Bundesliga Hannover 96 ist innerlich zerfressen

Hannover 96 kann am Samstagnachmittag nur zuschauen, wie Gegner Bayern München ein Tor nach dem anderen feiert.

(Foto: AFP)

Das Team von André Breitenreiter ist Tabellenletzter - und komplett desillusioniert. Keine guten Voraussetzungen, um eine Saison zu einem guten Ende zu führen.

Kommentar von Carsten Scheele, Hannover

Hannover 96 muss sich, das ist offiziell nach diesem Spieltag, mit dem Abstieg aus der Fußball-Bundesliga auseinandersetzen. Lange gab es viel Ablenkung in der Stadt von dem Thema. Der Zwist um 50+1 zwischen Klubchef Martin Kind und der Deutschen Fußball-Liga (DFL) einerseits, mit der Opposition im Verein andererseits, mit den Fan-Gruppierungen zudem, haben die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Es ging um verbale Angriffe, juristische Gutachten, eine Mitgliederversammlung, die nun doch nicht vorgezogen wird. Dass die Mannschaft mäßig Fußball spielte, passte ordentlich ins Bild.

Doch jetzt ist Hannover sportlich Letzter, durchgereicht von den logischen Abstiegskandidaten Nürnberg und Düsseldorf. Offiziell aufgenommen in den Kreis jener Teams, die oft genug gezeigt bekommen haben, dass sie zu schwach sind, um sich aus eigener Kraft in andere Tabellenregionen vorkämpfen zu können. Die beiden verbleibenden Partien dieses Kalenderjahres erlangen so eine gehobene Bedeutung: Geht es auch in Freiburg (am Mittwoch) und zu Hause gegen Düsseldorf (am Samstag) schief, könnte der Rückstand auf die Nicht-Abstiegsplätze schon zu einer echten Bürde für die Rückrunde anwachsen.

Alles blickt gebannt auf Klubchef Martin Kind

Nun sind Spiele gegen den FC Bayern nur bedingt tauglich zur Beweisführung in Sachen Ligazugehörigkeit. Punkte können in diesen Bonuspartien nicht eingeplant werden, schon gar nicht von Hannover, Nürnberg oder Düsseldorf. Die Art und Weise, wie sich 96 am Samstagnachmittag beim 0:4 den Bayern ergab, kann dann aber doch gegen die Mannschaft verwendet werden. Das Spiel begann zwar maximal unglücklich mit dem frühen Gegentor in der zweiten Minute, Hannover unternahm aber auch maximal wenig, um zumindest den Zuschauern zu zeigen, dass die Mannschaft das Spiel vom Grundsatz her schon ganz gerne gewonnen hätte. Am Ende stand die Ecken-Bilanz mit 0:14 gegen Hannover, dazu 3:33 Torschüsse. Zwei Wochen nach dem ebenfalls desaströsen 0:2 gegen Hertha BSC sprach aus Pirmin Schwegler schon echte Verzweiflung, als er sagte, er wisse nicht, wie das Spiel von außen gewirkt habe: "Aber glaubt mir, auf dem Platz war es noch beschissener." Der Sportwagen des FC Bayern sei vollgetankt gewesen, "unser Trabbi ein bisschen leer".

Das sind Worte der Einsicht, dass Hannover 96 zurecht ganz unten steht, und so blickt alles nun auf Klubchef Kind, der qua Amt den Daumen über Coach André Breitenreiter senken kann (so wie er dies bei vielen Vorgängern getan hat). Kind steht nicht im Ruf, in schlechten Zeiten mit Urvertrauen an seinen Übungsleitern festzuhalten; er hat die Trainerdiskussion selbst angeheizt, indem er drei Siege bis Weihnachten eingefordert hat. Diese Quote kann Breitenreiter schon jetzt nicht mehr erfüllen, und so steht zu befürchten, dass Kind bald abermals die Geduld verliert. Spätestens vor dem sogenannten Sechs-Punkte-Spiel gegen Düsseldorf könnte der Zeitpunkt gekommen sein, dass sich Kind zu einem neuen personellen Reiz veranlasst sieht - auch wenn sich der Eindruck verfestigt, dass die Mannschaft mit neuem Trainer nicht viel besser spielen könnte, als sie es aktuell tut.

Nach dem Abstieg 2015/16, als der Klub bereits sehr unter den Spannungen zwischen Kind und den Ultras litt, ist Hannover im zweiten Jahr nach dem Wiederaufstieg an einem ähnlichen Punkt angekommen. Auch am Samstag sorgten die Fans mit einer Plakataktion gegen Kind für Aufsehen, der Verein ist intern zerstritten. Die Mannschaft: desillusioniert und Letzter. Das sind schlechte Voraussetzungen, um eine komplizierte Saison zu einem guten Ende zu führen.

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