FC Bayern gegen Bayer Leverkusen:Das Top-Spiel wird zum Schock-Spiel

Bayer 04 Leverkusen v FC Bayern München - Bundesliga

Es läuft wieder bei den Münchnern - das 5:1 gegen Leverkusen bringt ihnen die Tabellenführung zurück.

(Foto: Lukas Schulze/Getty)

Fünf Tore in 33 Minuten: Der FC Bayern meldet sich nach der Niederlage gegen Frankfurt gegen Bayer Leverkusen zurück - mit einer Machtdemonstration. Doch es gibt Sorgen um Alphonso Davies.

Von Ulrich Hartmann, Leverkusen

Die deprimierten Fußballer von Bayer Leverkusen wurden von ihren Fans mit Applaus verabschiedet. Das war nicht selbstverständlich, nicht mal angesichts des Umstands, dass sie die letzten 53 Minuten des vorangegangenen Spiels mit 1:0 für sich entschieden hatten. Bis zu dieser 37. Minute lagen die Kontrahenten vom FC Bayern München allerdings schon mit 5:0 vorne. In der Summe ergab dies einen 5:1 (5:0)-Sieg der Bayern im vermeintlichen Topspiel in Leverkusen. Die Demütigung hätte noch schlimmer ausgehen können. Die Bayer-Fans hatten hinterher das Bedürfnis, ihre Spieler zu trösten. "Die Anfangsphase war ganz, ganz schrecklich", sagte der Torwart Lukas Hradecky wie nach einem Hai-Angriff im Meer. "Und danach war auch schon alles vorbei."

Robert Lewandowski mit einem Hackentrick nach 181 Sekunden sowie zum 2:0 in der 30. Minute, Thomas Müller mit dem Oberschenkel zum 3:0 in der 34. Minute und Serge Gnabry eiskalt in der 35. und 37. Minute mit dem 4:0 und dem 5:0 sorgten für den Kantersieg in einem Spiel, das sich Fußball-Deutschland eigentlich ein bisschen spannender erhofft hatte. Der 33-minütige Münchner Torreigen war prachtvoll, skurril und artistisch. Nach einem guten Drittel war dieses Topspiel bereits entschieden, sehr zum Leidwesen der meisten der knapp 30 000 Zuschauer. Patrik Schick linderte mit dem Ehrentreffer zum 1:5-Endstand in der 55. Minute die Leverkusener Schmerzen.

"Es klingt vielleicht komisch angesichts der frühen 5:0-Führung", sagte der Bayern-Trainer Julian Nagelsmann hinterher, "aber wir hätten in der Anfangsphase sogar noch zwei, drei Tore mehr machen können." Gefallen hat ihm bei seiner Mannschaft vor allem die "Struktur mit Ball", die fand er "sensationell". Dass man nach der Pause kein Tor mehr nachgelegt habe, sei ja ein fast schon "klassischer Spielverlauf" bei einem so klaren Halbzeitstand.

Hernández spielt, obwohl er am Dienstag vor Gericht erscheinen muss. Bayer macht es ihm leicht

"Die Bayern", darauf hatte Rudi Völler kurz vor dem Anpfiff extra hingewiesen, "haben das letzte Spiel gegen Frankfurt verloren. Und sie verlieren selten zwei Mal nacheinander." Völler, 61, ist Sport-Geschäftsführer von Bayer Leverkusen und ein großer Kenner des Fußballs. Natürlich hätte er sich gewünscht, dass er ausnahmsweise mal falsch liegt. Aber er liegt einfach selten daneben und hatte auch diesmal wieder Recht - nur kam es schlimmer, als er es für möglich gehalten hätte.

