Beachhandball:Sandhochburg Oberbayern

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Beachhandball: Ein Jahr nach dem EM-Sieg der nächste Coup: Die deutschen Beachhandballerinnen wurden auf Kreta Weltmeister.

Ein Jahr nach dem EM-Sieg der nächste Coup: Die deutschen Beachhandballerinnen wurden auf Kreta Weltmeister.

(Foto: Julia Nikoleit/dpa)

Deutschlands Frauenteam gibt beim WM-Sieg auf Kreta keinen einzigen Satz ab - und startet gleich zum nächsten Großereignis: den World Games in den USA. Dass die Wurzeln des Teams im Freistaat liegen, ist kein Zufall.

Von Stefan Galler

Mit ein bisschen Pathos kann man diesen Erfolg durchaus als epochal bezeichnen. Auf jeden Fall ist er so außergewöhnlich, dass sich der oberste Handballfunktionär des Landes mit mächtigen Worten meldete: "Für den deutschen Beachhandball ist das ein Meilenstein!" Kein Geringerer als der Präsident des Deutschen Handballbundes, Andreas Michelmann, ordnete den Weltmeistertitel der Frauen-Nationalmannschaft auf Kreta so ein: "Ein Jahr nach der Europa- auch die Weltmeisterschaft zu gewinnen, ist ein fantastischer Erfolg."

Viel Zeit, um das Erlebte sacken zu lassen, haben die angesprochenen Heldinnen, die zum größten Teil aus Bayern stammen oder bei bayerischen Klubs spielen, indes nicht: Schon in einer Woche starten in Birmingham/Alabama die World Games, sozusagen die Spiele für alle nicht-olympischen Sportarten - und dort wird auch die deutsche Weltmeistermannschaft an den Start gehen. Es ist eine riesige Veranstaltung mit 4500 Aktiven in 50 Sportarten, darunter neben Beachhandball auch Inline-Hockey, Bowling, Flag Football oder Squash.

Noch nie verlor eine Mannschaft bei einer Beachhandball-WM keinen einzigen Satz

"Dort geht es bei null wieder los", sagt Bundestrainer Alexander Novakovic, der momentan kaum zum Durchschnaufen kommt. Zumindest seinem Stamm im Team gönnt er gerade eine kleine Pause: Der Ismaninger hat für die IHF Global Trophy, ein Vier-Nationen-Turnier, das an diesem Wochenende im polnischen Danzig ausgetragen wird, Spielerinnen aus dem erweiterten Kader nominiert, also solche, die nicht bei der WM auf Kreta gespielt haben, die aber zum Teil durchaus das Zeug dazu gehabt hätten.

Was die Frauen-Nationalmannschaft bei ihrem Titelgewinn geschafft hat, ist ein Novum in der Geschichte dieses Sports: Ohne auch nur einen einzigen Satz abzugeben, pflügten die deutschen Spielerinnen durch den Sand in Heraklion - und gewannen auf dem Weg zum Titel nicht weniger als neun Partien, darunter die K.-o-Spiele gegen Portugal (Viertelfinale), Niederlande (Halbfinale) und Spanien (Endspiel) allesamt mit 2:0. Gewertet wird jeweils eine Halbzeit. Steht es 1:1, geht es sofort in einen Shootout, was sich das deutsche Team aber ersparte. "Die Mädels haben sich Legendenstatus erarbeitet", sagt Nationalcoach Novakovic.

Der Erfolg ist umso bemerkenswerter, als gerade in Spanien die Beachvariante mittlerweile einen immens hohen Stellenwert hat: "Dort spielen fast nur noch Spezialistinnen im Sand", erklärt Novakovic. "Zahlreiche ehemalige Hallenhandballer und -handballerinnen sind voll auf Beach umgestiegen", erklärt der Bundestrainer und stellt klar, dass diese Variante "alles andere als ein Nischenprodukt" sei: "Das hat diese WM gezeigt."

