Martínez, den er eigentlich für die Idealbesetzung auf im defensiven Mittelfeld hält, musste Corentin Tolisso Platz machen, dem 23-jährigen Franzosen, der bisher nicht oft die Gelegenheit hatte, seine 41 Millionen Euro Kaufpreis zu amortisieren. Heynckes schien kein Risiko eingehen zu wollen, nachdem Martínez nach einem Zusammenprall im Hinspiel der Schädel gebrummt hatte. Die Bayern-Offiziellen beteuerten jedoch, das Gegenteil sei der Fall: Heynckes wolle etwas riskieren, er ziehe die spielerisch ambitioniertere Lösung Tolisso aus taktischen Gründen vor.

Und wenn Tore die Währung sind, in der solche Entscheidungen gemessen werden, dann klingelte umgehend die Kasse: Es waren noch keine drei Minuten gespielt, Müller hatte von rechts geflankt, als sich Tolisso am Fünfmeterraum ins Getümmel stürzte - der Ball prallte zu Joshua Kimmich, der macht ihn rein. Allerdings hat Real seit 2011 in der Champions League in jedem Heimspiel mindestens einmal getroffen. Besser also sollten weitere Tore her - und dazu defensiv gut stehen. Doch das ging schon in der 11. Minute schief.

Mateo Kovacic hatte einen 40-Meter-Pass auf die linke Seite geschlagen, Marcelo hatte Kimmich ausgetanzt - und weil Alaba zu weit weg stand von Karim Benzema, landete dessen Kopfball im Tor, 1:1.

Eine Gewissheit hatten die Münchner allerdings mitgenommen aus dem Hinspiel: dass Real verwundbar ist. Und Chancen hatten sie auch diesmal: Auf der linken Seite machte sich die Rückkehr von David Alaba wohltuend bemerkbar, das Kombinationsspiel mit Franck Ribéry ging flüssig vom Fuß. Von rechts schickte Kimmich seine Vertikalpässe vors Real-Tor. Nur rein wollte der Ball halt wieder mal nicht.

"Bayern war sehr stark, sie haben wirklich alles reingelegt. Es war schon sehr gleichwertig", sagte Reals Kapitän Sergio Ramos.

Champions League "Wir müssen uns die Frage stellen: Was machen wir in diesen Spielen falsch?"
Stimmen

"Wir müssen uns die Frage stellen: Was machen wir in diesen Spielen falsch?"

Thomas Müller äußert sich kritisch nach dem Aus des FC Bayern gegen Real Madrid. Zinédine Zidane lobt die Münchner. Die Stimmen zum Halbfinale der Champions League.

Ansonsten fiel auf, dass nicht nur die Bayern den Sieg erzwingen wollten; bei Real saß der auch nicht immer filigrane Abräumer Casemiro nur auf der Bank - und so wogte die Partie hin und her. Beide Teams schienen eher darauf aus zu sein, den Gegner zu Fehlern zu zwingen als eigene Fehler zu vermeiden. Aufregend war das, aber auch riskant. In der 28. Minute etwa stand Kimmich allein gegen drei Gegner, Ronaldo legte rechts raus zu Marcelo, doch der Ball landete ebenso im Gestrüpp der eilig sortierten Abwehrbeine wie davor und danach mehrmals auf der anderen Seite des Spielfeldes.