Nachruf auf Carmen Valero:Die Erste

Nachruf auf Carmen Valero: Sie war "die wichtigste spanische Sportlerin der Geschichte", schreibt die Zeitung El Pais über Carmen Valero.

Sie war "die wichtigste spanische Sportlerin der Geschichte", schreibt die Zeitung El Pais über Carmen Valero.

(Foto: RFEA)

Carmen Valero war 1976 die erste Leichtathletin, die für Spanien bei Olympischen Spielen startete. Sie ebnete den Weg für den Frauensport - auf der Iberischen Halbinsel und darüber hinaus.

Von Ralf Itzel

Carmen Valero lief Rennen in einem Spanien, in dem die Männer noch glaubten, Frauen seien nur dazu da, Kinder zu gebären und das Essen zu machen. Als das Land Mitte der 1970er-Jahre nach dem Tod des Diktators Franco die Demokratie erlernte, die Männer zugleich noch die alte Erziehung in den Köpfen hatten, gelangen ihr, Vorurteilen und Anfeindungen zum Trotz, ihre größten Erfolge. 1976 in Montreal war sie die erste Frau, die für Spanien bei Olympischen Spielen in der Leichtathletik startete.

Valero ist vor wenigen Tagen in Sabadell in Katalonien mit 68 Jahren an den Folgen einer Gehirnblutung gestorben. Viele Spanierinnen und Spanier kannten die Mittel- und Langstreckenläuferin gar nicht, aber die Medien waren voll mit Nachrufen. Die Zeitung El País nannte sie "die wichtigste spanische Sportlerin der Geschichte".

"Ich war eine Pionierin, ohne mir dessen bewusst zu sein", sagte Valero einmal

Es ist auch ihr Verdienst, dass die Fußballerinnen Spaniens heute Weltmeisterinnen sind und dass ein Funktionär wie Javier Rubiales nach einem erzwungenen Kuss den Job als Präsident des Fußballverbandes räumen musste und bestraft wird. Valero ebnete den Weg für den Frauensport auf der Iberischen Halbinsel.

"Ich war eine Pionierin, habe Tore aufgestoßen, aber ich habe es gemacht, ohne mir dessen bewusst zu sein", sagte die Mutter einer Tochter einmal in einem Interview. Sie wollte einfach ihrer Leidenschaft nachgehen, dem Laufen.

1955 kam sie in der kleinen Gemeinde Castelserás in der Bergwelt Aragonien zur Welt. Bei den Ausflügen in die Pyrenäen befestigte der Vater ein Glöckchen an ihrem Knöchel, um sie nicht zu verlieren. Die Familie zog dann in die Nachbarregion Katalonien. Ein Glück, denn im Verein Juventut Atlètica de Sabadell gab es schon ein paar Mädchen und einen Trainer, der sie förderte.

Damals war Sport, vor allem die körperlich fordernde Leichtathletik, den meisten Herren zufolge unnatürlich für die Frauen, angeblich unvereinbar mit Mutterschaft und häuslichen Pflichten. Die, die trotzdem sportelten, wurden als "Marimachos", als Mannweiber, verunglimpft.

Carmen musste in Pumphosen rennen. Die engen, kurzen Hosen, die in einigen Ländern schon benutzt wurden, wären eine Provokation der Machos gewesen. Ständig wollten diese ihr die Flügel stutzen. "Man verbot mir, zehn Kilometer zu laufen, angeblich zu viel für Frauen, obwohl ich im Training 25 Kilometer lief."

In Montreal musste sie über 800 und 1500 Meter ran. Längere Distanzen, die ihr mehr lagen, waren für Frauen noch nicht vorgesehen. Im Geländelauf fand sie später ihr Terrain.

Valero erzählte einmal, dass sie und die anderen Athletinnen vor der Crosslauf-Weltmeisterschaft 1976 in Wales - anders als die Männer - zur technischen Besprechung des spanischen Verbandes nicht eingeladen wurden: "Sie sagten uns, dass wir eh nichts reißen würden, weil wir zu dicke Hintern und Busen hätten." Gerade mal 20 Jahre alt, gewann sie die WM vor den starken Sowjetrussinnen. Und im Jahr darauf in Düsseldorf erneut, Erste vor Ljudmila Bragina, 1972 in München Olympiasiegerin über 1500 Meter.

Nachruf auf Carmen Valero: "Man verbot mir, zehn Kilometer zu laufen, angeblich zu viel für Frauen, obwohl ich im Training 25 Kilometer lief", sagte Carmen Valero einmal.

"Man verbot mir, zehn Kilometer zu laufen, angeblich zu viel für Frauen, obwohl ich im Training 25 Kilometer lief", sagte Carmen Valero einmal.

(Foto: RFEA)

"Carmen Valero war eine meiner Heldinnen", sagte vor einigen Jahren die in Deutschland geborene US-Amerikanerin Kathrine Switzer, die erste Frau, die 1976 offiziell den Boston-Marathon lief. Bei der Anmeldung hatte sie ihren Vornamen abgekürzt, um ihr Geschlecht zu verbergen, und obwohl der Renndirektor versuchte, ihr nach wenigen Meilen die Startnummer abzureißen, brachte sie den Wettbewerb zu Ende. Sie werde Valero immer dankbar sein, sagte Switzer, "für ihren großen Beitrag für die Geschichte und den Kampf der Frauen weltweit, nicht nur in Spanien".

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