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Bundesliga:Eine Saison für Multitasker

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Neue Motive für die Anzeigetafel: Corona-bedingte Appelle, wie hier im Stadion des 1. FC Köln, begleiten die Rückkehr von Fans in die Bundesliga-Arenen.

(Foto: Uwe Kraft/imago)

Die Liga startet in eine Spielzeit, die es noch nie gab. Der extreme Spielrhythmus und die ständige Infektionsgefahr stellen Spieler, Trainer und Manager vor völlig neue Herausforderungen.

Von Christof Kneer

Auch am Spieltag werden die Spieler von Borussia Mönchengladbach früh am Morgen wieder zu ihren Handys greifen. Trainer mögen es eigentlich nicht so gern, wenn ihre Buben immer nur auf den Bildschirm starren, aber dieser eine Bildschirmkontakt wird von Gladbachs Trainer Marco Rose zurzeit ausdrücklich befürwortet. Und Max Eberl, der Sportvorstand der Borussia, erwartet das sogar: dass seine Spieler sich morgens in eine interne Gruppe einloggen, um dort mit ein paar Klicks ein paar Fragen zu beantworten: Halsweh ja/nein? Sonstige Symptome ja/nein? Werde auch nur eine der Fragen mit "ja" beantwortet, so erzählt es Max Eberl, schlage das System Alarm. Der Spieler müsse dann sofort zum Arzt.

"Die neue Normalität ist bei uns schon zur Gewohnheit geworden", sagt Eberl. Und das Ausfüllen des digitalen Fragebogens sei für die Spieler "inzwischen so selbstverständlich wie Zähneputzen".

Die neue Normalität, so nennen sie das in der Branche, egal, ob es um Coronatests, um den irrsinnigen Spielrhythmus oder um Pressekonferenzen geht, bei denen Pressesprecher Fragen stellen, die Reporter per WhatsApp eingereicht haben. Oder um die unzähligen und ungezählten Millionen, die inzwischen in jedem Etat fehlen.

Das ist anscheinend der Trick: das Unnormale einfach die neue Normalität nennen. Dann wird's schon gehen.

Die Bundesliga ist ein alter Haudegen, sie war schon überall, wo's weh tut. Sie hat schon alles gesehen und erlebt, einen Bestechungsskandal, einen Dortmunder Schäferhund, der in einen Schalker Popo beißt, Phantomtore sind gefallen, einmal war sogar Wolfsburg Meister. Aber so was gab es noch nie. Das Virus hat das komplette Spiel befallen, es hat sich in jeder Ecke des Spielfelds breit gemacht. Jeder, der in diesem Spiel sein Geld verdient, spürt die neue Normalität, jeder Spieler, Trainer, Vorstand, jeder Klubarzt, jeder Busfahrer.

Es spürt sie sogar der unbescholtene Merchandising-Mitarbeiter, der nicht mehr mal eben in die Kabine gehen darf, um von den Spielern ein Trikot unterschreiben zu lassen. Geht nicht mehr. Der Merchandising-Mitarbeiter mag unbescholten sein, aber er ist nicht auf Corona getestet. Nur wer getestet ist, darf in die Kabine. Und wenn der nicht getestete Klubpräsident mal zur Mannschaft sprechen will, dann braucht er eine Maske.

Als die Bundesliga im Mai wieder öffnete, um die letzten neun Spieltage irgendwie durch zu improvisieren, da nannte man das "Sonderspielbetrieb", und viele dachten: Mundschutz auf und durch, in der neuen Saison fahren wir dann wieder ohne Maske zum Spiel. Am Wochenende beginnt nun diese neue Saison, und der Sonderspielbetrieb ist jetzt, man kann es nicht anders sagen, die neue Normalität.

In Gladbach kann man stellvertretend erkennen, was es bedeutet, wenn in einer Mannschaft plötzlich Corona mitspielt. Die Borussia ist ein seriös geführter Traditionsbetrieb, die Elf hat sich gerade für die Champions League qualifiziert, aber selbst in dieser luxuriösen Lage hat der Sportchef keine Chance, das Champions-League-Geld auszugeben - aus dem irgendwie blöden Grund, weil das Geld gar nicht richtig da ist. Die corona-bedingten Finanzausfälle haben auch in Gladbach Spuren hinterlassen, auch in Gladbach müssen sie gerade das tun, was alle tun müssen: in Zeiten der Pandemie Ansprüche erfüllen, an die sich das Publikum in Zeiten vor der Pandemie gewöhnt hat.

Max Eberl sagt: "Es war das eine, im Mai/Juni neun Spiele unter teils skurrilen Bedingungen über die Bühne zu bringen. Das andere ist aber, jetzt in acht Monaten eine komplette Saison durchzuspielen, die sonst zehn Monate dauert. Das ist eine völlig neue Herausforderung. Und das alles weiterhin mit der Pandemiestufe gelb."

