Manipulationsverdacht Belgiens Fußball zittert: Der "Weihnachtsmann" will auspacken

Auch im Fokus der Ermittler: Champions-League-Teilnehmer FC Brügge.

(Foto: AFP/Getty Images)
  • Im Skandal in Belgien um möglicherweise abgesprochene Ergebnisse und mutmaßlichen Steuerbetrug will ein Kronzeuge, der serbische Spielervermittler Dejan Veljkovic, auspacken.
  • Veljkovic gilt als eine der Schlüsselfiguren im belgischen Fußball. Sein Spitzname ist "Weihnachtsmann".
  • Er könnte von einer Gesetzesänderung für Kronzeugen profitieren, die umfassend aussagen.
Von Thomas Kirchner, Brüssel

Der Skandal um abgesprochene Spielergebnisse und finanzielle Unregelmäßigkeiten in der obersten belgischen Fußball-Liga hat eine spektakuläre Wende genommen. Der Justiz gelang es, einen der Hauptbetroffenen, den serbischen Spielervermittler Dejan Veljkovic, als Kronzeugen zu gewinnen. Sein Klient werde "alles" sagen, erklärte Veljkovics Anwalt Kris Luyckx. In Medienberichten hieß es, die Nachricht habe die "halbe belgische Fußballwelt" in Schock versetzt, da nun weitere Enthüllungen im großen Stil bevorständen. Die Zeitung Het Laatste Nieuws erwartet einen "Schneeballeffekt", Le Soir schreibt von einer "Zeitbombe".

Veljkovic, 48, gilt als eine der Schlüsselfiguren im belgischen Fußball. Er hat die Transfers von Dutzenden Spielern organisiert und sich bei mehreren Vereinen unabdingbar gemacht, indem er ihnen aus der Patsche half. Nach einer Razzia bei fast allen belgischen Klubs war er im Oktober zusammen mit einem weiteren Vermittler, Klubverantwortlichen, zwei Schiedsrichtern und einem Anwalt festgenommen worden. Ihnen werden Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, Geldwäsche und Bestechung vorgeworfen. Veljkovic, der seither in Untersuchungshaft sitzt, kam nun unter Auflagen frei.

Kronzeugen, die aussagen, winkt eine hohe Straferleichterung

Das Kronzeugengesetz wurde im Juli beschlossen, der Serbe wäre der Erste in der belgischen Geschichte, der davon profitiert. Bedingung sei, dass er umfassend bei den Ermittlungen helfe, sagte ein Justizsprecher. Dann bekäme er eine hohe Straferleichterung. Statt maximal 15 Jahren Haft ohne Bewährung werden ihm fünf Jahre Haft und 80 000 Euro Bußgeld angeboten, beides auf Bewährung. Außerdem müsste er alles Geld zurückzahlen, das er aus illegalen Geschäften eingenommen hat. Sagt er falsch oder unvollständig aus, ist die Abmachung hinfällig. Auch der belgische Fußballverband hat reuigen Sündern Straferleichterung in Aussicht gestellt.

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In Belgien wird "Footbelgate" als weiteres Beispiel für das Fehlen verbindlicher Normen in der Gesellschaft angesehen. "Er arbeitete in einem Bereich, der durch und durch verdorben, in dem Regellosigkeit die Regel ist", sagte Veljkovics Anwalt. "Er will nicht der einzige sein, der dafür bezahlt. Er wird auch über die Verwicklung anderer Personen aufklären, gegen die noch nicht ermittelt wird oder deren Rolle noch nicht bekannt ist."

Veljkovic könnte Licht in ein offenbar verbreitetes Steuerbetrugssystem bringen

Bei dem Skandal geht es zwar auch um manipulierte Spiele unter Beteiligung Veljkovics - betroffen sind zwei Partien aus dem Abstiegskampf der vergangenen Saison -, doch konzentrieren sich die Ermittler vor allem auf finanzielle Unregelmäßigkeiten. Veljkovic könnte Licht in ein offenbar verbreitetes Steuerbetrugssystem im belgischen Profifußball bringen. Es basiert auf überhöhten Angaben zu Transferpreisen. Einen Teil davon steckten sich Vermittler und Klubverantwortliche in die eigene Tasche, vor dem Fiskus versteckten sie es auf verschlungenen Wegen mit fingierten Rechnungen über Steuerparadiese. Die Rechnungen und Verträge deklarierte Veljkovic laut Staatsanwaltschaft als "Provision", "Beratung", "Scouting" oder "Sonderkosten" - anschließend wanderte das Geld weiter zu Familienmitgliedern Veljkovics in Zypern, Montenegro und Serbien. "Er wird erläutern, welche finanziellen Vereinbarungen getroffen werden und wie das Geld durch offizielle und inoffizielle Verträge fließt", sagte Luyckx.

Brügge, Genk und Lüttich sind im Visier der Ermittler

Besonders enge Beziehungen pflegt Veljkovic, früher selbst Spieler in einem belgischen Profiklub, zu den Vereinen KV Mechelen und SK Lokeren. Im Visier der Ermittler sind nun Funktionäre und Manager von KRC Genk, FC Brügge, Standard Lüttich und weiteren flämischen Vereinen, die mit Veljkovic zusammenarbeiteten. Spieler sollen von versteckten Zuwendungen profitiert haben. Und auch Trainer hatte Veljkovic unter Vertrag.

In Fußballkreisen wird der Vermittler auch "Weihnachtsmann" genannt, weil er großzügig Geschenke verteilt. Ansonsten gilt er als zurückhaltend, als einer, der im Hintergrund arbeitet, im Gegensatz zu seinem ebenfalls einsitzenden flamboyanten Kollegen Mogi Bayat, der zweiten Schlüsselfigur in der "Operation Saubere Hände". Dessen Anwalt bezeichnet Veljkovics Kronzeugen-Deal als "verrückt". Bayat werde zu Unrecht von der Justiz und von den Medien verteufelt.

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