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Biathlon-WM:Sternzeichen Schnellschütze

Biathlon Weltmeisterschaft

Alles strahlt: Émilien Jacquelin und seine Goldmedaille.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Nach einem Sommer voller Fragen und Zweifel verteidigt der Franzose Émilien Jacquelin seinen Titel im Verfolgungsrennen. Vor allem am Schießstand bringt er die Beobachter zum Staunen.

Von Saskia Aleythe, Pokljuka

Dieser Moment war seit acht Monaten schon in seinem Kopf. Seit dem Sommer, als Émilien Jacquelin wieder Kilometer im Training sammelte für die Belohnungen im Winter. 2020 war der Franzose erstmals Weltmeister geworden in der Verfolgung von Antholz, doch wie sollte er damit umgehen? "Es war hart für mich weiterzumachen", sagte der 25-Jährige nun bei der WM in Slowenien, er stellte sich viele Fragen, auch die: Was bin ich für ein Biathlet? "Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht der Typ bin, der immer mehr will", so Jacquelin, "ich war froh über meinen Titel, aber es war schwer für mich, noch dieselbe Leidenschaft zu empfinden."

Titel, Medaillen, erfüllte Träume, sie können einen auch überwältigen, doch Jacquelin hat seine Leidenschaft wiedergefunden, vor allem für das Verfolgungsrennen. Am Sonntagnachmittag gewann er erneut Gold, emotional aufgewühlt stand er später im Ziel auf der Pokljuka. "Ich bin noch stolzer als letztes Jahr", sagte er. Martin Fourcade, lange der Dominator im Weltcup, hatte im Sommer seine Karriere beendet und dann war da plötzlich Jacquelin, Weltmeister, auch mit der Staffel, dazu kamen zwei Bronze-Medaillen aus dem Single-Mixed-Rennen und dem Massenstart.

"Ich habe mich nicht so gefühlt, als könnte ich dieses Jahr große Sachen machen", sagte Jacquelin bei den Weltmeisterschaften. In Oberhof Anfang Januar stürzte er, das Gewehr brach, er musste sich ein neues anfertigen lassen, kaum einen Monat vor der WM. Das Training fiel ihm auch läuferisch schwer, plötzlich kam er nach vielen guten Ergebnissen nicht mehr in die Top Ten.

Erst als 16-Jähriger steigt Jacquelin vom Rad ab und auf die Ski um

Es gibt verschiedene Typen im Biathlon, für Jacquelin ist die Verfolgung das Maß der Dinge. Mehr als die Hälfte seines Lebens hat er mit Radfahren verbracht, ist Rennen gefahren, in seiner Familie hatte der Sport Tradition: Der Ur-Großvater war auf der Bahn unterwegs, der Opa war Straßenprofi, auch Jacquelins Vater schaffte es beinahe zur großen Karriere. Erst mit 16 Jahren stieg Émilien ganz auf den Wintersport um, seitdem profitiert er von den Grundlagen seines früheren Lebens. Er liebt den Zweikampf, kann sich durch die schmerzhaften Abschnitte quälen - wenn der Kopf mitmacht. Die Verfolgung, so sagte Jacquelin der Zeitung Le Dauphine, sei ein Rennen, "bei dem ich mich glücklich fühle und den Eindruck habe, in die Kindheit zurückzufallen, ich spiele mit anderen Gegnern".

Mit welchem Esprit er in der Verfolgung in Antholz vor einem Jahr an Johannes Thingnes Bö auf den letzten 300 Metern vorbeigezogen war und sich später Gold umhängen konnte, das hat die Konkurrenz mit Anerkennung wahrgenommen. Es war so eine Szene, für die Jacquelin seinen Sport betreibt und die er sich nun auch für Pokljuka wünschte - allerdings war er dafür diesmal zu gut. Bronze im Sprint hatte ihn schon selber überrascht, er wollte dort nur "in eine gute Position" für den Verfolger kommen. Nun lief er nach dem zweiten Schießen am Sonntagnachmittag schon in Führung liegend allen davon. Und dann kamen selbst die Trainer der anderen Nationen ins Staunen. Sie konnten ja sehen, wie Jacquelin völlig ohne Not in 17,3 Sekunden alle Scheiben versenkte, im dritten Schießen. Und im vierten? 17,7 Sekunden, gleiche Ausbeute. Jacquelin, Sternzeichen Schnellschütze. "Ich habe nicht daran gedacht, schnell zu schießen. Es kam einfach so aus mir heraus", sagte er später, "ich war einfach ich selber."

Hinter ihm sicherte sich Sebastian Samuelsson aus Schweden Silber, er tat Bö das an, was Jacquelin in Antholz gelungen war: Samuelsson bezwang den laufstarken Norweger auf der Schlussrunde, zwei Strafrunden mehr konnte sich Bö dafür im Vergleich zu den anderen Medaillengewinnern leisten. Als bester Deutscher holte Arnd Peiffer nach Rang 36 im Sprint 16 Ränge auf, konnte mit vier Fehlern aber erneut nicht glänzen. "80 Prozent Trefferleistung sind einfach zu wenig", sagte er. Der neue Weltmeister traf alles. "Für mich ist es sehr schwer, immer auf diesem Niveau zu sein, manchmal will mein Kopf nicht, dass ich solche Rennen mache", sagte Jacquelin noch. Zur WM jetzt war aber auch der Kopf bereit.

© SZ/moe/schm
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