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Bundesliga:Schlechter Fußball hat in der Bundesliga System

1. FC Koeln v Eintracht Frankfurt - Bundesliga; Köln Frankfurt

Zweikämpfe, Zweikämpfe, Zweikämpfe: Lukas Kluenter und Taleb Tawatha kämpfen um den Ball.

(Foto: Bongarts/Getty Images)
  • Mario Gomez kritisiert das Niveau der Bundesliga, und auch Kanzlerin Angela Merkel erkennt "Durcheinander" im Spiel Köln gegen Frankfurt.
  • Tatsächlich wird in keiner anderen Liga so konsequent auf den Spielaufbau verzichtet wie in der Bundesliga.
  • Schuld daran sind die Erfolgsgeschichten von Jürgen Klopp und Ralf Ragnick - und ein norwegischer Trainer in den 1990ern.

Jetzt ist es amtlich und verbürgt bis in die höchste Ebene des Landes hinein: In der Bundesliga wird größtenteils ein irrlichternder Chaosfußball gespielt, sogar wenn der Fünfte und der Achte der Tabelle auf den Platz stehen. Bundeskanzlerin Angela Merkel sah am Dienstagabend im Stadion des 1. FC Köln die Partie gegen Eintracht Frankfurt. Kölns Präsident und Sitznachbar Werner Spinner berichtete der Bild vom Eindruck der Kanzlerin: "Sie hat in der ersten Halbzeit sofort erkannt, dass das Spiel etwas durcheinander war."

Frau Merkel hält sich offenbar auch im Fußball an die Grundsätze ihrer vorsichtigen Diplomatie. Kölns Kapitän Matthias Lehmann musste nach dem Spiel die Frage beantworten: "Matze, war das ein dreckiger Sieg?" Lehmann antwortete wahrheitsgemäß: "Definitiv! Nicht schön, aber effektiv."

Das 1:0 der Kölner gegen die Frankfurter reiht sich ein in die Sammlung unansehnlicher Kicks in der Fußball-Bundesliga. In dieser Saison kommt es vielen schlimmer vor als sonst, weil die Abstiegszone kürzlich vom 18. bis zum sechsten Tabellenplatz reichte und auch nach dem 28. Spieltag der Tabellenzehnte Leverkusen nur sechs Punkte vor dem Relegationsplatz liegt. Oder wie es Mario Gomez ausdrückte: "Viele Spiele sind mehr Gemurkse als sonst was", sie seien geprägt von "Druck, Angst, Nervosität und Einfach-nur-den-Arsch-retten-wollen."

Nun ist Schönheit selbstverständlich relativ und vor allem Geschmackssache. Dass sich ausgerechnet der nicht gerade filigrane Mittelstürmer-Bulle Gomez zum Sprachrohr der Fußball-Ästheten macht, ist nicht frei von Ironie. Dennoch trifft er einen Nerv. In der Bundesliga herrscht die Mode des Pressings, Gegenpressings und Gegen-den-Ball-arbeiten. In keiner der großen Ligen Europas werden zudem so viele lange Bälle geschlagen. Ex-Bayern-Trainer Pep Guardiola analysierte nach seiner ersten Saison: "Die Bundesliga ist eine Konter-Liga." Und Frank Wormuth, Trainerausbilder beim Deutschen Fußball-Bund, stellte einmal im Gespräch mit der SZ die Frage: "Wer betreibt denn noch Spielaufbau?" Welche Mannschaften verfolgen den Plan, ihr Spiel von hinten heraus mit Flachpässen strukturiert nach vorne zu tragen? Er kam auf vier: Bayern, Dortmund, Mönchengladbach und nun Hoffenheim unter Trainer Julian Nagelsmann.

