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Bundesliga:Der Niedergang des 1. FC Köln ist episch

1. FC Köln - 1899 Hoffenheim

Wie lange darf er noch bleiben? Kölns Trainer Peter Stöger

(Foto: dpa)

Der Tabellenletzte hat das Gefühl, nicht nur gegen elf Gegenspieler, sondern auch gegen eine böse Macht bestehen zu müssen. Das ist nur allzu menschlich.

Kommentar von Philipp Selldorf

Die Radikalen unter den Realisten behaupten ja, dass es das gar nicht gibt im Fußball-Leben: Pech. Sie meinen, dass alles, was einem Klub widerfährt, in letzter Konsequenz in eigener Verantwortung geschieht, und dass deshalb auf dem Transfermarkt wie auf dem Fußballplatz allein das eigene Handeln das Schicksal bestimmt. Wird einem zum Beispiel der Torjäger weggekauft, muss man eben so schlau sein, den nächsten Torjäger zu finden. Und wenn der Schiedsrichter einen falschen Elfmeter pfeift, dann muss die Mannschaft damit umgehen und reagieren. Und wenn man dreimal im Spiel den Pfosten trifft, dann hat man halt dreimal nicht präzise gezielt und geschossen.

Das, was da gerade in Köln geschieht, müsste aber auch die Prediger vom selbstgemachten Glück nachdenklich stimmen. Dem 1. FC Köln ergeht es nicht ganz so schlimm wie Hiob in der Bibel, dem der Herr erst die Rinder und Eselinnen und Knechte nahm, dann das Kleinvieh und die Kamele und schließlich die zehn Kinder, aber man hat doch den Eindruck, dass ihm irgendjemand die größtmöglichen Leidensprüfungen auferlegt.

Ein Gegentor genügt, um den FC aus der Bahn zu werfen

Jenseits der hinlänglich besprochenen Gründe für den Absturz - der Fehler im Transfergeschäft und der niederziehenden Dynamik sportlichen Versagens - trägt die Krise des 1. FC Köln die Merkmale des Irrationalen. Auf die Betroffenen wirkt es wohl wie eine Verschwörung. Natürlich weiß man beim FC, dass es beim DFB und bei der DFL und in der Fifa niemanden gibt, der den Verein durch Sabotage der Schiedsrichter und ihrer widersinnig agierenden Videobrüder in den Abgrund manipulieren möchte.

Es ist ja nicht wie in dem Witz, der am Sonntag in Köln herumgereicht wurde. Sagt der eine Videoschiri: "Der FC spielt gut und überlegen." Sagt der andere: "Verpass ihnen einen Elfmeter!" Aber dass die Kölner Mannschaft das Gefühl hat, nicht nur gegen elf Gegenspieler, sondern auch gegen eine böse Macht im Hintergrund bestehen müssen, das ist nach all den bizarren Vorkommnissen dieser Saison nur allzu menschlich.

So hat auch der Tag in Mainz Typisches geboten: Die strategische Halbzeitbesprechung konnte sich Trainer Peter Stöger schenken, nachdem der nächste Schiedsrichterirrtum wieder das 0:1 gebracht hatte und alle sich wieder furchtbar aufregen mussten. Typisch auch, dass der Klub am Sonntag in geübter Lakonie mitteilte, dass ein weiterer Spieler bis zum Jahresende fehlen wird (diesmal Simon Zoller). Als der FC jüngst in die Länderspielpause ging, freute sich Stöger, dass er in dieser Zeit drei genesene, lange vermisste Spieler wieder im Training begrüßen dürfe. Stattdessen verletzte sich am ersten Arbeitstag der wichtigste Abwehrmann Dominique Heintz und gleich danach zum wiederholten Male Marcel Risse. Alles nur Pech?

Mit Unglück hat es nichts zu tun, wenn ein einziges Gegentor genügt, um den FC aus der Bahn zu werfen, und sei es noch so ungerecht. Dass die Kölner so hartnäckig am Ziel vorbeischießen, dafür sind sie nur selbst zuständig. Was sie auch nicht bestreiten. Es gehört zu den guten Eigenschaften dieser gequälten Menschen, dass sie die Verantwortung für ihr Misslingen nicht leugnen.

Was tun, da es brennt? Natürlich wird jetzt diskutiert, den Brandmeister Peter Stöger abzusetzen. Doch es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass sich dadurch etwas bessern würde. Und so episch dieser Niedergang auch anmutet: Bis zum Relegationsplatz 16 sind es trotzdem nur sechs Punkte Abstand. Der FC hat sein Schicksal noch in der eigenen Hand.

© SZ vom 20.11.2017
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