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WM in Belarus:Das verstörende Zögern des Eishockey-Weltverbandes

MINSK, BELARUS - JANUARY 11, 2021: The President of Belarus, Alexander Lukashenko (L), and the President of the Internat

Treffen in Minsk: der belarusische Staatspräsident Alexander Lukaschenko (links) und René Fasel, Präsident des Eishockey-Weltverbandes.

(Foto: Nikolai Petrov/Itar-Tass/Imago)

Trotz des brutalen Vorgehens des belarusischen Regimes entzieht die IIHF dem Land nicht die WM. Das ist grotesk. Auch die deutschen Verantwortlichen geben eine schlechte Figur ab.

Kommentar von Johannes Aumüller

Die Bilder aus Minsk wirkten mal wieder ziemlich verstörend. Freundschaftlich saßen zu Wochenbeginn zwei ältere Herren zusammen, zum einen der diktatorisch regierende belarusische Staatspräsident Alexander Lukaschenko, zum anderen der Schweizer René Fasel, seines Zeichens seit vielen Jahres Präsident des Eishockey-Weltverbandes IIHF. Der "liebe René", wie der grausame Alexander den Besucher begrüßte, war mitsamt einer Delegation in Minsk erschienen, um Gespräche über die für Ende Mai und Anfang Juni in Lettland und Belarus geplante WM zu führen. Dort gab es nette Plaudereien und eine brüderliche Umarmung, und am Ende stand die Botschaft, dass Lukaschenko auch weiterhin damit rechnet, Gastgeber des WM-Turniers zu bleiben.

Offiziell will der Weltverband bei einer Sitzung in knapp zwei Wochen die Frage klären. Aber es ist grotesk, dass eine WM in Weißrussland noch immer eine ernsthafte Variante ist - und dass Fasel und seine Vorstandskollegen, zu denen auch der deutsche Eishockey-Präsident Franz Reindl zählt, dem Regime den Gastgeber-Status nicht schon längst entzogen haben.

Lukaschenko gilt nicht umsonst als "letzter Diktator Europas". Mit großer Brutalität lassen er und sein Regime seit Monaten die Proteste gegen die offenkundig manipulierten Präsidentschaftswahlen und das repressive System niederschlagen. Zehntausende Menschen sind festgenommen worden, bis heute sitzen Oppositionspolitiker und kritische Journalisten in Isolationshaft, es gab Hunderte Verletzte und zahlreiche Tote.

Der deutsche Eishockey-Chef Franz Reindl windet sich

Wie kann es vor diesem Hintergrund ernsthaft eine Alternative dazu geben, dem Autokraten und Eishockey-Liebhaber Lukaschenko die gewünschte Bühne zu entziehen?

Es ist immer wieder erschreckend, wie sich die Potentaten dieser Welt im organisierten Sport heimelig fühlen dürfen. Der Unmut wegen dieses Verhaltens ist längst riesig. Die mehr als 1000 Sportler und Trainer, die sich in der Belarusian Sport Solidarity Foundation zusammengeschlossen haben und von denen einige persönlich unter der Gewalt des Regimes zu leiden hatten, plädieren schon lange für einen WM-Entzug. Die Oppositionspolitikerin Swetlana Tichonowskaja sagte dem Spiegel, es wäre eine "Schande", wenn das Event dort stattfinde. Auch zahlreiche Politiker etwa aus dem Europa-Parlament oder dem Bundestag fordern eine Verlegung.

Umso wichtiger wäre es, wenn sich die verantwortlichen deutschen Sportfunktionäre wie Eishockey-Chef Reindl, der als möglicher Nachfolger des im Herbst aus dem Amt scheidenden IIHF-Präsidenten Fasel gilt, eindeutig positionieren. Am Dienstag ließ Reindl zwar mitteilen, "dass wir total verurteilen, was in Belarus passiert". Es werde versucht, ob der Sport zu Gunsten der Opposition und zu Gunsten der Leute, die unschuldig in Haft sind, etwas ausrichten könne. Und wenn das nicht gelinge, "dann entstehen auch Situationen, da kann man nicht mehr zustimmen, da wird es Lösungen geben". Aber zugleich verwies er darauf, dass ein einseitiger Boykott sportlich wie wirtschaftlich "erhebliche Nachteile für das deutsche Eishockey zur Folge" hätte.

Dabei wäre es angesichts des Verhaltens des Lukaschenko-Regimes längst Zeit für das klare Statement: An einer WM, die auch in Belarus stattfindet, kann keine deutsche Nationalmannschaft teilnehmen.

© SZ
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