Der Rest bolzt. Mehr oder weniger. Beim Spiel FC Augsburg gegen FC Ingolstadt war der Ball bisweilen mehr in der Luft als auf dem Boden. Augsburgs Verteidiger Martin Hinteregger schlug die Kugel hoch und weit nach vorne auf Stürmer Raul Bobadilla. Der rang mit Gegenspieler Marcel Tisserand, Kopfballduell, Abpraller, Kampf "um den zweiten Ball", Zweikämpfe, Chaos. Oder frei nach der Bundeskanzlerin: Durcheinander. So ging das von rechts nach links und dann von links nach rechts. Dass die Ballbesitz-Statistik am Ende 55:45 für Augsburg ausschlug, führte total in die Irre. Denn die Hälfte der Spielzeit hatte eigentlich niemand den Ball. Oder jeder.

Für viele Zuschauer wirkt es so, dass es die Spieler eben nicht besser können. Dabei tragen ihnen Trainer - ganz im Gegenteil - genau diesen Stil auf, weil er in den vergangenen Jahrzehnten oft erfolgreich war. In den neunziger Jahren hatte die norwegische Nationalmannschaft ihre größte Zeit mit dem schrulligen Trainer Egil Olsen. Nach umfangreichen Video-Analysen fand Olsen damals heraus, dass bei Weltmeisterschaften seit 1966 die meisten Tore nach höchstens vier Pässen fielen. Dass nach Ballgewinn die Kugel so schnell wie möglich per Steilpass auf nach vorne sprintende Spieler gespielt werden muss. Ansonsten ließ er mit neun Spielern verteidigen, diese verweigerten sich dem Passspiel, sondern droschen den Ball hoch und weit nach vorne auf einen großgewachsenen Stürmer.

Rangnick und Klopp verfeinerten das System

Olsens Stil wurde harsch kritisiert, er galt als Spielverweigerer und Zerstörer. Es war der Ursprung des hässlichen aber erfolgreichen Außenseiterfußballs. Seine Mannschaft qualifizierte sich für die WM 1994 sensationell als Erster in einer Gruppe vor den Niederlanden und England. Vor der WM 1998 blieb Norwegen eineinhalb Jahre lang ungeschlagen, besiegte sogar zweimal den damaligen Weltmeister Brasilien und scheiterte schließlich an Italien, das zynisch wie immer reagierte: Die Italiener verweigerten sich einfach ebenfalls dem Spiel, das Achtelfinale der WM 1998 (1:0) muss als eines der schrecklichsten Gekicke der Geschichte gelten.

Olsens Grundsätze finden sich später wieder bei Ralf Rangnick oder Jürgen Klopp. Die beiden erweiterten sie mit der athletischen Komponente des Bällejagens in vorderster Front, also Pressing und Gegenpressing. Und überrannten damit teilweise die Gegner in der Bundesliga. Auf die Spielweise der Dortmunder wusste die Liga 2011 und 2012 überhaupt keine Antwort. Inzwischen hat sie eine: Wo kein Spielaufbau, da auch kein Pressing. Wo der Ball sofort nach vorne geschlagen wird, da auch kein Gegenpressing. Spielverweigerung trifft auf Spielverweigerung. Und der Kampf um die Abpraller ("zweite Bälle") im Mittelfeld wird heute mit Gift und Galle geführt. Wie am Mittwoch in Mainz, wo es gegen Leipzig zehn gelbe und eine rote Karte gab.

So saust der Ball bisweilen wild über das Spielfeld, als hätte man ihn in einen Flipperautomaten geworfen. Nur die ambitionierten Teams mit den tollen, teuren Spielern haben gemerkt, dass der lange Ball vor allem dazu dient, den Qualitätsunterschied einzuebnen. Oder wie es Klopp in seinen Anfangsjahren in Dortmund vor Spielen gegen den FC Bayern sagte: "Wir müssen sie auf unser Niveau runterziehen." Trainer wie Thomas Tuchel oder Julian Nagelsmann versuchen Wege und Strategien zu finden, mit gezielten Flachpässen einen Gegner vor Probleme zu stellen. Mit Positionsspiel und Ballkontrolle den Gegner auszumanövrieren. Andere werden folgen. Doch solange die halbe Liga noch im Abstiegskampf steckt, müssen solche Projekte warten.

© Sz.de/schm/liv

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