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Hertha BSC:Tabula rasa in der Hauptstadt

Fussball, Herren, 1. Bundesliga, Saison 2020/21, (17. Spieltag), Hertha BSC - TSG Hoffenheim, v. l. Manager Michael Pre

Letzter Händedruck: Michael Preetz (li.) war 27 Jahre im Verein (davon zwölf als Manager), Bruno Labbadia bloß neun Monate als Trainer.

(Foto: Matthias Koch/imago)

Tief im Keller angekommen räumt Hertha BSC auf und entlässt Trainer Labbadia und Manager Preetz. Dessen Aufgaben übernimmt vorerst Arne Friedrich - der Interimscoach könnte Dardai oder Neuendorf heißen.

Von Javier Cáceres, Berlin

Ende des 19. Jahrhunderts, der heutige Fußballbundesligist Hertha BSC war gerade gegründet worden, reiste der Schriftsteller Mark Twain aus den USA nach England. Twain wurde krank, und zwar derart, dass in seiner Heimat schon sein Nachruf veröffentlicht wurde, den Twain mit dem ihm eigenen Humor kommentierte: Die Nachricht von seinem Tod sei "stark übertrieben", soll er gesagt haben. Womit wir bei Bruno Labbadia wären. Labbadia ist zwar nicht Schriftsteller, sondern Fußballtrainer, und er ist nicht krank, sondern erfreut sich bester Gesundheit. Aber am Samstag durchlebte er seinen ganz persönlichen Twain-Moment.

Es war gegen 20.30 Uhr, die Temperaturen rund um den Gefrierpunkt im Olympiastadion mussten längst in seinen Körper gekrochen sein, da sollte er am Spielfeldrand, nach Sitte und TV-Vertrag, bei Sky die gerade abgepfiffene Partie kommentieren. 1:4 (1:2) hatte Hertha BSC verloren, und dass dieses Spiel schon vorab als "Endspiel" für Labbadia (und Manager Michael Preetz) tituliert worden war, war das eine. Das andere war, dass dem Trainer live und in Farbe eine frische Meldung der Bild-Zeitung unter die verfrorene Nase gerieben wurde: "Labbadia-Entscheidung gefallen", war zu lesen, und das wiederum bedeutete, dass er sozusagen gebeten wurde, im Fernsehen den eigenen Exitus zu kommentieren. Frage: "Was macht das mit Ihnen?" Labbadias Ärger war unverkennbar.

Doch er bekam den Auftritt mit bewundernswerter Haltung in Würde zu Ende. Obwohl er diverse Dinge geahnt haben dürfte - zum Beispiel: dass die Meldung stimmte und es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis sie bestätigt sei. Das war am Sonntagmittag der Fall, nachdem sich Labbadia am Morgen von seinem Team verabschiedet hatte. Etwas weniger vorhersehbar: Auch Manager Michael Preetz muss gehen, nach fast 25 Jahren im Klub. "Wir wollen einen Neustart", sagte Herthas neuer starker Mann, der CEO Carsten Schmidt, der seit 55 Tagen im Amt ist und wohl gerne mehr Zeit gehabt hätte, um den Klub neu und richtig aufzustellen.

So ist die Nachfolge von Preetz wohl nur vorerst geklärt. Im Rang des Sportdirektors beerbt ihn der frühere Nationalspieler Arne Friedrich, der von Ex-Trainer Jürgen Klinsmann vor gut einem Jahr als "Performance Manager" installiert worden war. Zur Trainerfrage sagte Schmidt, man habe einen Plan, den man umsetzen werde, möglichst schon am Montag. Als Favoriten für eine Interimslösung gelten: Pal Dardai und Andreas "Zecke" Neuendorf, beide ehemalige Hertha-Profis, die zurzeit im Klub bei nachgeordneten Mannschaften Trainer sind. Schmidt bat Labbadia übrigens öffentlich um Vergebung: Die Indiskretion an die Bild-Zeitung habe nichts mit dem Stil gemein, den er sehen wolle, das sei "eine Schlechtleistung" der Hertha gewesen.