Die Klubs heißen Brüder Ismaning, Beach Bazis, Minga Turtles - nur zwei Spielerinnen haben keine Verbindung zu Bayern

Es ist nicht zuletzt auch bayerischen Vereinen zu verdanken, dass Deutschland nach dem Sieg bei der Europameisterschaft 2021 nun den Weltmeistertitel gewonnen hat - nachdem es seit dem Gewinn der Silbermedaille 2006 nicht mehr an einer WM teilgenommen hatte. Seinen eigenen Verein, den TSV Ismaning, der einst die Bundesligaspielerin Isabell Nagel, später auch Kapitänin der Nationalmannschaft, hervorgebracht hat, bezeichnet Novakovic als "Keimzelle" des Erfolgs. Nachdem Nagel selbst bereits vor ihrem Wechsel in den Profibereich gerne spaßeshalber in den Sandkasten geklettert war, wurde Beachhandball in der Region München von 2014 an professioneller.

Beachhandball: Erfolgreich in Schräglage: Lea Klingler (re.) im Endspiel gegen Spanien. Ist die Außenspielerin nicht gerade im Nationalteam beschäftigt, spielt sie für die Minga Turtles - oder in der Halle für den VfL Waiblingen.

Erfolgreich in Schräglage: Lea Klingler (re.) im Endspiel gegen Spanien. Ist die Außenspielerin nicht gerade im Nationalteam beschäftigt, spielt sie für die Minga Turtles - oder in der Halle für den VfL Waiblingen.

(Foto: Jörg Gettwart /HCD Gröbenzell/oh)

Mittlerweile gibt es drei oberbayerische Teams, die im bundesweiten Vergleich vorne mit dabei sind: Die Brüder Ismaning, bei der WM vertreten durch Sarah Irmler, die in der Halle für Frisch Auf Göppingen spielt, Michelle Schäfer (TV Hannover) und Kirsten Walter (HCD Gröbenzell), eine der Beach-Pionierinnen. Von den Beach Bazis aus Oberschleißheim berief Novakovic Isabel Kattner und Belen Gettwart in sein Zehner-Aufgebot, beide sind in der dritten Handballliga für Gröbenzell unterwegs. Und dann wären da noch die Minga Turtels, ebenfalls in Ismaning zu Hause, hier spielt während der Beachsaison neben Amelie Möllmann (TSG Ketsch) und Lena Klingler (VfL Waiblingen) auch Lucie-Marie Kretzschmar, Tochter von Handball-Legende Stefan Kretzschmar und ganz aktuell innerhalb der Hallenbundesliga von Neckarsulm zur HSG Bensheim/Auerbach gewechselt.

Auch dieses Trio gehörte zum WM-Kader, ebenso wie die überragende Torhüterin Katharina Filter und Rückraumschützin Liv Süchting, die jeweils für Buxtehude in der Halle und für die Beach Unicorns Hannover im Sand spielen und die einzigen Weltmeisterinnen sind, die keine Verbindung zu Bayern haben. Der Grund dafür, dass auch Profis aus anderen Bundesländern gerne im Landkreis München Beachhandball spielen, liegt auf der Hand: Ismaning ist mittlerweile offizieller Stützpunkt des Deutschen und Bayerischen Handballverbandes, hier finden Lehrgänge statt, Coach Novakovic und sein Team arbeiten unter perfekten Bedingungen. Diese Arbeit trägt nun Früchte, und wenn es nach dem Bundestrainer geht, muss dieser Titel nicht der letzte gewesen sein: "Unsere Aufgabe ist es nun, dafür zu sorgen, dass es erfolgreich weitergeht", erklärt Novakovic. "Diese Mannschaft hat den nötigen Charakter, um das auch zu verinnerlichen."

Die Spielerinnen sind jedenfalls mit Feuereifer bei der Sache: "Das ist ein einmaliges Gefühl. Wir haben wie im Rausch gespielt", sagte etwa Lucie-Marie Kretzschmar nach dem Finalsieg bei der WM. Vater Stefan war dann auch einer der ersten, der sich in den sozialen Medien mitfreute: "Wir sind Weltmeister", postete der Sportvorstand der Füchse Berlin und fügte Hashtags wie "bravomädels", "wasneleistung" und "stolzaufeuch" dazu.

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