Carlo Ancelotti in München Liebe war das wohl nie

  • Der FC Bayern trennt sich nach dem 0:3 in Paris von Trainer Carlo Ancelotti.
  • Der bisherige Assistenztrainer Willy Sagnol übernimmt die Elf - vorerst für das Spiel am Sonntag bei Hertha BSC.
  • "Carlo ist mein Freund und wird es bleiben ", wird Karl-Heinz Rummenigge in einer Klub-Mitteilung zitiert, "aber wir mussten eine Entscheidung im Sinne des FC Bayern treffen."
Von Claudio Catuogno, Paris

Carlo Ancelotti und Paris, das war mal eine Liebesgeschichte. Aber wenn man die fahlen Gesichter sah, mit denen die Bayern-Delegation am Donnerstagmittag dem Sonderflug aus der französischen Hauptstadt entstieg, ehe alle kommentarlos davoneilten (nur Ancelotti gönnte sich noch eine Zigarette) - dann klingt das wie eine Romanze aus einer anderen Zeit.

Am Donnerstagnachmittag hat der FC Bayern seinen Trainer Carlo Ancelotti, 58, entlassen, "als Folge einer internen Analyse nach der 0:3-Niederlage im Champions-League-Gruppenspiel bei Paris Saint-Germain", wie der Klub mitteilte. Auch sein italienisches Betreuerteam wurde freigestellt. Das Training übernimmt bis auf Weiteres Willy Sagnol, 40, den der Klub seinem Cheftrainer schon im Sommer zur Seite gestellt hatte; die einen sagen als Co-Trainer, die anderen sagen als Aufpasser. Eine Spielzeit, in der die Bayern mit Ancelotti Meister wurden, dazu noch sechs Spieltage in der aktuellen Ligasaison sowie zwei Gruppenpartien in der Königsklasse, darunter dieses beunruhigende 0:3 (0:2) gegen PSG am Mittwochabend: Das war's dann also.

Ausgerechnet Paris!

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Neben taktischen Defiziten hat der in München entlassene Trainer zu viele wichtige Spieler frustriert. Am Ende konnten die Bosse gar nicht anders handeln.   Kommentar von Christof Kneer

Anderthalb Jahre lang war Ancelotti ja auch Trainer bei Saint-Germain gewesen, 2012 und 2013, er war der Geburtshelfer für jenes Unterhaltungstheater, das PSG inzwischen geworden ist. Die ersten Stars kamen seinetwegen nach Paris. Der schwedische Stürmer Zlatan Ibrahimovic, der damals bei PSG den Chefzauberer gab (ehe nun für fast 400 Millionen Euro Neymar und Kylian Mbappé geholt wurden), schrieb später in Ancelottis Autobiografie: "Ich habe mit den besten Trainern gearbeitet. Carlo ist der allerbeste." Für einen Coach wie ihn würden Spieler "alles tun", sogar dies: "Du würdest töten für ihn."

Beim FC Bayern müssen sie sich zuletzt gefragt haben, ob ihr Ancelotti vielleicht nur zufällig den gleichen Namen trägt wie jener gelobte Wundertrainer, der stets das besondere Vertrauen seiner Spieler genoss. Der Bayern-Ancelotti hingegen ist ausgerechnet daran gescheitert, dass ihn seine Spieler nicht mehr verstanden.

0:3 in Paris. Die Bayern sind deshalb nirgends ausgeschieden, es war erst der zweite Spieltag der Gruppenphase. Aber es war einer jener Abende, die nachhallen in diesem stolzen Klub. Dass sie in einem harten Kampf besiegt werden, kann schon mal passieren, manchmal ist auch der Schiedsrichter schuld - aber wenn man sie demütigt, werden die Bosse ungemütlich. Dann ist es nur ein schwacher Trost, dass auf der Habenseite der Münchner etwa 18:1 Ecken standen. "Dass wir also auf jeden Fall viel probiert haben", wie Thomas Müller bemerkte, "dass wir uns auch die ein oder andere Halbchance herausgearbeitet haben, dann aber nicht mutig genug waren."