Damit fügte sich die Außendarstellung am Samstag recht nahtlos in eine Reihe von fußballerischen Auftritten der Hertha ein. Das 1:4 gegen Werder bedeutet unter anderem, dass die Hertha nur 17 Punkte aus 18 Saisonspielen vorweisen kann; in der ersten Runde des DFB-Pokals schied man zudem bei Zweitliga-Aufsteiger Braunschweig aus. Somit wurde das achte Trainerengagement Labbadias seit 2003 zu einem der dornenreichsten seiner Karriere.

Labbadias Verpflichtung war für ihn auch die Chance, sich als Entwicklungstrainer zu profilieren

Labbadia war im April 2020 in Berlin angetreten, um einen Kader zu betreuen, der schon damals unterhalb seiner Möglichkeiten spielte, sprich: gegen den Abstieg. Die Verpflichtung war für ihn auch die Chance, seinen Ruf als Feuerwehrmann zu beerdigen und sich als Entwicklungstrainer zu profilieren. Bei seiner vorletzten Trainerstation, in Wolfsburg, hatte es so ausgesehen, als könne er das - er verließ den VfL aber wegen Differenzen mit Manager Jörg Schmadtke. Nun, neun Monate nach seinem Antritt in Berlin, bekommt Labbadia ein verdrießliches Zeugnis ausgestellt: Unter seiner Leitung rettete sich die Hertha in der Vorsaison souverän - die Kür aber misslang, obwohl der Kader seit Jahresbeginn 2020 mit Spielern im Wert von mehr als 100 Millionen Euro verstärkt wurde.

Saisonübergreifend lag Herthas Punkteschnitt unter Labbadia bei 1,07 pro Partie. Schlechter war bisher keine Mannschaft, die er je trainiert hat, nicht einmal der Hamburger SV. Am Samstag sprach er selbst davon, dass er "keine Argumente mehr" habe - nach einem Spiel, das sich auf dem Papier ausnahm wie ein Treppenwitz.

Den Statistiken zufolge war Hertha den Bremern in allen Aspekten, die empirisch erfasst werden, überlegen. Nur: Das Spiel war erneut ein Beispiel dafür, wie relativ solche Werte sein können. Obwohl Werder weniger Torschüsse abgab, weniger Ecken trat, weniger Pässe spielte und eine niedrigere Passquote aufwies als Hertha, war der Sieg hoch - und nachvollziehbar. Und zwar nicht nur wegen der Effektivität, die Werder an den Tag legte - bei den Toren per Foulelfmeter von Davie Selke, per Kopfball von Ömer Toprak, durch einen technisch anspruchsvollen Abschluss von Leonardo Bittencourt und ein haubitzenartiges 4:1 von Joshua Sargent, dem Hertha nur ein Cordoba-Kopfballtor in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit entgegensetzen konnte. Werder war aber auch das Team mit den solideren Ideen, der klareren Struktur, der größeren Selbstlosigkeit und Disziplin.

"Bruno Labbadia und ich sind auch in der Analyse heute Morgen ein Stück daran verzweifelt, dass wir eine individuell sehr gute Mannschaft haben, es aber nicht geschafft haben, eine Achse beziehungsweise eine Mannschaftsleistung auf den Platz zu kriegen, wo alle drei Mannschaftsteile nicht einzeln, sondern zusammen gut performen", sagte Schmidt am Sonntag. Die Konsequenz ist der Tabellenstand, zu dem es eine Kabinenpredigt voller Realismus gab: Er habe einen Appell an die Mannschaft gerichtet und "deutlich gemacht, in welcher Phase wir sind: im Abstiegskampf." Dem kann niemand widersprechen.

© SZ/mok/ska
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