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Berliner 2:1-Sieg -:Rasenschach mit Knalleffekten

Ingolstadt wütet über eine Schiedsrichterentscheidung, Hertha festigt Platz drei.

Von Klaus Hoeltzenbein, Berlin

Michael Henke ist jetzt 58, er hat viel erlebt in den Stadien dieser Welt. Er saß als Assistent neben Ottmar Hitzfeld, als die Dortmunder 1997 die Champions League gewannen, und er saß neben Hitzfeld, als dieser die Bayern 2001 zum Europacup-Triumph coachte. Heute sitzt Henke beim FC Ingolstadt neben Ralph Hasenhüttl. Und für einen, der eigentlich schon fast alles gesehen haben sollte, kann er sich noch unglaublich aufregen. Als Erster stürmte Henke nach dem Abpfiff die Stufen aus dem Innenraum des Berliner Olympiastadions hinunter, die noch tiefer in die Katakomben führen, einen gar nicht so jugendfreien Fluch auf den Lippen: "Wirst nur beschissen, weil die Hauptstadt Champions League spielen muss!" Kopfschüttelnd raste Henke weiter, neben dem Tackern der Stollen seiner Fußballschuhe hinterließ er noch einen lauten Nachsatz: "Nicht zu fassen, nicht zu fassen!"

Jede Niederlage hat ihre Schlüsselszene, so auch dieses 1:2 (0:0) des FCI bei der Hertha in Berlin. In diesem Fall ereignete sie sich in der 54. Minute. Herthas Skjelbred eroberte gegen Lezcano hart den Ball, der FCI reklamierte Foul, Schiedsrichter Ittrich aber ließ weiterspielen. Hertha nutzte die Verwirrung, der Ball fand über Kalou zu Plattenhardt zu Haraguchi, der ihn im Netz platzierte. Trainer Hasenhüttl blieb später auf der Pressekonferenz ("Ich werde nix sagen, weil es nix bringt") reservierter als sein Assistent, aber jeder wusste, dass die Gäste ihren Ärger auf die lange Reise mit nach Hause nehmen würden. Es ist ja nicht das erste Mal, dass sie das Gefühl haben, als Aufsteiger den ein oder anderen Fehlpfiff aushalten zu müssen.

Artistisch: Herthas Ibisevic versucht sich an einem Rückfallzieher. Der Schuss bringt nichts ein - Berlin schlägt Ingolstadt dennoch 2:1.

(Foto: Odd Andersen/AFP)

Den FC Ingolstadt tröstet der Blick auf die Tabelle

Was im Gesamtbild vor der österlichen Länderspielpause tröstet, ist der Blick auf die Tabelle: Der FCI liegt auf Platz zehn und damit weiter im Plan, auch wenn nach den Toren von Herthas Kalou (69.) und dem Ehrentreffer des eingewechselten Hinterseer (75.) die schöne Serie nach fünf Spielen ohne Niederlage gerissen ist. Hertha setzt sich mehr und mehr auf Platz drei hinter dem FC Bayern und Dortmund fest und wäre damit direkt für die Champions League qualifiziert. Im folgenden Auswärtsduell in Mönchengladbach ginge dieser dritte Platz nicht einmal bei einer Niederlage verloren.

Die Befürchtung war ja vor Anpfiff, beide Teams würden sich ineinander verhaken, rund um den Mittelkreis. Beide gehören bekanntlich zu den taktisch Bessergebildeten in der Liga, was in ihren Spielen gewisse Neutralisations-Effekte nach sich zieht. Und einen Geiz an Toren - das 3:3 des FCI zuvor gegen den VfB Stuttgart muss als tolldreiste Ausnahme gelten. Umso erstaunter war das Publikum (offiziell 40 385), dass sich umgehend zwei Knalleffekte einstellten: Ein Kopfball von Ibisevic, der zwar im Netz landete, jedoch zu Recht als Abseits gewertet wurde (5.), und ein strammer Schuss von Pascal Groß, der Herthas Torwart Jarstein zu Aufwärmübungen zwang (9.).

Schema & Statistik

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Das Spektakel zum Start erwies sich jedoch schnell als optische Täuschung, fortan fanden beide Teams in ihre wohlbekannten Rollen. Beide besetzt mit Marathonläufern am Ball, die sich höchst konzentriert mit Zweikampf-Serien beschäftigten. Ein langes "Ohhhhhhh" zog erst wieder durch das Olympiastadion, als Ibisevic nach exakt 37 Minuten und 53 Sekunden zu einem sehenswerten, aber renditefreien Fallrückzieher ansetzte. Zwischenfazit zur Pause: Ein Duell für Experten, die sich für die Details von Rasenschach interessieren, keines für Zuschauer, die darauf aus sind, unvergessliche Erlebnisse zu sammeln.

Dardai spricht von einem "wunderbaren Tor", Ingolstadt protestiert

Mit besten Vorsätzen kamen beide Teams aus der Kabine, und es dauerte dann auch nur wenige Minuten, da jubelten die Weiß-Blauen - und die Japaner. Jene Reporter auf der Tribüne, die aus Asien geschickt wurden, um von den Taten des Genki Haraguchi zu künden, gestatteten sich einen Aufschrei: Herthas 1:0 (54.) war Haraguchis zweites Saisontor. Trainer Dardai sprach später von "einem wunderbaren Tor", während Co-Trainer Henke und seine Ingolstädter wild wie vergeblich protestierten. Es war dem Spielverlauf nach allerdings eine verdiente Führung, denn Hertha hatte bis dahin doch etwas mehr gewollt in diesem Gefecht. Die Bestätigung folgte eine Viertelstunde später - und wieder gab es einen Aufschrei der Japaner. Diesmal war Haraguchi der Flankengeber, präzise seine Hereingabe, nach der sich Kalou den 13. Saisontreffer gutschreiben lassen durfte.

Die wütende Schlussviertelstunde blieb für den FCI bis auf Hinterseers Kopfballtreffer ohne echten Nutzen. Das Schlusswort gehörte dann einem Trainer, der, auch wenn der Klassenerhalt rechnerisch noch nicht gesichert ist, offenbar schon mehr weiß: "Wir kommen wieder", stellte Hasenhüttl fest.

© SZ vom 20.03.2016
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