Gelb heißt: Die Spieler nutzen weiter drei Kabinen statt eine, sie werden weiter auf mehrere Busse verteilt, im Essensraum gelten Abstandsregeln, keiner darf sein Essen selber nehmen, er bekommt es in die Hand gedrückt. Zwar dürfen die Spieler zum 60. Geburtstag der Tante gehen, sie dürfen auch tanken und raus ins Restaurant. Sie müssen nicht in einer Blase leben, sie sind nicht bei der Tour de France.

Aber ehrlich gesagt: So richtig viel sollen sie da draußen im Leben doch nicht unternehmen. Acht Monate lang.

Das ist die neue Normalität: Die Spieler müssen Topleistung abrufen, wie man in der Branche so sagt, aber unter psychisch und physisch erschwerten, bisher unbekannten Bedingungen. Und sie sollten lieber nicht auf Mitgefühl spekulieren, weil jeder von ihnen trotz Gehaltsverzicht immer noch mehr verdient als ein Großraumbüro voller Merchandising-Mitarbeiter.

Max Eberl hat längst gemerkt, dass das eine Saison für Multitasker werden dürfte. In seiner Kernkompetenz hatte er ohnehin schon genug zu tun, bei der Kaderplanung musste er "anders rechnen als sonst". Die Champions-League-Einnahmen hätten ihm sonst eine hübsche Shoppingtour ermöglicht, aber coronabedingt reichte es nur für die "Grundsatzentscheidung, dass wir keinen Leistungsträger abgeben. Ohne Corona wäre es wohl möglich gewesen, 20 Millionen zusätzlich für Zugänge auszugeben". So aber sei klar gewesen: "Keinen abgeben heißt automatisch keinen kaufen." Sie haben sich mit kreativen Leihgeschäften beholfen, es kamen die Österreicher Hannes Wolf und Valentino Lazaro, die der Trainer Rose von früher kennt.

Mönchengladbachs Trainer Marco Rose

Gladbach-Trainer Marco Rose.

(Foto: dpa)

"Das Wichtigste wird sein, dass man alles im Blick behält und trotzdem nichts verkopft", sagt Trainer Rose

Aber in diesem zur Normalität gewordenen Dauersonderspielbetrieb muss Eberl viel mehr sein als ein Sportchef, so wie Rose viel mehr sein muss als ein Trainer. "Ich habe zum Teil häufiger mit dem Ordnungs- und Gesundheitsamt telefoniert als mit Beratern", sagt Eberl. Er muss jetzt nicht nur alle Klauseln in allen Spielerverträgen der Welt intus haben, er muss sich auch in Spionagetechniken auskennen.

Eberl kann ausgezeichnet über Trackingsysteme referieren, die das Training überwachen, jeder einzelne Laufweg werde da aufgezeichnet, auch in der Kabine werde alles genau dokumentiert: Wer saß wo, neben wem, wie lange? Das sei wichtig, falls ein Coronafall auftrete, sagt Eberl: "Anhand der Daten ließe sich nachweisen, aha, der Spieler hatte vier Sekunden Kontakt mit dem Infizierten und war mehr als anderthalb Meter entfernt, ein anderer Spieler hatte 1:20 Minute Kontakt, ein anderer eine Viertelstunde." Von so etwas hänge ab, "ob nur der betreffende Spieler oder mehrere in Quarantäne müssten".

Normalerweise sind solche Trackingsysteme dafür da, Laufwege beim Pressing zu überprüfen. Aber normal ist ja jetzt nichts mehr, höchstens: neu-normal.

Marco Rose, der Trainer, hat für sich schon entschieden, wie er mit dieser ungewöhnlichen Situation umgehen wird, sein Ansatz dürfte exemplarisch sein für seine Kollegen: Er hat sich mit allen Details auseinandergesetzt, er weiß, wie wichtig Belastungssteuerung bei diesem eng getakteten Spielplan sein wird, er macht sich Gedanken über Rotation und einen Spielstil, der intensiv bleibt, aber auch Ruhephasen enthält; er überlegt, wie man kräftesparend zu Auswärtsspielen in der Champions League reist und ob er mal Spieler zu Schonungszwecken zu Hause lässt.

Er sagt aber auch: "Das Wichtigste wird sein, dass man alles im Blick behält und trotzdem nichts verkopft. Wir müssen die Dinge ein Stück weit laufen lassen, sonst verkrampft man und kann nicht mehr Fußball spielen." Auch das ist ein Trick: Sich immer daran zu erinnern, dass man in der Pandemie Fußball spielt und es auf dem Platz im richtigen Moment zu vergessen.

Marco Rose wird seine Spieler in Ermangelung einer echten Winterpause erstmals zwischen den Jahren trainieren lassen, ja, das ist anstrengend und gemein. Trotzdem, sagt er, dürften seine Spieler "an Weihnachten ruhig mal einen Kloß essen".

© SZ vom 19.09.2020

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