Borussia Dortmund Schachspielen können sie auch

Die BVB-Spieler feiern nach dem 2:1 gegen Gladbach.

(Foto: Bernd Thissen/dpa)
Von Ulrich Hartmann, Dortmund

Das Lob fiel gewaltig aus. Die Dortmunder Fußballer bekamen vom Trainer "eine fantastische Hinrunde" bescheinigt - aber dieser Trainer hieß Dieter Hecking und arbeitet für Borussia Mönchengladbach. Dortmunds eigener Trainer Lucien Favre sagte nach dem 2:1-Sieg im Spitzenspiel und nach der mit 42 Punkten zweitbesten Hinrunde in der BVB-Vereinsgeschichte, dass man sehr hart gearbeitet habe und dass man auch weiterhin sehr hart arbeiten müsse. Der Begriff "fantastisch" kommt in Favres Vokabular eigentlich nicht vor.

Bei Aufnahme seiner Tätigkeit in Dortmund vor einem knappen halben Jahr hat Favre gesagt, dass die Mannschaft Zeit brauchen werde und die Fans Geduld. Diese Prognose hat sich als falsch herausgestellt, denn die Mannschaft hat gleich in der ersten Halbserie unter Favre 19 von 25 Pflichtspielen gewonnen, hat 59 Tore geschossen, ist Herbstmeister, steht im Achtelfinale der Champions League und im Achtelfinale des DFB-Pokals. Das sind in der Summe Errungenschaften einer "fantastischen" Hinrunde, aber die Demut und die Vorsicht sind in Dortmund derart groß, dass diese emotionale Feststellung vom Gäste-Trainer gemacht werden musste. Vielleicht muss man Dortmunds Gegner gewesen sein, um Dortmunds Fußball so überschwänglich loben zu können.

Dabei haben sie gegen Gladbach nicht gerade ihr bestes der 25 Spiele gemacht. Drei Tage, nachdem sie in Düsseldorf die zweite von zwei Niederlagen des ersten Halbjahres beim 1:2 in Düsseldorf erlitten hatten (die erste war ein 0:2 bei Atletico Madrid), spürte man den Dortmundern an, dass sie sich von den Gladbachern nicht so auskontern lassen wollten wie von den Düsseldorfern. Sie spielten also vorsichtiger, und weil die Gladbacher auch vorsichtig spielten, sprach der Trainer Hecking hinterher von einem "Schachspiel". Favre gefiel der Vergleich. Er stimmte Hecking zu.

Mario Götze bereitet beide Tore vor

Die Treffer durch Jadon Sancho (42.) und Marco Reus (54.) bereitete mit Mario Götze ein Spieler vor, der in der ersten Saisonphase kaum Einsätze bekommen hatte und der diesmal nach 34 Minuten auch nur deshalb so früh eingewechselt wurde, weil der Mittelstürmer Paco Alcàcer sich den Oberschenkel gezerrt hatte. Doch Götze ist für den BVB längst zu einer wichtigen und immer häufiger auch effektiven Alternative geworden. Brillant von ihm war vor allem der Pass zum 2:1, in den sich der Torschütze Reus regelrecht hineinwarf.

Reus wirkte in dieser Hinrunde gelöst wie noch nie. Er sagt, das liege daran, dass er frei von Beschwerden und mit Spaß Fußball spielen könne. Reus ist mit elf Toren und acht Vorlagen in der Bundesliga Dortmunds Top-Scorer. Alcácer ist mit zwölf Treffern bester Torjäger. Sancho ist mit neun Assists bester Vorlagengeber - und er ist der beste Dribbler. "So einen Spieler braucht man im modernen Fußball", sagt Reus, "einen, der Eins-zu-Eins-Situationen sucht und auch gewinnt." Prototypisch war Sanchos 1:0-Treffer, er tanzte Gladbachs Oscar Wendt regelrecht aus.

Wichtigster BVB-Spieler neben Reus war bislang der Belgier Axel Witsel. "Einer wie er hat uns in den letzten Jahren gefehlt", sagt Reus. Witsel organisiert das Mittelfeld, verteilt die Bälle, gewinnt fast jeden Zweikampf und strahlt eine Ruhe aus wie kein anderer Spieler in der Liga. Weil zudem der Kader groß und ausgeglichen sei, so Reus, habe man viele Möglichkeiten zu wechseln. Das spare Kräfte. "In den letzten Jahren haben wir im Herbst oft wichtige Spiele verloren - das ist diesmal nicht so."

Und so sah man nach dem letzten Hinrundenspiel ausschließlich strahlende Gesichter beim BVB. Die maue vergangene Saison unter den Trainern Peter Bosz und Peter Stöger ist längst vergessen, Dortmund ist so stark wie zuletzt vor ein paar Jahren unter Jürgen Klopp. Die beste aller Hinrunden war jene der Saison 2010/11, als man am Ende Meister wurde.

Wer sich über Weihnachten hochrechnend mit der Bundesliga beschäftigt, muss zu dem Ergebnis kommen dass die Dortmunder den Meistertitel vermutlich nur dann nicht gewinnen werden, wenn sie ihre eigene Leistung nicht halten können. Weil Trainer Favre das weiß, lobt er die Mannschaft nicht überschwänglich, sondern betont immer wieder, dass man weiter so hart arbeiten müsse wie bisher. Zum Wintertrainingslager geht es nach Marbella, am 19. Januar geht die Saison schon weiter. Und während die Branche über den angehenden Meister Borussia Dortmund spekuliert, sagt Lucien Favre demonstrativ: "Unser nächstes Spiel ist in Leipzig."

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