0:3 und ein paar Halbchancen, da saßen Ancelotti, der Präsident Uli Hoeneß und die Vorstandschaft später beim Mitternachtsbankett, als habe man ihre Gesichter eigens graugeschminkt, damit bloß keine falsche Fröhlichkeit aufkommt. Rummenigge hielt seine Bankettrede ungewöhnlich kurz: "Eine Niederlage" sei das, "über die es zu sprechen gilt und aus der wir auch in Klartext-Form Konsequenzen ziehen müssen". Hoeneß führte derweil das Weinglas zum Mund wie einer, der sich längst entschieden hat. Und Rummenigge fuhr fort: "Das, was wir heute Abend gesehen haben, war nicht Bayern München" - und etwas Schlimmeres gibt es nicht bei Bayern München. Mia san mia ist als Wesenskern nicht verhandelbar.

Bei Ibrahimovic klang es vor wenigen Jahren noch so: "Niemand ist Carlo je böse, selbst wenn einer nicht spielt - denn er ist nicht nur dein Trainer, er ist dein Freund." Aber wer den Bayern-Spielern in Paris zuhörte, als sie sich zu Ancelottis eigentümlicher Aufstellung äußern sollten - ohne Ribéry, ohne Robben (für den Müller ausgewechselt wurde), ohne Hummels, ohne Boateng -, der musste vermuten, dass dieses Quintett gerade einen Kurs in diplomatischer Kommunikation belegt hatte. Arjen Robben etwa wand sich auf beachtliche Weise ("das Wichtigste ist jetzt der Zusammenhalt"), ehe ihm doch entfuhr, jedes Wort über die Aufstellung sei "eines zu viel". Müller sagte: "Der Trainer stellt uns seine Pläne vor, wir versuchen sie umzusetzen. Insofern sind wir in der Verantwortung." Subtext: oder die Pläne. Noch am wenigsten diplomatisch war Hummels: "Das glauben Sie nicht wirklich", rief er um die Ecke, gefragt, ob er etwas sagen wolle zu seinem Logenplatz mit Sicht auf den Untergang.

Als Entlassungsgrund nannte Hoeneß am Donnerstagabend die Störung des Betriebsklimas: "Der Trainer hat fünf Spieler auf einen Schlag gegen sich gebracht. Das hätte er niemals durchgehalten", führte er im Radiosender FFH aus: "Ich habe in meinem Leben einen Spruch gelernt: Der Feind in deinem Bett ist der gefährlichste. Deshalb mussten wir handeln."

Und wie geht es jetzt weiter? Sagnol werde "am Sonntag beim Spiel bei Hertha BSC als Interimstrainer auf der Bank sitzen", teilt der Klub mit. Dann ist Länderspielpause: Zeit für Verhandlungen. Das Suchprofil ist längst fertig. Es soll diesmal ein deutscher Trainer sein, der die Elf auch taktisch weiterbringt - der Hoffenheimer Julian Nagelsmann galt für den Sommer 2018 als Kandidat. Was aber bis dahin? Neun Monate Sagnol? Sofort frei wäre ein anderer: Thomas Tuchel, zuletzt im Unfrieden von Borussia Dortmund geschieden. Tuchel hat schon eine Wohnung in München, Nagelsmann baut im Umland ein Haus. Alles sei offen, versichern sie im Klub.

Von Ancelotti wiederum heißt es, es ziehe ihn nach China. Dem Geld hinterher. "Carlo ist mein Freund und wird es bleiben", sagte Karl-Heinz Rummenigge zum Abschied, "aber wir mussten eine Entscheidung im Sinne des FC Bayern treffen."

München und Carlo Ancelotti: Liebe, wie einst in Paris, war das wohl nie.

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Der Trainer wollte bei den Münchnern das System umstellen, weg von den Flügelflitzern, hin zu mehr Konterspiel. Das ist generell keine schlechte Idee - doch in Paris gingen zu viele Dinge schief.