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Bundesliga:"Modeste ist 12 Millionen wert"

1. FC Koeln Training Session

Wechselt wohl in die chinesische Super League: Angreifer Anthony Modeste.

(Foto: Christof Koepsel/Getty Images)

Welche Ablöse wäre für den Kölner angemessen? Und welche für Bayerns Costa? Forscher Markus Weinmann hat mit Kollegen einen Algorithmus entwickelt, um Marktwerte von Fußballern zu ermitteln.

Es ist inzwischen eine schöne Tradition geworden, sich über Transfersummen zu wundern. Das erinnert einen Jahr für Jahr daran, dass Sommer ist und bald wieder die Bundesliga los geht. 88 Millionen Euro für Lukaku? 41,5 Millionen Euro für Tolisso! Solche Nachrichten laufen regelmäßig über die Nachrichtenticker. Die Fans stöhnen dann oft und fragen sich, ob ein Spieler wirklich so viel Geld wert ist. Forscher der Uni Liechtenstein und der IT University of Copenhagen können darauf Antworten geben, zumindest ein paar. Alexander Simons, Markus Weinmann (beide Liechtenstein) und Oliver Müller (Kopenhagen) haben einen Algorithmus entwickelt, mit dem sich Marktwerte auf Knopfdruck bestimmen lassen.

SZ: Herr Weinmann, der 1. FC Köln ist kurz davor, Anthony Modeste nach China zu verkaufen. Im Raum steht eine Ablöse von 35 Millionen Euro. Entspricht das seinem Marktwert?

Markus Weinmann: Das ist eine wirklich hohe Ablösesumme. Unseren Berechnungen zufolge beträgt sein Marktwert gerade einmal 12.013.098 Euro. Er hat in der letzten Saison zwar sehr viele Tore geschossen, seine Statistiken in anderen Bereichen - wie zum Beispiel Vorlagen, Pässe und Dribblings - waren aber eher mittelmäßig. Mit 29 Jahren ist er für einen Fußballspieler zudem bereits recht alt. Und, so sehr ich den FC schätze, er lief zuletzt für einen Klub auf, der international in den vergangenen Jahren keine große Rolle gespielt hat - und auch in der Vergangenheit hat Anthony Modeste bei eher kleinen oder mittelgroßen Vereinen gespielt. Ich würde bezweifeln, dass ein europäischer Klub eine solche Ablöse für ihn bezahlen würde.

Was ist, sagen wir, mit Bayerns Douglas Costa?

Da kommen wir auf 27.961.707 Euro. Einerseits ist Douglas Costa ein exzellenter Dribbler und guter Passspieler, der bei einem der besten Clubs Europas spielt. Er ist zudem auch noch jünger als Anthony Modeste. Andererseits hat er in der vergangenen Saison weniger als fünfzig Prozent der möglichen Einsatzzeit erhalten, das drückt seinen Marktwert.

Gerade sprechen die Fußballfans, Manager und Journalisten sehr viel über Ablösesummen und Marktwerte - ob die hohen Summen gerechtfertigt sind oder nicht. Sie haben ein Modell entwickelt. Fangen wir doch ganz grundsätzlich damit an: Wie ergibt sich ein Marktwert für einen Fußballspieler?

Zunächst mal: Wir verstehen den Marktwert als die potenzielle Summe, die auf dem Markt für einen Spieler bezahlt wird, wenn es zum Transfer kommt. Früher haben vor allem Experten den Wert eines Spielers geschätzt, Scouts und Manager zum Beispiel. Irgendwann hat sich transfermarkt.de dann etabliert, und auch die Fans haben begonnen, Marktwerte zu schätzen. Und man muss sagen: Die Fans machen das ziemlich gut. Studien bestätigen eine hohe Übereinstimmung der transfermarkt.de-Schätzungen mit tatsächlich gezahlten Transfersummen.

Wie kriegen die das so genau hin?

Einerseits ist hier die Masse der Leute natürlich wichtig, Ausreißer werden so eingefangen. Zudem bietet die Plattform die Möglichkeit der Diskussion von Marktwerten, hier hat sich in den vergangenen Jahren eine sehr lebendige Community entwickelt. Transfermarkt.de hat sich zudem als wichtige Quelle für Marktwertschätzungen etabliert - auch für verschiedene Medien. Daher würde es mich nicht verwundern, wenn die transfermarkt.de-Schätzungen mitunter auch in Vertragsverhandlungen herangezogen werden und damit Transfersummen zum Teil beeinflussen. Fans schätzen also einen Wert, und Vereine nehmen ihn als Orientierung - eine interessante Entwicklung, die eine alternative Erklärung liefern könnte, warum die Schätzungen der Crowd häufig so exakt sind.

Markus Weinmann

Markus Weinmann ist Assistenzprofessor am Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität Liechtenstein. Sein Lieblingsverein ist der 1. FC Nürnberg.

(Foto: Uni Liechtenstein/oh)

Wenn Transfermarkt.de so genau ist - warum haben Sie sich entschlossen, ein weiteres Modell folgen zu lassen?

Transfermarkt.de ist in der Tat sehr genau. Es gibt zwei wesentliche Nachteile: Zum einen sind Crowd-Schätzungen sehr aufwendig - schließlich müssen viele Leute ihre Schätzungen abgeben und auch begründen. Daher werden Marktwerte auch nur selten, vielleicht zwei Mal pro Saison aktualisiert. Zum anderen ist unklar, wie diese Werte zustande kommen, auch wenn es natürlich Richtlinien gibt. Wie wirkt sich zum Beispiel ein Tor auf den Marktwert eines Spielers aus? Und wird dies für alle Spieler von allen Nutzern immer einheitlich gehandhabt? Sehr unwahrscheinlich.

In Ihrem Modell ist das anders.

Wir haben auf Basis einer Literaturanalyse Faktoren identifiziert, die den Marktwert beeinflussen und auf Basis von insgesamt 29 solcher Faktoren eine Formel erstellt. Da geht es um Spielereigenschaften wie Größe und Alter; um Leistungsfaktoren wie Tore und der Vorlagen; und um Popularitätsdaten wie die Zahl der Wikipedia-Aufrufe oder Youtube-Videos. Dann haben wir für die Indikatoren statistisch Gewichte bestimmt: Wieviel ist zum Beispiel ein Tor wert? Wie wirkt sich ein Foul aus? Nun können wir die Daten eines Spielers in das Modell eingeben, und es berechnet uns den aktuellen Marktwert.

Was wirkt sich besonders stark auf den Marktwert aus?

Ein Tor erhöht den Marktwert durchschnittlich um 2,4 Prozent, eine Vorlage um 1,5 Prozent. Mit zunehmendem Alter sinkt der Marktwert, erfolgreiche Pässe wirken sich positiv aus, Tackles eher negativ, zum Beispiel, weil sie häufig aus einem schlechteren Stellungsspiel resultieren. Und: Popularität steigert den Marktwert.

Das heißt: Es geht auch um so etwas wie Marketing-Potenzial.

Genau, denken wir an David Beckham. Als er zu Paris St.-Germain wechselte, war er vielleicht nicht mehr so leistungsstark wie zu seinen Glanzzeiten, aber immer noch sehr populär. Und auch wenn er nicht mehr viel Einsatzzeit erhielt, hat sein neuer Klub durch Trikotverkäufe erheblich an dem Transfer verdient. Aber auch wenn wir Popularität messen, erfolgt dies natürlich einheitlich. Wir sagen immer: Unser Modell kennt keine Namen.