Bundestrainer Uwe Bönsch über Schach-WM:"Carlsen ist mental unheimlich stark"

Lesezeit: 3 min

Bundestrainer Uwe Bönsch über Schach-WM: Schach-WM: Magnus Carlsen wird wohl gewinnen

Schach-WM: Magnus Carlsen wird wohl gewinnen

(Foto: Daniel Sannum Lauten/AFP)

Kurz vor dem Titel: Großmeister und Bundestrainer Uwe Bönsch erklärt im Interview, warum Magnus Carlsen Titelverteidiger Anand derart überlegen ist - und was die beiden Schachspieler an ihrem freien Tag machen.

Von Matthias Schmid

Uwe Bönsch Schach

Schachgroßmeister und Bundestrainer Uwe Bönsch verfolgt intensiv die WM zwischen Anand und Carlsen.

(Foto: oh)

Uwe Bönsch beobachtet in diesen Tagen intensiv das WM-Duell zwischen dem indischen Weltmeister Viswanathan Anand und Herausforderer Magnus Carlsen aus Norwegen in Chennai. Der 55-Jährige ist Schachgroßmeister und Bundestrainer der deutschen Nationalmannschaft.

SZ.de: Herr Bönsch, ist Magnus Carlsen der WM-Titel noch zu nehmen?

Uwe Bönsch: In den langen Partien am Wochenende hat Viswanathan Anand müde gewirkt und sich viele unforced errors geleistet, wie man ja auch im Tennis sagt: Fehler, die der Gegner nicht erzwungen hat. 100 Prozent Gewissheit gibt es natürlich nicht, weil Anand in der Vergangenheit schon gezeigt hat, dass er Rückstände aufholen kann. Aber Carlsen, das sehe ich als wahrscheinlich, lässt sich das nicht mehr nehmen.

Ist der 22-jährige Carlsen momentan einfach der Beste?

Er ist ein junger, sehr talentierter Bursche und hat sich von den anderen Top-Ten-Spielern noch mal entfernt. Vor allem mental ist er unheimlich stark. Er hat sich bisher nur einmal bei dem Vorturnier in London eine kurze Schwächephase erlaubt. Anand dagegen ist auf einem ähnlichen Niveau wie die übrigen Spieler der Top Ten. Und ich habe auch den Eindruck gewonnen, dass er die hohe Motivation, die ihn noch vor zehn Jahren ausgezeichnet hat, nicht mehr hat. Er kann dem Druck Carlsens nichts entgegensetzen.

Der Anfang des WM-Duells war eher langweilig. Die Spieler haben jedes Risiko gescheut. Warum?

In den Zügen hat die Schärfe gefehlt. Sie haben wirklich ruhig und ziemlich anspruchslos begonnen. Sie wollten kein Risiko eingehen mit einem kompliziertem Beginn, um nicht frühzeitig in Rückstand zu geraten. Ab der dritten Partie hat sich das allerdings gedreht, und seither ist es ein Spiel auf höchstem Niveau.

Sie haben gerade erwähnt, dass Anand nicht mehr ganz so frisch wirkte in den langen Spielen. Ist es wirklich so anstrengend ein paar Figuren zu heben?

Das kann man von der Psyche her schon mit einem Marathonlauf vergleichen. Auch physisch sind solche Partien sehr kraftraubend, weil man über mehrere Stunden hinweg die höchste Konzentration halten muss. Viele von ihnen spielen Tennis, sie gehen Laufen und machen alles, wozu sie Lust haben, um ihre Kondition zu verbessern.

Hilft es denn, wenn die Spieler während der Partie mal aufstehen und ein bisschen gehen, bevor sie wieder am Zug sind?

Nein, weil sie ja weiter überlegen und gedanklich den nächsten Zug vorbereiten. Da kann man nicht einfach abschalten.

Können sie denn wenigstens am Abend den Kopf frei bekommen?

Das hängt davon ab, wie die Partie ausgeht. Aber viel Schlafen werden beide nicht wirklich. Den Verlierer beschäftigt das Spiel noch lange, er überlegt, welche Fehler ausschlaggebend waren und versucht, gleich daran zu arbeiten. Auch der Gewinner kann nicht einfach loslassen. Er denkt an den nächsten Tag, an das nächste Spiel und bereitet sich entsprechend intensiv darauf vor.

"Am Ruhetag spielen sie Schach"

Und wie sieht so ein Ruhetag wie an diesem Mittwoch aus?

Sie spielen Schach.

Norway's Carlsen plays against India's Anand during the FIDE World Chess Championship in Chennai

Carlsen gegen Anand: Am Donnerstag steht die neunte Partie an.

(Foto: REUTERS)

Aber nicht die ganze Zeit?

Vielleicht machen sie noch einen Spaziergang. Aber sie werden hautsächlich mit ihren Sekundanten neue Strategien erarbeiten, neue Varianten einstudieren, die letzte Partien aufarbeiten. Ruhetag ist wirklich der falsche Begriff.

Sie als Fachmann sehen eine solche Partie natürlich mit anderen Augen. Schauen Sie sich alle Partien auch in voller Länge an?

Nein, das schaffe ich nicht. Zuletzt war ich auch mit der deutschen Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft in Warschau. Aber wenn es geht, schaue ich mir die Partien natürlich im Internet an.

Lassen Sie auch Züge von Ihren Nationalspielern zu Trainingszwecken nachspielen?

Ja, das machen wir. Es gibt da ein Computerprogamm namens Houdini, das alles aufzeichnet und jeden Zug und jede Variante genauestens mit noch besseren Lösungsmöglichen analysiert. Auch Carlsen und Anand können mit der Spielstärke des Programms nicht mithalten.

Wie weit ist denn der beste deutsche Spieler Arkadij Naiditsch von Carlsen und Anand entfernt?

Das ist gar nicht so viel. Er steht momentan an Position 25 in der Weltrangliste. Die besten Spieler der Welt sind ihm noch im Gesamtpaket voraus, sie bekommen alles ein bisschen besser hin: das Positionsspiel, die Taktik, die Psyche, das Eröffnungsspiel. Ich hoffe, dass er den Abstand aber weiter verkürzen und vielleicht eines Tages in die Top Ten vorrücken kann.

Können Sie das WM-Duell eigentlich auch ganz entspannt als Fan betrachten?

Natürlich, das geht natürlich auch. Man genießt dann Zug um Zug und erfreut sich einfach an dem tollen Spiel der beiden.

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