Blutdoping-Affäre weitet sich aus Claudia Pechstein taucht in Patientenkartei auf

In die Doping-Affäre um den Erfurter Arzt Andreas Franke kommt neue Brisanz: Zu seinen Patienten zählen offenbar auch prominente Sportler wie Eisschnellläuferin Claudia Pechstein. Der Olympiasiegerin könnte nun ein Verfahren drohen.

Von Andreas Burkert

Die Dopingaffäre um Andreas Franke, den langjährigen Vertragsarzt des Olympiastützpunkts Thüringen in Erfurt, weitet sich erwartungsgemäß aus. Wie die Sportschau am Sonntag unter Berufung auf Dokumente aus Ermittlerkreisen berichtete, finden sich in der Patientenkartei des Erfurter Mediziners auch namhafte Sportler - darunter Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein und Straßenrad-Sprinter Marcel Kittel, der 2011 im Debütjahr 17 Profisiege feierte. Auch ihnen könnten somit Dopingverfahren wegen unerlaubter Manipulation drohen. Pechstein, 39, war 2009 wegen auffälliger Blutwerte für zwei Jahre gesperrt worden.

In der Patientenkartei? Claudia Pechstein (Foto von 2009).

(Foto: AP)

Franke hat nach SZ-Informationen seit 2005 mindestens 30 Athleten der nicht zulässigen UV-Behandlungsmethode unterzogen. Gegen zwei Athleten hat die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) bereits Ermittlungsverfahren eingeleitet (SZ vom 18.1.), sie werden vor dem Schiedsgericht des deutschen Sports behandelt und dienen der Nada als Präzedenzfälle. Einige Nachwuchssportler sollen zum Zeitpunkt der Blut-Behandlung noch minderjährig gewesen seien.

Auf die Spur Frankes war die Staatsanwaltschaft München gestoßen bei Ermittlungen gegen Unbekannt zur Affäre Pechstein. Nachdem die Sache in München eingestellt wurde, gingen die Akten an die Justiz Erfurt. Grund soll ein abgehörtes Telefonat zweier Frauen gewesen sein, die sich über die UV-Methode unterhielten und angeblich explizit von Doping sprachen.

In der Praxis Frankes und im Olympiastützpunkt fanden daraufhin im Frühjahr 2011 Polizeirazzien statt. In der Arztkartei fanden sich jene Athletennamen, deren Blut mit der UV-Methode behandelt wurde. Franke hat den Vorgang an sich zugegeben, jedoch behauptet, dies sei in kleinen Dosen zulässig. Dem steht der Kodex der Welt-Anti-Doping-Agentur gegenüber, die seit 2005 jede Art von Bluttransfusionen verbietet.

Die Nada weiß seit einem Jahr von den mutmaßlichen Verstößen, ebenso wohl DOSB und Bundesinnenministerium. Dass sie bisher nur zwei Fälle verfolge, begründet die Nada mit dem finanziellen Umfang der Vorgänge; würden die zwei Sportler jedoch verurteilt, folgten weitere Verfahren. Bei den Präzedenzfällen handelt es sich um die aktuelle WM-Eissprinterin Judith Hesse, die sich selbst bei der Nada angezeigt hatte, sowie Bahnrad-Nationalfahrer Jakob Steigmiller.

Brisanz birgt die Affäre nun wegen Namen wie der von Claudia Pechstein, die sich auf SZ-Anfrage nicht konkret äußern wollte. Sie betonte lediglich, "dass ich niemals gedopt, niemals zu unerlaubten Mitteln oder Methoden gegriffen habe". Auch der frühere 800-m-Olympiasieger Nils Schumann und der WM-Zweite von 2005 im Weitsprung, James Beckford aus Jamaika, sollen auf der Liste stehen.

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