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Bundesliga:Jetzt gilt es, die Fußballkultur zu retten

Bundesliga: Fan-Protest während der Corona-Pandemie in Mönchengladbach

Fans von Borussia Mönchengladbach haben vor dem Borussia-Park ein Plakat angebracht.

(Foto: Maik Hölter/team2sportphoto/Pool)

Dass die Bundesliga sportlich zu Ende gespielt wurde, ist ein Erfolg der DFL und ihres Chefs Christian Seifert. Doch nun muss ein viel schwierigerer, zweiter Schritt folgen.

Dass sie wirklich zu Ende gespielt werden würde, diese durch eine Pandemie ausgebremste Fußball-Saison, hätte vor zwei Monaten kaum jemand für möglich gehalten. Da reichte ja schon eine in der Quarantäne erworbene Tube Zahnpasta, um das ganze Konstrukt ins Wanken zu bringen. Hier ein positiver Spieler-Test zuviel, dort eine Fan-Ansammlung vor dem Stadion, und aus die Maus - nicht wenige erwarteten einen Saisonabbruch, den mancher Fan sich sogar gewünscht haben dürfte, wenn dadurch der Abstieg ausgesetzt und der geliebte Klub in der Liga geblieben wäre.

Das ist nicht passiert. Christian Seifert, der Boss des Bundesliga-Dachverbands DFL, wird nun allenthalben für sein Krisenmanagement gefeiert. Und tatsächlich wäre ohne seine hartnäckige Lobbyarbeit für den Fußball niemals irgendwo ein Spiel angepfiffen worden. So genannten Fußballmillionären das Privileg der Berufsausübung zu verschaffen, während Kinder aus ihren Schulen ausgesperrt waren, Kneipen schlossen und Millionen Arbeitnehmer in Kurzarbeit geschickt wurden, war eine politische Meisterleistung. Seifert hat die Macht dieses Sports nicht nur über viele Jahre ausgebaut, er hat sie nun kalkuliert eingesetzt.

Der Fußball hat die Sache unter sich ausgemacht

Dass es jetzt Meister, Absteiger, Champions-League-Starter und Relegations-Teilnehmer gibt, die auf sportlichem Weg ermittelt worden sind, ist ein Teilerfolg. Möglich gemacht haben ihn neben der DFL vor allem die Spieler, die das Gesundheitsrisiko ausgeblendet haben und die Zuschauer, die zu Hause geblieben sind, als man sie darum gebeten hat. Der Fußball hat sich darauf eingelassen, die Sache unter sich auszumachen und die Lockerungen, die draußen in der echten Welt längst wieder Alltag sind, für sich nicht in Anspruch genommen. Anfangs war das leere Stadion ein Spiegelbild für die allgegenwärtige Abwesenheit von Lebensfreude, heute wirken die ausgestorbenen Arenen wie fremde Planeten, während draußen die Leute sich wieder an den Badeseen drängeln. Niemand in der Branche hat sich darüber beklagt.

Den Wirtschaftsbetrieb Profifußball aufrecht zu erhalten, war aber nur der erste Schritt. Im nächsten, viel schwierigeren geht es darum, die neue Wirklichkeit nicht zur Normalität werden zu lassen - oder etwas größer formuliert: die Fußballkultur zu retten. In den Niederlanden sollen Fans wieder in die Stadien dürfen, dort aber weder singen noch rufen. In Dänemark wurden virtuelle Fans auf Videowänden zugeschaltet. Es wird mit Apps experimentiert, die die Akustik vom Couch-Publikum ins Stadion transportieren sollen. Oder Wärmebildkameras zur Messung der Körpertemperatur, personalisierte Tickets, Abschaffung von Stehplätzen? Alles starker Tobak für Fans.

Die am traditionell DFL-kritischen Standort Bremen ausgebrochene Relegations-Euphorie zeigt, dass das Publikum noch da ist, auch wenn es nicht zu sehen war. Die Wiederaufnahme der Bundesliga war noch ein Hinterzimmerding zwischen Liga und Politik, über die Zukunft der Fankultur sollten auch die mitreden dürfen, die sie tragen - die Fans.

© SZ vom 29.06.2020/schm
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