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Jude Bellingham beim BVB:Er nervt den Gegner, wo es weh tut

Champions League - Quarter Final - First Leg - Manchester City v Borussia Dortmund

Jude Bellingham ist noch sehr jung, aber beim BVB sind sie die Jugend gewohnt.

(Foto: PHIL NOBLE/REUTERS)

Dortmunds Jude Bellingham spielt mit 17 Jahren so routiniert wie ein Mittelfeldspieler mit 200 Partien in den Beinen. Ins Viertelfinal-Rückspiel gegen Manchester City geht er mit Wut im Bauch.

Von Freddie Röckenhaus, Dortmund

Als Jude Bellingham vor einiger Zeit beim Torschusstraining von Borussia Dortmund gefilmt wurde und er einen Ball volley gegen den Pfosten, aber eben nicht ins Tor knallte, entfuhr dem jungen Engländer das deutscheste aller Schimpfwörter. Das, das mit "Sch" wie Schimpf und Schande beginnt. Irgendwie landete der Clip schnell auf Twitter. Und Bellingham antwortete schnell auf Deutsch: "Es tut mir leid." Natürlich umrahmt von lauter lachenden Emojis. Wie man hört, soll Bellingham tatsächlich ein so außergewöhnlich wohlerzogener Profi sein, dass die Entschuldigung zu seinen ersten Sätzen auf Deutsch gehörte. Und natürlich das universell nützliche Wort, das mit "Sch" beginnt.

An den Manieren muss Mutter Denise nicht mehr groß arbeiten. Das Wohlverhalten von "Hey Jude", wie ihn viele in Anlehnung an einen Beatles-Klassiker rufen, sitzt offenbar schon lange und ist fast eine Art Markenzeichen für ihn. Die Mutter ist mit ihrem älteren Sohn in Dortmund geblieben und betreut, betüddelt und bekocht ihn, während Vater Mark, Polizeibeamter in Birmingham, auf das gute Benehmen des zwei Jahre jüngeren Sohns Jobe achtet, der weiterhin in der Jugendmannschaft von Birmingham City spielt. Wie man hört, ist das der einzige Wermutstropfen im Bellingham'schen Freudenbecher: Dass Jude seinen Bruder und seinen Dad wegen Corona derzeit nicht sehen kann.

Bellingham dirigiert das Spiel mit einer Selbstverständlichkeit, die seine Jugend vergessen macht

Ansonsten ist im Leben von Jude Bellingham zurzeit aber so gut wie gar nichts "scheiße". Vergangenen Samstag hat der 17-Jährige sein erstes Bundesliga-Tor geschossen, beim Dortmunder 3:2-Sieg in Stuttgart. 17 Jahre, erstes Tor, okay - das gibt's. Aber Bellingham bringt es schon auf 38 Pflichtspiel-Einsätze in seiner ersten Saison in Dortmund. "Er wird einfach immer besser", hat Michael Zorc kürzlich über ihn gesagt, und man merkte Dortmunds Sportdirektor an, dass es ein langanhaltendes Staunen über den jungen Mann gibt. Offenbar muss ihm kein Trainer sagen, dass er das Spiel aus dem Mittelfeld lenken soll. Er macht das einfach. Weil es sich scheinbar so ergibt. Mit einer Selbstverständlichkeit, die sein Alter, oder besser: seine Jugend vergessen macht.

An diesem Mittwochabend ist für Jude Bellingham wieder ein besonderes Vorspiel angesetzt, im Champions-League-Viertelfinale gegen Manchester City, in dessen Reihen es von Landsleuten zwar nicht gerade wimmelt - aber immerhin ist das der souveräne Tabellenführer in seinem Heimatland England. Aus dem Hinspiel in der vergangenen hat Dortmunds Jüngster noch jede Menge Wut im Bauch. Erstens wegen des späten Gegentors durch den auch erst 20-jährigen Phil Foden, das doch noch den 2:1-Erfolg für City herstellte. Aber noch viel mehr, weil der bisweilen seltsam pfeifende Schiedsrichter Ovidiu Hategan ein korrekt erzieltes Tor von Bellingham nicht anerkannte, als der in der 39. Minute City-Schlussmann Ederson den Ball weggespitzelt hatte. Diese Rechnung, so hört man in Dortmund, sei noch offen.

Dortmund würde wegen der Europapokal-Arithmetik ein 1:0 gegen Manchester reichen, um ins Halbfinale einzuziehen. Und Bellingham spielt in dieser Rechnung irgendwie eine überragende Rolle. Mit siebzehn. Das liegt daran, dass der schlaksige junge Mann Manchester ziemlich genau in jener Spielfeldzone auf die Nerven geht, wo es die Mannschaft von Pep Guardiola am wenigsten mag.

"Jude ist extrem gut in Balleroberungen, aber er schaltet sich inzwischen auch immer besser in die Angriffe ein", attestiert ihm Zorc. Lizenzspieler-Chef Sebastian Kehl pflichtet bei: "Er bringt eine für sein Alter erstaunliche Stabilität mit und hat eine unglaubliche Einstellung."

Die Kehrseite des frühen Ruhms: Im Netz wird Bellingham regelmäßig rassistisch beleidigt

Dortmund war nicht der einzige Klub, der das im vergangenen Frühsommer kommen sah. Eigentlich wollten alle Bellingham. 23 Millionen Euro hat der BVB für den damals noch 16-Jährigen bezahlt, der zur Vertragsunterzeichnung in voller Familienstärke auflief, mit Gruppenfotos vor der Galerie der Dortmunder Meistermannschaften. Mit so etwas punktet man in Dortmund. Und auch, dass er nach seinem letzten Spiel für seinen Stammverein, beim Zweitligisten Birmingham City, vor Rührung weinte, machte im sentimentalen Ruhrpott schwer Eindruck.

Als Bellingham im Hinspiel auftrumpfte wie ein Mittelfeld-Kommandeur mit 200 Spielen in den Beinen, da begann in Englands Medien wieder dieses Wehklagen, das man schon über Dortmunds anderen Engländer Jadon Sancho kennt. Englands Zeitungs-Schlachtschiff Daily Mirror etwa monierte, es sei "geradezu lächerlich, wie gut Bellingham ist", und wie unglaublich, dass die Premier League keinen Platz für ihn gehabt habe. "Er spielt lieber Woche für Woche in Dortmund, als sich irgendwo auf die Bank zu setzen." Vor kurzem beförderte auch Englands Nationaltrainer Gareth Southgate den 17-Jährigen gleich von der U21 in Englands A-Nationalmannschaft, zum Spiel gegen San Marino. Man kann damit rechnen, dass demnächst das gewöhnlich irrsinnige englische Transfer-Getöse um Bellingham losbricht. In Dortmund hat er einen Vertrag bis 2023. Allerdings hat BVB-Chef Hans-Joachim Watzke betont, er gehe davon aus, dass Bellingham und auch der 18-jährige Gio Reyna "auf längere Zeit bei uns bleiben".

Wer so früh so gut ist, zahlt heutzutage allerdings immer auch einen Preis für seine Bekanntheit. Regelmäßig wird Bellingham in den sozialen Medien rassistisch beleidigt. Vielleicht macht ihn gerade sein fast vorbildhaftes Benehmen zur Zielscheibe. Und obendrein: Bellinghams Vater Mark ist weiß, seine Mutter schwarz. Solche Love-Stories können rassistische Idioten wohl immer noch am schwersten ertragen.

© SZ/sjo/nee/ska
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