Nach 35 Minuten sangen die etwa 3000 Fans des FC Bayern München im Stadion nach Guantanamera-Melodie: "Ihr werdet nie deutscher Meister!" Das hätten sie womöglich auch gesungen, wenn es zu diesem Zeitpunkt nullzunull gestanden hätte. Aber es stand 0:4. Die Münchner waren in Spiel-Laune. Die Leverkusener waren in Schockstarre. Das Topspiel war nicht top, eher ein Schock - für Leverkusen und die restliche Konkurrenz. Wenn's ernst wird, werden auch die Bayern sehr ernst.

"Die erste Halbzeit war brutal", sagte der leicht paralysiert wirkende Leverkusener Trainer Gerardo Seoane. "Das hat unsere junge Mannschaft nicht so gut verkraftet." Leverkusen hätte im defensiven Mittelfeld so erfahrene Spieler wie Robert Andrich (gesperrt), Charles Aranguiz (verletzt) und Exequiel Palacios (erkältet) gut gebrauchen können. Kerem Demirbay und Nadiem Amiri waren als Doppel-Sechs vor der Abwehr überfordert. Die mit Ball so gut strukturierten Bayern rissen gegen ohnehin schon sehr tief verteidigende Leverkusener erstaunlich viele Räume auf und erhielten Schussmöglichkeiten noch und nöcher. "Die erste Halbzeit war gigantisch", schwelgte Joshua Kimmich. "Das Ergebnis zeigt, was wir für einen Fußball gespielt haben", sagte Lewandowski.

Auf den Münchner Innenverteidiger Hernández blickte die Fußballwelt besonders gespannt. Der 25-Jährige muss am Dienstag in Madrid vor Gericht erscheinen. Ihm droht wegen Verstößen gegen gerichtliche Auflagen im privaten Bereich eine sechsmonatige Haftstrafe. Kann man mit solch einer Last überhaupt vernünftig Fußball spielen? "Mancher hätte in so einer Situation sicher keine Lust auf Fußball gehabt", hatte Bayerns Vorstandsboss Oliver Kahn vor dem Spiel gesagt, "aber für manchen kann das auch eine willkommene Ablenkung sein." Kahn sagte, er erwarte von Hernández eine Topleistung. Aber die musste der Franzose dann nicht abrufen. Von Leverkusen ging praktisch keine Gefahr aus.

Das nächste vermeintliche Topspiel steht am 4. Dezember an - dann spielt Bayern gegen Dortmund

Nagelsmann hatte absichtlich die selbe Startformation aufgeboten wie zwei Wochen zuvor bei der 1:2-Heimniederlage gegen Eintracht Frankfurt - "als Chance zur Bewährung", wie er witzelte. Und die Spieler bewährten sich. "In allen Punkten, die gegen Frankfurt nicht geklappt hatten, haben sie es heute gut gemacht", lobte der Münchner Trainer.

"Wenn die Bayern einen Top-Tag erwischen und wir einen nicht so guten", sagte Seoane, dann könne sich eben solch eine erste Halbzeit ergeben. Mut für die kommenden Aufgaben habe ihm immerhin die zweite Halbzeit gemacht, in der man es viel besser angestellt habe. Zu dieser Wahrheit gehört aber natürlich auch, dass Lewandowski und Müller nach einer guten Stunde bereits ausgewechselt worden sind und dass die Münchner ihre klare Führung gegen weiterhin harmlose Leverkusener ungefährdet nach Hause gespielt haben. Nur ein Ereignis trübte den Nachmittag für die Bayern. Alphonso Davies war mit Oberschenkelbeschwerden in der 40. Minute ausgewechselt worden. Der Kanadier droht für das Champions-League-Spiel am Mittwoch bei Benfica Lissabon auszufallen.

Die Bayern-Fans sangen zu diesem Zeitpunkt bereits vom "deutschen Meister Bayern München". Zumindest am Sonntagabend mochte ihnen da niemand widersprechen. Fußball-Deutschland ist jetzt gespannt, was das nächste vermeintliche Bundesliga-Topspiel der Bayern bei Borussia Dortmund hergibt. Am 4. Dezember ist es soweit.

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